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Film der Woche: «Indiana Jones»: 

Die Dummheit des Kristallschädels

22. Mai 2008 12:45
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George Lucas und Steven Spielberg sind die Schöpfer einer neuen westlichen Massenesoterik. In «Indiana Jones 4» gibt es wunderbaren Unsinn zu bestaunen, und Joachim Lottmann hat sich dabei ganz prächtig amüsiert.

Wie billiger Plunder wird allmählich behandelt, was an archäologischen Schätzen seit Jahrtausenden auf die Entdeckung durch Professor Indiana Jones (Harrison Ford) wartet. Einst ging es um die Bundeslade, im ersten Film, und die wurde noch mit Respekt hin und her getragen. Dann schwammig nur noch um den sogenannten heiligen Gral - wer mochte daran noch glauben?

Und jetzt ist er auf Däniken-Niveau heruntergesunken und gräbt Marsmännchen frei, die am Ende mit der fliegenden Untertasse verschwinden. Dazwischen trampelt der rasende Abenteurer und Halbtags-Archäologe auf unendlich vielen Schätzen aus allen Kulturphasen der Menschheit herum wie kulturlose US-Soldaten einst im Museum von Bagdad. Kriegt er eine Vase aus der Ming Dynastie in die Hand, zerschlägt er sie bestimmt auf dem Hinterkopf des nächsten Faschisten oder Kommunisten.

Atombombe? Mir doch egal

Der Film ist trotzdem großes Kino. Innerhalb seines Genres, nennen wir es «Blockbuster Filme», ist er herausragend. Das liegt vor allem an drei Dingen: der ruhigen Hand Spielbergs, der noch immer weiß, was einen «richtigen» Film vom blinden Technik-Getöse heutiger Actionfilme unterscheidet. Zum zweiten seiner Vorliebe für die gute alte Zeit des mittleren 20. Jahrhunderts und die damals eingesetzte Militärtechnik: Der Held ratterte in alten Nazi-Panzern durch Rommels Wüste und erledigte immer ganz viele ganz doofe Nazis. Jetzt, in den 50er Jahren, überlebt er sogar einen Atombombentest und tötet dabei ganz viele ganz doofe Sowjetsoldaten. Zum dritten ist die schauspielerische Leistung vieler Darsteller super.

Schon Sean Connery wuchs unter Spielberg über sich hinaus, als er den Vater von Indianer Jones spielte. Er war da deutlich besser als in den James Bond-Filmen, und tötete auch mehr Menschen. Jetzt ist es Cate Blanchett, die endlich so spielt, als sei ihr der Oscar zu recht verliehen worden.

Vorbildliche Moral

Und Harrison Ford selbst macht seine Sache so gut wie immer schon. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen, und sie wächst von Minute zu Minute, je länger der Film dauert (123 Min). Er ist im Grunde ein alter Haudegen, der seinen Job durchzieht, wie ein sturmerprobter Abwehrchef einer Fußballmannschaft, Oliver Kahn zum Beispiel, und der dann durch menschliche, familiäre Dinge völlig überrascht wird - aber nach einigen Schrecksekunden auch auf diesem ungewohnten Feld seinen Mann steht. So schickt ihm diesmal eine vor Jahrzehnten abgelegte Ex-Geliebte einen erwachsenen Sohn vorbei, von dem er nichts wußte. Die recht verblühte Mittfünfzigerin hat inzwischen jeden Reiz verloren. Dennoch schließt Indiana Jones seinen Sohn samt Mutter ins Herz, heiratet die Dame nachträglich und nimmt die 1936 unterbrochene Liebesbeziehung wieder auf. Das ist vorbildlich, vor allem für die Moral und Denkungsart heutigen Zeitgeistes.

Womit wir beim Thema wären. Natürlich sind Blockbuster Filme a priori Zeitgeist pur, und gerade bei Lucas- und Spielbergfilmen konnte man das immer schon gut nachweisen. Die Ideologie des Jahres 2008 heißt «Familie», und das ist auch die eigentliche Story des Kristallschädel-Streifens. Der ewige Single geht auf im familiären Rahmen. Die sexuellen Freuden, die der einsame Held noch in «Kreuzzug» mit der hochgewachsenen blonden Nazi-Amazone Dr. Schneider genoß (er teilte sie sich übrigens im Bett mit seinem Filmvater Sean Connery, was heutzutage so politisch uncorrect wie moralisch undenkbar wäre): Sie werden ersetzt durch den wärmenden Trost, den ein langjähriger Lebenspartner und eigener Nachwuchs zu spenden vermögen.

War Stalin Buddhist?

Sinnlose Verfolgungsjagden allerorten
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Im Film wird die Handlung immer wieder von redundanten, sinnlosen Verfolgungsjagden unterbrochen, fast schon bedroht. Nicht einmal, nicht fünfmal, sondern wohl mindestens zehnmal geht Indiana Jones den ganz vielen ganz doofen Kommunisten in die (fast) tödliche Falle, es ist wie beim Hamster im Laufrad, er kommt nicht voran. Und immer geht es über wertvollstes Kulturgut, alte Maya-Tempel, unterirdische von Außerirdischen gebaute Pyramiden, unentdeckte Höhlen der Urchristen und so weiter - immer fliegt anschließend der ganze Krempel in die Luft. Als ewige Elefanten im frühgeschichtlichen Porzellanladen machen Indiana Jones und seine stets mitgeführte neue Familie einfach alles zu Scherben, was nur zu Scherben zu machen ist. Wenn dieser Professor sein Metier liebt, dann war Stalin Buddhist und Hitler ein Funktionär von Amnesty International. Nein, ein liebender Altertumsforscher würde sensibler auftreten. Aber es ist ja nun auch schon der vierte Film, da ist es mit Geduld und Behutsamkeit wohl vorbei.

Dieses stets so eklige Ambiente

Die wollen nur noch raus, aus diesem stets ekligen Ambiente aus Spinnennetzen, Skorpionen, Mumien, Totenschädeln in alten Gruften und Grabgängen, Heuschreckenschwärmen, heranflutenden Teppichen roter Ameisen (die einen ganz doofen Russen in neun Sekunden auffressen und schlucken). Mit dabei als fünftes Rad am Wagen ist ein alter Familienfreund namens «Ox». Man erkennt in ihm schnell den üblichen demenzkranken Opa oder Uropa heutiger Familien. Die bösen Russen haben ihm den Verstand weggefoltert.

Lucas und Spielberg sind die Erfinder der neueren westlichen Massenesoterik. Ihr antiaufklärerischer Grundimpuls war vor 25, 30 Jahren wirklich neu, und heute ist er weltweit durchgesetzt. Auch in diesem Film wird tonnenweise geheimnisvoller Unsinn geredet. Es werden Botschaften formuliert wie «Du mußt glauben, Junge, ganz fest!», und schon kommen Geister, finstere Mächte, ahnungsvolle Alte, würdige Weise, Gralsritter aus dem Jenseits, und ein Geschwurbel setzt ein, gegen das das Alte Testament so diesseitig wirkt wie die taufrische «Bild»-Zeitung von heute morgen. Es stört sich seltsamerweise niemand daran. Milliarden Kinder haben die Spielberg-Filme gesehen, ohne daß der Vatikan oder zumindest Alice Schwarzer protestiert hätten.

Töte die Vernunft in Dir...

Cate Blanchett
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Dabei hätte gerade sie besonderen Grund. Die Gegenspielerin der gruftigen Mystiker ist eine junge russische Frau, die immer wieder von sich sagt: «Ich will alles wissen.» Dafür, wirklich explizit dafür, wird sie mit dem Tode bestraft: die UFO-Männchen sprühen ihr soviel «Erkenntnis» per Laserstrahl ins Gehirn, bis es platzt. Sie stirbt als einzige Frau einen grauenvollen Tod. Sie ist die einzige Person, die noch an die Erkenntnis glaubte. Aber Erkenntnis wird in der Spielberg-Lucas-HerrderRinge-KriegderSterne-HarryPotter-Welt sowieso ganz anders definiert, nämlich als ihr Gegenteil: als wortlose visionäre «Kraft» höherer Wesen. Der Oberheilige der UFOS, der ultimative Kristallschädel, besitzt sie, die «Erkenntnis». Weswegen die Kohorten von Hollywood-Drehbuchschreibern auch gern Sätze drechseln wie «Du mußt die Vernunft in dir töten, um zur Erkenntnis zu gelangen...»

Und es geht weiter. Der Alien-Scheiß hat den Film längst ruiniert, aber Harrison Ford verteilt immer noch im Minutentakt Dutzende von Faustschlägen, läuft in weitere (fast) tödliche Fallen, tötet Russen, zerstört das Weltkulturerbe, immer forsch zu Militärmärschen und triumphaler Orchestermusik. Nach seinen deutschfeindlichen Ausfällen in den 30er Jahren ist Indiana Jones nun eindeutig russophob geworden. Vielleicht war die Zeit so, und Spielberg hat nur eine gewisse Geschichtstreue. Auch die Bauten, die Requisiten, die Autos, Frisuren, Outfits sind optimal echt. Das kommt dem Film durchaus zugute.

Generationen, vereinigt Euch an der Kinokasse!

Harrison Ford und seine Calista Flockhart bei der Filmpremiere in Cannes
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Und da er als Film auch sonst hohe Qualitäten hat, wird er ein Erfolg werden und seine Wirkung auf das Massenbewußtsein haben, wie seine Vorgänger. Oder stärker noch. Er besitzt generationenübergreifende Bindekraft. Die Indiana-Jones-Fans von einst gehen mit ihren Kindern und Kindeskindern dort rein, und nehmen sogar den demenzkranken Uropa mit. Er kann sich ja nicht mehr wehren.

Die Menschen sind nicht schlechter geworden in den Jahrzehnten der Mediengesellschaft, aber dümmer, und das lag eben an den Medien. Dort wirkten und wirken an entscheidender Stelle die Filme der modernen Massenesoterik, wie die Indianer-Jones-Trilogie. Ohne sie wären wahrscheinlich Phänomene wie ultrareligiöse Weltführer à la Bin Laden oder Bush nicht möglich gewesen. Und Besserung ist nicht in Sicht. Der vierte Teil kommt in die Kinos.

Alles mal ein bisschen tiefer hängen, bitte!

Aber - man kann das alles auch weniger dramatisch sehen, sozusagen ideologisch «ein wenig tiefer hängen». Auch Thomas Huetlin beschrieb kürzlich im «Spiegel» das Charlotte Roche Buch «Feuchtgebiete» als Untergang des Abendlandes - bis er selbst und eher zufällig an einer Lesung teilnahm, und erlebte, daß alle Frauen im Saal lachten. Es war alles nur Spaß! Niemand nimmt den Quatsch über Klospiele, verweigerter Hygiene, Wasch- und Deoverbote sowie anarchischer Fickregeln ernst. Mit etwas Humor lachen auch jetzt die «Indy»-Kids und machen sich keinen Kopf über mystisches Blabla. Unsinnige, aussagelose Sätze haben sowieso die Eigenschaft, daß man sie sich nicht merken kann. Sie rauschen folgenlos durch die Gehörgänge.

Viel schlimmer ist, daß Professor Jones gleich zu Anfang seine Stelle beim Marshall College verliert, weil die McCarthy Kommission für unamerikanische Umtriebe ihn verdächtigt, Kommunist zu sein. Und ähnlich realistisch geht es weiter. Indiana Jones outet sich als Anhänger Eisenhowers, wird notdürftig rehabilitiert, als ein Behördenvertreter sich an Jones´ Taten aus dem dritten Film erinnert. Realität und Fiktion werden immer auf interessante Weise gemischt, das war schon früher das Erfolgsrezept der Indy-Filme.

Gut durchgewalkt aus dem Hochglanzkino

Krabbelt da was?
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Diesmal kommt aber etwas ganz Neues und Entscheidendes hinzu: Die Animationsmöglichkeiten sind heute grundlegend anders und besser als vor 19 Jahren. Millionen Insekten können plötzlich ins Bild krabbeln, ganz echt. Verfolgungsfahrten können auf winzigen schmalen Bergstraßen in fünftausend Meter Höhe stattfinden, mit hoher Geschwindigkeit, über endlose Abhänge hinweg, immer mit einem Rad über dem Abgrund, alles völlig echt. Also so sieht es aus. Cate Blanchett kämpft von Jeep zu Jeep ein Fechtduell bei Tempo 130 aus - und gewinnt! Das wäre früher so nicht möglich gewesen, und die Zuschauer werden fast immer gut unterhalten, zum Beispiel in der Szene, als tausende von Amazonas-Affen dem Helden das Lianenschwingen beibringen und er dadurch das Ziel eher erreicht als die mit Hochgeschwindigkeit dahinbrausenden Russenpanzer... So kommt man gut durchgewalkt aus dem Hochglanzkino, hat die sieben-Euro-Popcorntüte restlos leergefuttert, und fühlt sich wie nach einem Besuch des Münchner Oktoberfestes, ohne Bier, aber mit vielen Fahrten im Horror-Looping. Also bestens.
 
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