Detektiv Rockford ist wieder da. Klaus Ungerer hat sich den Siebziger-Jahre-Helden geschnappt und lässt ihn gern wieder laufen - als Ambient-TV.
Kann man das sagen: Detektiv Rockford ist wieder da? Was man in den Händen hält, ist fraglos eine DVD. Fraglos steht da der richtige Name drauf, murrt James Garner in seiner Paraderolle vom Cover. Schon ein bisschen abgehangen, ein bisschen unterirdisch, ein bisschen über allem schwebend ist dieser ledrige, schelmische, widerstrebende Privatermittler der Siebziger, das Bindeglied zwischen den Rauskriegerstoffeln Columbo und Magnum.
Bei Detektiv Rockford ist es wie mit allem: Die Geschichten haben sich aufgelöst im Hirn. Das Erzählte, das formal Spannende, welches die Handlung antreibt, ist lange gelöscht. Kaum, dass man sich mal eines Mörders entsinnt oder der Tricksereien, die zu dessen Überführung notwendig waren. Detektiv Rockford, das ist die Summe aus dem leicht irritierten Knopfaugenblick, wenn gerade mal wieder ein mordlüsterner Lastwagen den Pontiac Firebird seitlich bedrängt, dem Anrufbeantworter zu Beginn jeder Folge, damals noch ein staunenswerter Gruß aus dem Reich der ungeahnten Möglichkeiten und dem knuffigen Papa Rockford, welcher mit dem Sohnemann angeln geht und dabei nie vergisst, gute Ratschläge zu geben.
Detektiv Rockford ist vor allem auch jene pfiffige Titelmusik, die im Hinterhirn eine eigene kleine Jukebox besetzt hält: Aus dem Speicher der Erinnerungen kullert der Groschen in den Schlitz, und los geht's. Detektiv Rockford, wenn man sich mal sammelt und das Erinnerte betrachtet, Detektiv Rockford ist im Grunde der Vorspann von Detektiv Rockford.
Und das ist auch gut so. Denn wenn man sich an jene fernen Tage erinnert, da man noch Glotze glotzte und ihr einigermaßen ausgeliefert war, dieser mächtigen Bewusstseinsverschlierungsmaschine, dann tut man es mit einem Seufzer der Erleichterung: Es war ein langer Weg, bis man halbwegs resistent wurde gegen den ewigen, vielfachen Strom des Pseudogeschehens, gegen das ständige Anreißen und Zerhacken von Emotion und Interesse, das unser Zappapparat uns allabendlich bot.
Wie viel sinnvoller er sich mittlerweile einsetzen lässt, da er nurmehr im Wohnzimmer schlummert! Programm braucht man keines. Nachrichten, die sich minütlich selbst übertölpeln. Journalisten, die sich gegenseitig interviewen. Talkshowstammgäste, die so merkwürdig in die Ferne starren, während sie im allgemeinen Gerede auf das Schlagwort warten, bei dem sie jetzt als nächstes Mal einhaken und ihr Eigengewäsch absondern wollen. Fernsehserien, in denen niemand mehr zu Fuß vom Haus zum Auto geht, es sei denn, eines von beiden explodiert gleich.
Man braucht das alles nicht. Was man braucht, ist eine DVD dann und wann. Manchmal soll es ja noch gute Filme geben. Einen wie Detektiv Rockford, den würde man sich ja im Fernsehen, die Macht in der Hand, gar nicht anschauen: zu hanebüchen die Geschichten, zu hölzern und schlecht beleuchtet das Gespielte, zu langwierig die Verfolgungsjagden, zu sehr in Frage gestellt durch die Schnitte der Werbung. Nee, also, da zappte man durch, kurz blitzte ein nostalgischer Mundwinkel hoch - und dann landete man doch wieder bei irgendwelchem Sportsender-Billard oder, mit Glück, am Fensterbrett mit einem Weinchen.
Wofür also bräuchte man eine Rockford-DVD? Weil Rockford erst als DVD mit dem Rockford der Erinnerung verschmilzt: Zappfrei pest er mit dem Pontiac durch kalifornische Wüste, querfeldein künden Staubwolken von ihm, redundant küsst er allem hübsch Weiblichen auf den Mund, hölzern charmiert er sich durch alles Brenzlige hindurch - und über allem: diese Musik!
Perfekter kann ein Abend kaum sein: Im Fernseher düdelt alle halbe Stunde die Rockford-Hymne, die Leute gehen über die Parkplätze auf ihre Autos zu, die Leute erkennen in ihren Rückspiegeln, dass sie von roten Chevrolet-Cabrios verfolgt werden, dann und wann rutscht eine Nachtclubtänzerin strahlend und glitzernd in den Spagat - Herr, lass alles wieder so harmlos werden, auf dass wir beim Fernsehen mal entspannen können! Rockford wirft Münzen in Telefonautomaten, Rockford chargiert sich in mieser Tarnung in die Millionärsvilla hinein, Rockford schüttelt vor Schmerzen die Hand, mit der er den Bösewicht soeben niedergeschlagen hat. Ungeschnitten, unzerworben, befreit von allem Handlungsdruck für uns, die wir mit dem Weinchen am Fensterbrett sitzen. Dann und wann hinschauen, dann wieder schwätzen, dann uns nur kurz unterbrechen, weil wir mitpfeifen müssen. Die Detektiv-Rockford-DVD ist uns ein wertvolles Gut, denn sie beschert uns das Ambient-TV, sie erfindet uns die Glotze neu: als eine Erinnerung ans Fernsehen.
«Detektiv Rockford - Anruf genügt» - Die erste Hälfte der ersten Staffel ist bei Universal auf vier DVDs erschienen.