netzeitung.deNicht allein im Fahrstuhl: von Triers «Geister»

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'Geister' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Geister'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Bizarrer Grusel mit Udo Kier in einem dänischen Krankenhaus. Neu auf DVD: Lars von Triers «The Kingdom - Hospital der Geister».

Der Film
Mit der Schwarzwaldklinik hatte Lars von Triers Krankenhausserie aus den neunziger Jahren soviel zu tun wie «Twin Peaks» mit «Der Alte». Schließlich schuf der dänische Regisseur mit «The Kingdom – Hospital der Geister» – noch vor seinem großen Durchbruch mit «Breaking the Waves» und Dogma 95 – eine völlig durchgedrehte, gespenstische Serie, wie man sie im Fernsehen nur in ganz seltenen Glücksfällen zu sehen bekommt. Beide jeweils vierteiligen Staffeln sind jetzt in einem hübschen grünen Schuber auf DVD erschienen.

Zentraler Handlungsort ist das dänische Reichskrankenhaus, in dem seltsame Dinge vor sich gehen: Der Chefarzt mit seiner «Operation Morgensonne» ist ein harmoniesüchtiger Trottel. Der schwedische Oberarzt Helmer, der durch einen Kunstfehler das Leben einer jungen Patientin ruiniert hat, schimpft auf dem Krankenhausdach über die Dänen. Und zwischen all den kleinen Beziehungsdramen, Intrigen und drastischen Vorkommnissen ist die alte Frau Drusse in ihrem Bademantel den Hospitalgeistern auf der Spur. Immerhin kann man nach dem außergewöhnlichen Ende der ersten Staffel und der «Geburt» Udo Kiers sofort weitergucken. Mit der zweiten, noch wahnsinnigeren Staffel sieht das leider anders aus: Die endet auch mit einem gemeinen Cliffhanger, dessen Auflösung vielleicht nie zu sehen sein wird. Da der Darsteller des boshaften Helmer, Ernst Hugo Järegard, 1998 gestorben ist, wurde die dritte Staffel 2000 bis auf weiteres auf Eis gelegt.

Für seine seltsamen wie großartigen Episoden verarbeitete von Trier Elemente aus Seifenopern und Krankenhausserien, spielte mit den gängigen Serienklischees und versetzte das alles mit viel Grusel und einem brutal sarkastischen Humor. «The Kingdom – Hospital der Geister» gehört ohne Zweifel in den Serien-Olymp wie David Lynchs revolutionäres «Twin Peaks» oder Alan Balls außergewöhnliches «Six Feet Under».

Die DVDs
Das Bild ist etwas grobkörnig und unscharf. Die Farben wirken ausgewaschen, und der Kontrast ist bisweilen etwas steil. Doch da die Geschichten aus dem «Hospital der Geister» von von Trier mit einer bewegten Dogma-Handkamera und ohne künstliches Licht eingefangen wurden, lässt sich die Bildqualität der DVDs nur bedingt bewerten.

Was den Ton anbelangt, werden sich Zuschauer der Synchronfassung sicherlich etwas daran stören, dass mit dieser DVD-Box in Deutschland erstmals die komplette, ungeschnittene Serie veröffentlicht wurde. Denn die nachträglich eingefügten, bisweilen nur sehr kurzen Szenen und Einstellungen wurden nicht nachsynchroniert, was bedeutet, dass die Sprache von einem Moment zum nächsten von Deutsch auf untertiteltes Dänisch umspringen kann. Ansonsten bieten die DVDs einen wenig aufregenden Stereoton, der aber immer klar verständlich aus den Boxen dräut. Auf gruselige Surroundeffekte oder einen starken Basseinsatz wartet man vergeblich.

Die Specials
Auf den Discs in der buchförmigen Box stecken überraschend viele Specials, die über alle vier DVDs verteilt wurden. Der sehenswerte Geisterbonus auf der ersten Disc ist ein knapp halbstündiger Blick hinter die Kulissen der Serie. Lars von Trier gibt darin Auskunft über das Casting, man erfährt, dass die Darstellerin der Frau Drusse auch in Wirklichkeit spirituell vergnügt und dass der Regiestil des Dänen, wer hätte das gedacht, recht eigenwillig ist.

Die zweite DVD wartet dann mit acht Zeitungswerbespots auf und mit Ernst Hugo Järegard, der sich natürlich wieder köstlich über die Verkommenheit Dänemarks auslassen durfte. Um sich besser im Universum des dänischen Ausnahmeregisseurs zurecht zu finden, kann man sich das 40-minütige Portrait «In Lars von Triers Kingdom» ansehen. Das kurz vor der Premiere von «Dancer in the Dark» entstandene Feature beleuchtet neben «Geister» auf alle seine bis dahin gedrehten Filme wie «Element of Crime» und «Europa», sein Meisterwerk «Breaking the Waves» und die Dogma-95-Bewegung. Er plaudert in einem Interview über den Einfluss Carl Theodor Dreyers, über Musicals und über die Manipulation von Zuschauern. Einmal sieht man den von Flugangst geplagten Regisseur sogar in seinem Wohnmobil.

Udo Kier, der in «Geister» als Baby des Teufels eine im doppelten Sinne große Rolle hat, darf sich in einem eigens für die DVD-Box produzierten Featurette an den Dreh der Serie erinnern. Darin gibt er charmant ein bisschen mit seiner Von-Trier-Zusammenarbeit an und erzählt im semimysteriösen Halbdunkel über die Herausforderung, ein Baby zu spielen. Ansonsten befinden sich auf der vierten DVD noch der Videoclip zur Gothic-rockigen Titelsong «The Shiver» und die Videoclip-Bloopers, die von Triers Tanzkünste und die Patzer beim Videodreh etwas deutlicher zeigen.

Da ein kompletter Audiokommentar wohl Macher und Zuschauer überfordert hätte, werden hier in einigen Folgen und auf allen Discs verteilt ausgewählte Szenen teils durchaus witzig und informativ kommentiert. Allein schon wegen der außergewöhnlichen Serie und den Specials lohnt sich die Anschaffung dieser Box trotz aller technischen Mängel nicht nur für Fans.