netzeitung.de«Lilja 4-Ever»: Von der Hölle in die Hölle

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'Lilya 4-ever' (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Lilya 4-ever'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein russisches Mädchen wird von seiner Mutter verlassen und muss sich prostituieren, um überhaupt Geld zum Leben zu haben. Als sie sich verliebt, scheint das Glück plötzlich greifbar. Doch ist es nur ein weiterer Kreis der Hölle.

Der Film
Zwar waren Lukas Moodyssons Filme schon immer nah an der Realität, doch der Schmerz hielt sich dabei in Grenzen. Schließlich ging es in «Raus aus Amal» um die Liebesnöte zweier Teenie-Mädchen oder um witzig-befremdlichen WG-Alltag in den 70ern wie in «Zusammen». In «Lilja 4-Ever» dagegen nähert sich der schwedische Regisseur dem Thema Mädchenhandel.

Dafür begibt er sich zunächst an den Rand einer russischen Großstadt, wo Armut und Verelendung kaum zu ertragende Ausmaße angenommen haben. Hier lebt die 16-jährige Lilja zusammen mit ihrer Mutter, die sich allerdings bald mit dem leeren Versprechen, Lilja so schnell wie möglich nach zu holen, nach Amerika absetzt.

Von nun an ist das Mädchen auf sich allein gestellt. Lilja muss ihre Wohnung gegen ein schmuddeliges Loch tauschen und prostituiert sich schließlich nachts in der Disko, um überhaupt Geld zum Leben zu haben. Hoffnung existiert hier nur als sehnsuchtsvolle Spiegelung in den Augen der großartigen Schauspiel-Debütantin Oksana Akinshina und in den Träumen ihrer Lilja von einer sorglosen Existenz. Halt gibt dem Mädchen allein ihr 11-jähriger Freund Volodya.

Als Lilja eines Tages einen jungen Mann kennenlernt, scheint das Glück plötzlich greifbar. Er verspricht, sie mit nach Schweden zu nehmen und dort eine Existenz mit ihr aufzubauen. Doch wird dort alles noch viel schlimmer: Lilja wird in eine Plattenbauwohnung gesperrt, erniedrigt, geschlagen und darf nur hinaus, um Freier zu bedienen. Schon nach kurzer Zeit bleibt ihr nur noch eine Möglichkeit, dieser Hölle zu entkommen.

Unverstellter Blick auf Schmutz und Elend
Allein durch den so unverstellten Blick auf die Armutsverhältnisse, auf Schmutz, Elend und Vereinsamung, entwickelt Moodyssons Film eine tief verstörende Wirkung, die allerdings durch die erschreckend wahrhaftig spielende Hauptdarstellerin zu einem herzzerstörerischen Ereignis wird. Moodysson schafft Bilder, die durch ihre Drastik fernab einer nüchternen Sozialstudie direkt ins emotionale Schmerzzentrum treffen.

Dass der Film am Schluss in eine Art poetischen Realismus umschlägt, der Lilja als Engel mit weißen Flügelchen und in Freiheit zeigt, ist viel weniger Kitsch als eine Erlösung und der einzig mögliche Ausweg. «Lilja 4-Ever» mutet seinem Publikum eigentlich viel zu viel zu, doch gerade deshalb ist Moodyssons drastisches, dokumentarisches Werk einer der besten Filme des Jahres.

Die DVD
Die unangenehm dokumentarischen Bilder haben eine gute Farbsättigung und einen anständigen Kontrast. Die Schärfe bei den Details im Hintergrund hätte allerdings stärker und das Bildrauschen ein wenig schwächer ausfallen können. Insgesamt ist die Bildqualität aber in Ordnung.

Dafür, dass es in «Lilja 4-Ever» eigentlich gar keine Surround-Effekte gibt und sich nur die traurige Filmmusik oder Rammsteins hämmerndes «Mein Herz brennt» in den hinteren Lautsprecher ausbreiten, ist der Aufwand, den Sunfilm mit dem Ton betrieben hat, eigentlich verwunderlich. Bei der russisch-englisch-schwedischen Version kann man zwischen zwei Tonformaten (DD 5.1 und Dolby Surround), bei der deutschen Synchronfassung zwischen DD 5.1, DTS oder Dolby wählen. Ein einfacher Stereoton hätte da eigentlich völlig ausgereicht. Die Originalfassung kann man optional deutsch untertiteln.

Das Menü auf der ersten Disc der Doppel-DVD-Special-Edition ist komplett animiert. Die Ausschnitte mit der verzweifelt wegrennenden Lilja sind wieder mit dem Rammstein-Song unterlegt.

Die Specials
Die Specials, die eine eigene CD einnehmen, sind so ungewöhnlich und engagiert wie Moodyssons Film selbst. Zwei Spots machen auf die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen aufmerksam. Im kurzfilmartigen Spot für die Unicef erzählt Robbie Williams eine eindringlich bebilderte Geschichte. Den Spot für die Diakonie, in dem ein junges Mädchen auf den Strich geschickt wird, lief auch bereits im deutschen Fernsehen und ist ähnlich wirkungsvoll.

Herzstück der Bonus-Disc ist aber ein 94 Minuten langes Interview mit dem Regisseur, das während des London Film Festivals im «National Film Theatre» geführt wurde. Darin spricht der Schwede über seinen Weg zum Film und einen Skandal beim Schwedischen Filmpreis, seine bisherigen Regiearbeiten wie «Raus aus Amal» und natürlich «Lilja 4-Ever». Weitere Einblicke in die Entstehung des Films anhand eines Making-Ofs oder Interviews mit den Darstellern findet man hier aber leider nicht. Stattdessen komplettieren ein Trailer und eine Fotogalerie mit Bildern aus dem Film das Bonusmaterial.