22.11.2003
Herausgeber: netzeitung.de
'City Of God'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Fernando Meirelles' hat mit «City Of God» ein grelles Porträt des brutalen Alltags im Armenviertel Rio de Janeiros geschaffen - jetzt auf DVD.
Der FilmAm Anfang rennt ein zerrupftes, fast nacktes Huhn durchs Bild. Weil seine Beine zu locker zusammengebunden waren, konnte es auf dem Weg zur Schlachtbank entkommen. Jetzt rennt es ums nackte Überleben durch die Straßen der schmutzigsten, ärmsten und gefährlichsten Favela Rio de Janeiros, der Cidade de Deus («Stadt Gottes»). Es wird von Jugendlichen verfolgt, denen es entwischen konnte und kann sich erst, nachdem es um Haaresbreite den unbarmherzigen Reifen eines LKW ausgewichen ist, für einen Moment in Sicherheit wähnen. Wenn es ums Überleben geht, zählt hier jede Sekunde, jede Bewegung.
Dieser Anfang von Fernando Meirelles' auf wahren Begebenheiten basierendem Film «City of God» ist genauso rasant und unberechenbar wie der gesamte Film und zeigt so auf ganz einfache Weise, wie das Leben in diesem suburbanen Slum Rios funktioniert. Hier, wo Ende der 60er Jahre ein ganzer Vorort aus den gleichen kleinen Häusern, die eher Wohncontainern erinnern, aus dem Boden gestampft wurde, spielt sich das Leben auf Messers Schneide ab, direkt am Abgrund, in den man schnell hineinfallen kann. Hier ist das Leben der gesellschaftlichen Underdogs bestimmt vom Drogen nehmen und dealen, von Gewalt und permanter Bedrohung. Leben haben hier keine lange Haltbarkeit und werden rücksichtslos vergeudet.
Um über die Zustände in dieser höllischen Cidade de Deus zu erzählen, verfolgt Regisseur Meirelles mal mehr, mal weniger choronologisch vom Ende der 60er bis Anfang der 80er Jahre die Existenz und das Heranwachsen dreier junger Männer - zwischen Slum-Kindheit, triebhafter Adolenzenz und der Entwicklung zu kalten, unberechenbaren Killlern.
Mit atemlosen Tempo baut er bei seiner in zahlreiche Subplots abschweifenden und daher der Romanvorlage ähnlichen Erzählweise Rückblenden ein, schwenkt für die vielen, ineinander verschachtelten Einzelgeschichten auch beiseite. Er berichtet dabei nicht nur von Locke, Buscapé und Bené, sondern auch von Dealer-Konkurrent «Karotte», von Mané dem «Stecher» oder immer wieder von Buscapés vergeblichen Versuchen, endlich das erste Mal mit einer Frau zu schlafen. Das sind die raren Momente, in denen kurz ein (selbst-)ironischer Humor aufblitzt, bevor wenige Einstellungen später kleine Jungs, die sogenannten «Zwerge», oder ausgewachsene Männer in drastischen Szenen exekutiert werden.
So wild wie die Erzählung hat der Werbefilm-erfahrene Meirelles auch den Film inszeniert mit Jump Cuts, Reißschwenks und einer entfesselten Kamera, deren stylishe Bilder am Anfang fast überbelichtet sonnendurchflutet sind. Mit den Jahren wird es allerdings im wahrsten Sinne immer düsterer in der Favela und «City of God» zu einem Werk, so schnell, so hart und schmutzig, das man eigentlich gar nicht lieben will, dem man sich aber durch seine aufrüttelnde Wucht nur schwer entziehen kann.
Die DVDBei «City of God» die Bildqualität zu beurteilen, ist nur schwer möglich, weil der Regisseur Verfremdungen wie Überblendungen, grobkörnige Bilder und teilweise bewusst blasse Farben zur künstlerischen Bildgestaltung nutzt. Der Ton liegt zwar in der gelungenen deutschen Version - in der Xavier Naidoo dem Buscapé seine Stimme lieh - in DD 5.1 und DTS 5.1, sowie in der sehenswerten portugiesischen Originalfassung in DD 5.1 vor. Doch ausgenutzt wird er nur in den Actionszenen, die vorwiegend aus beeindruckenden Schießereien bestehen. Ansonsten ist der Ton sehr auf die vorderen Kanäle, besonders auf den Center-Lautsprecher beschränkt. Wenn es dann aber doch gelegentlich Umgebungsgeräusche gibt, sind sie präzise auf die jeweiligen Kanäle verteilt. Wer übrigens die Originalversion vorzieht, aber Untertitel benötigt, dem stehen nur die deutschen Untertitel für Hörgeschädigte zu Verfügung.
Die SpecialsIm einfachen Amaray-Case der «City of God»-DVD befinden sich zwei DVDs. Auf der ersten Disc kann man zu brasilianischen Rhythmen über ein komplett animiertes Menü, das im Hintergrund per Splitscreen Ausschnitte aus dem Film zeigt, den Film mit den verschiedenen Sprachversionen aufrufen. Die Specials konzentrieren sich komplett auf die zweite DVD. Herzstück des Bonusmaterials ist dabei das sehr aufschlussreiche, 50-minütige Making Of, das Einblicke in die Arbeit mit den Darstellern liefert, die fast alle Laien waren. Neben zahlreichen Interview-Einschüben mit dem Regisseur, den Hauptdarstellern und anderen Crew-Mitgliedern, bekommt man auch zahlreiche, hinter den Kulissen entstandene Szenen vom Schauspielunterricht der Darsteller zu sehen.
Ansonsten gibt es zu «City of God» einen Trailer, der aber, anders als die auch auf dieser DVD vorhandene Trailershow mit anderen Filmen von Highlight, nur auf portugiesisch und ohne Untertitel vorliegt. Dazu kommen ein Musik-Clip und Cast&Crew-Informationen, die aus Texttafeln und Interviews bestehen, in denen sich Regisseur und Darsteller zu verschiedenen Aspekten wie etwa der «Wahrhaftigkeit» des Films äußern. Das Gesamtangebot an Specials ist zwar recht interessant, doch allein aufgrund der Bonus-DVD hätte man eigentlich etwas mehr (wie entfallene Szenen und andere Kurzfeatures) erwarten können.