Berlinale 2007: Ein Rückblick
Drei Stunden lang habe ich mir im Hamam die Berlinale aus den Knochen spülen und massieren lassen, den Kinosesselrücken begradigen, den Kinokopf entrümpeln und den Kaffeemagen entsäuern. Beste Voraussetzungen also für einen «gereinigten» Blick auf die zurückliegenden Festivaltage.
Dafür sollten sich alle aufrichtig mit Wang Quan'an und Nan Yu über den ebenfalls unerwarteten Goldenen Bären freuen. «Tuyas Ehe» war einfach ein überraschender wie cooler Film, der den Horizont erweitert, der lachen und weinen macht und der menschlicher war als der perfekt inszenierte Rest.
Alles in allem war es ein entspanntes Festival - ohne großartige Aufreger, keine «Nipplegates» (nice try, Bai Ling), keine Skandale, es lief dahin wie das schnurrende Kätzchen. Dafür gab es allerdings auch keine umwerfenden Filme, die die Weltsicht ins Wanken bringen.
Und sogar das Heer der Journalisten war gleichmütiger gestimmt. Obwohl es voller war als sonst, gab es keine ernsthaften Verletzungen beim Einlass in die Filmvorführungen. Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr brach sich ein Kollege beim Kampf um den Sitzplatz einen Arm. Und das bei «Perspektive Deutsches Kino»!
Es fing an mit Geruchsbelästigung (Eierbrot in der 9-Uhr-Vorstellung!), ausgesuchter Unfreundlichkeit gegenüber Kollegen und dann einem himmelschreiend albernen Streit mit dem Saalpersonal, weil er gebeten wurde, seinen Platz für die Filmcrew zu räumen. Eine Vollblutdumpfbacke also, die leider das Vorurteil bestätigt, dass Filmkritiker oftmals Freaks sind. Für das kommende Jahr verspreche ich ein Freak-Ranking!
Zurück zum Film: Es gab diesen einen, den alle sehen wollten, aber die meisten verpasst haben und zwar Julie Delpys «Two Days in Paris». Steht die Frau doch für zuckersüßes Französinnentum mit Kante. Aber die Chancen stehen gut, dass ihr Werk es ins Kino schafft, was erstaunlicherweise nicht allen guten Festivalfilmen vergönnt ist.
Star-Prominenter war in diesem Jahr definitiv Robert De Niro, weil er so gut in diese Stadt passt: Er ist sophisticated, hat verdammt viel Geschichte auf dem Buckel, kümmert sich einen feuchten Dreck um sein Image, hat ergo keine Lust auf Glamour, und er macht sein Ding. Der Mann hätte kein Problem im Umgang mit rotzigen Berliner Verkäufern.
Der seltsamste Berlinale-Gast war wohl Charlotte Casiraghi, die 21-jährige Tochter von Caroline von Monaco. Sie war gekommen, um Karl Lagerfeld, der auf dem Filmfest mit der Dokumentation «Lagerfeld Confidential» vertreten war, auf einer Party beizustehen. Sie kam, brachte die Fotografen zum Ausflippen und ging wieder zum Privatjet.
Alles in allem hinterlässt die 57. Berlinale ein Gefühl wie ein gutes Essen - nur wirklich satt geworden ist man nicht. Es hat geschmeckt, die Gänge waren mal mehr mal weniger interessant, doch man hat nach dem Espresso noch Hunger. Aber das ist doch eigentlich ganz gut so. Deshalb hier ein Kinotipp: Am kommenden Donnerstag läuft «Pans Labyrinth» an, einer dieser Filme, die einen wirklich umhauen. Und für den Sitzplatz müssen Sie nicht mal kämpfen.

