netzeitung.deJulia Jentsch wechselt die Seite

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Szene aus 'Hallam Foe' (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Szene aus 'Hallam Foe'
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sex mit Mama, Beischlaf mit dem Boss und Julia Jentsch in einer ungewohnten Rolle gab es am Berlinale-Freitag zu sehen. Und dabei eigentlich auch ganz nette Filme.

Von Sophie Albers

Als Julia Jentsch vor zwei Jahren den Silbernen Bären für die Titelrolle in «Sophie Scholl - Die letzten Tage» gewann, war sie kaum in der Lage, einen geraden Satz zu formulieren. So aufgeregt war die Schauspielerin, und es wurde im Laufe der Danksagung auch nicht besser. Um so überraschender war ihr Auftritt an diesem Freitag in der Pressekonferenz zu dem tschechischen Wettbewerbsfilm «I served the King of England», in dem sie eine Sudeten- und Nazideutsche spielt.

Entspannt und lachend nahm sie Platz, antwortete fast ohne Stottern, als sie gefragt wurde, und lachte weit und laut, als sie erzählte, wie sie Karel Gott in einem Café in Prag getroffen habe. Dass sie dann doch ein wenig den Faden verlor, war völlig in Ordnung, denn das macht Jentsch gerade so sympathisch.

Erschreckend sympathisch war sie auch in ihrem neuen Film. Der erzählt eigentlich die Geschichte des Emporkömmlings Jan Díte (gespielt von Ivan Barnev und Oldrich Kaiser), der in verschiedenen Prager Hotels Karriere macht in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Jentsch spielt seine Frau Líza, die allerdings erst einwilligt, ihn zu ehelichen, als er ihr nachweisen kann, dass er deutsche Vorfahren hat.

Schräg wie die Nase des Hauptdarstellers
Líza ist nämlich eine vollblütige Nazisse, und das geht so weit, dass sie beim Sex mit Jan ein Hitler-Porträt anstarrt und den Kopf ihres Mannes zur Seite dreht, um bei der Empfängnis des deutschen Nachwuchsariers nicht aus den Augen zu verlieren, für wenn hier gevögelt wird.

In «I served the King of England» wird überhaupt viel Zeit mit dem Austausch von Körperflüssigkeiten verbracht, was den Film, der in seiner Art der Erzählung zuweilen an Hans-Moser-Streifen erinnert, wiederum optisch wie einen Siebziger-Jahre-Porno aussehen lässt. Nichtsdestotrotz ist Jirí Menzels Adaption eines Romans von Bohumil Hrabal großartige Kinounterhaltung, denn er ist so schräg wie die Nase des Hauptdarstellers.
Sex mit Mama
Um «Sex mit der Mama», wie es die Stiefmutter von Hallam so unangenehm aber treffend ausdrückt, geht es in «Hallam Foe» einem auch sehr schrägen, wenn auch letztlich nicht sonderlich überraschenden Film des schottischen Regisseurs David Mackenzie («Youn Adam», «Somersault»).

Der 17-jährige Hallam, gespielt vom mittlerweile ansehnlich herangewachsenen «Billy Elliot»-Star Jamie Bell, glaubt dass seine Stiefmutter seine Mutter auf dem Gewissen hat, geht nach Edinburgh, trifft eine Frau, die aussieht wie eine junge Version seiner Mutter - und geht mit ihr ins Bett.
Vaterschaft als Geschäftsidee
Noch mehr Sex gibt es schließlich in Yu Lis Film «Lost in Bejing» zu sehen. Eine Masseuse hat sogar so viel davon, unter anderem mit ihrem Boss, dass sie anschließend nicht weiß, von wem das Kind ist, das sie erwartet. Doch dann hat ihr Mann eine Geschäftsidee.

«Lost in Bejing» hatte wohl die undankbarste Vorführzeit der gesamten Berlinale: die letzte Vorstellung am vorletzten Tag. Doch auch wenn die Berlinale-Müdigkeit ihren Tribut forderte - «Was ist da gerade passiert? Hat sie jetzt abgetrieben?», fragt der Sitznachbar nach dem wohlverdienten Sekundenschlaf - wurde geklatscht, denn diese Geschichte über Sex, Liebe und Besitzansprüche ist gelungen, wenn auch nicht umwerfend.

Gejohle und Bravos bekam am Freitag nur Julia Jentsch. Und dafür fand sie auch eine wunderbare Antwort auf die Angst eines deutschen Journalisten, die herausragende Darstellerin einer Widerstandskämpferin an die Nazis zu verlieren: «Man ist Schauspieler und dient der Geschichte, und dabei steht man - von der eigenen Meinung her - mal auf der richtigen und mal auf der falschen Seite.»