netzeitung.deZack Snyder lässt Köpfe rollen

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Szene aus '300' (Foto: PR<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Szene aus '300'
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Während Zack Snyders Sandalenfilm «300» einen Rekord im Blutzoll aufstellen will, kämpft Jennifer Lopez für vergewaltigte Mexikanerinnen. Und ein mongolischer Nomade präsentiert einen Streichholztrick.

Von Ronald Düker

Gingen doch nur alle Arbeitnehmer mit einer solchen Freude zur Sache wie diese 300! Kein Krankfeiern und kein Mobbing – wenn alle am selben Strang zögen, bräuchte sich kein Firmenchef der Welt mehr Sorgen um die Zukunft seines Unternehmens zu machen und kein Wirtschaftsminister um das Bruttosozialprodukt seines Landes.

Man muss es diesen 300 zugleich hoch anrechnen, dass sie sich ihre Champagnerstimmung und stets schlagfertigen Sprüche auch durch die schmutzigen Seiten ihres Geschäfts nicht vermiesen lassen. Das besteht, genauer gesagt, im Durchbohren menschlicher Körper mit Lanzen und dem Abtrennen aller physiognomischen Auswüchse mit dem Schwert. Als da wären: Arme, Beine, Köpfe.
Frauen, Söhne, Vaterland
In «300», Zack Snyders Verfilmung eines Comics von Frank Miller, fließt dabei vornehmlich in Zeitlupe gallonenweise digital visualisiertes Blut. Schließlich zieht es die 300 Spartaner im Jahr 480 vor Christus gegen ein schier uferloses Meer aus Soldaten in die Schlacht. Bei den Termophylen, so will es Zack Snyder frei nach Herodot und einem Cinemascope-Film von 1962, standen die Mannen des spartanischen Königs Leonidas mindestens einer Million Perser gegenüber, die ihren Anführer Xerxes wie einen Gott verehrten.

Anders als die verbündeten Griechen – natürlich mag ein Spartaner diese durch Philosophie und Knabenliebe verweichlichten Schlappschwänze nicht – sind die Soldaten des Leonidas echte Natural Born Killers. Nicht nur, dass sie schon im zartesten Kindesalter aufs Kämpfen gedrillt worden wären – du weckst sie zu einer beliebigen Zeit in der Nacht, und sie beten dir die Werte herunter, für die es sich im Männerbund zu töten oder sterben lohnt: Die heimgebliebenen Frauen, mehr aber noch die Söhne und am meisten das Vaterland – und einen Ruhm, der im Unterschied zum irdischen Gekrauche nie vergeht.

Rodman meets Almond
«300» führt den verblüfften Besuchern des Berlinale-Wettbewerbs ein beinahe zweistündiges Gemetzel vor, in dem kaum ein Register des Splatterfilms ungezogen, kaum eine Leni-Riefenstahl-Einstellung unversucht gelassen wird.

Dabei sollte man lieber gar nicht erst von den riesenhaften Kampfelefanten, leprösen Spezialkriegern, ihren eisernen Scream-Masken und einem vollgepiercten Xerxes erzählen, der wie eine Kreuzung aus Dennis Rodman, Marc Almond und Tricky anmutet. «300» ist ein Film, der in der Nacherzählung ungleich interessanter werden muss, als er es auf der Leinwand ist. Man kann stattdessen glatt abraten.

«300» an die Front!
Wie dieses durch und durch unironische Blut-und-Boden-Spektakel allerdings in den Wettbewerb gerade dieses Festivals gelangt ist, bleibt unbegreiflich. In seiner erschreckenden politischen Eindeutigkeit und ästhetischen Unverblümtheit taugt es höchstens zur Aufpäppelung der Kampfmoral amerikanischer Soldaten im Irak.

Schließlich ist der eigentliche Feind der tapferen Spartaner auch nicht die schreckliche asiatische Horde mit ihrem unermesslichen Hinterland, der eigentliche Feind sitzt zu Hause: abgrundtief böse sind nämlich die Politiker und intriganten Pazifisten, die lieber debattieren und abwägen, als endlich den dringend benötigten Nachschub an die Front zu schicken. George W. Bush dürfte daran seine helle Freud haben.

Die Kunst des Überlebens
Nun ist «300» nicht die einzige Neuigkeit im Wettbewerb. Gewissermaßen als ästhetisches und qualitatives Gegenteil lief noch die koreanische Produktion «The Desert Dreams». Sie erzählt von nordkoreanischen Flüchtlingen, die es über die Grenze nach China und schließlich bis in die äußere Mongolei verschlagen hat.

Hier geht es nicht um die Kunst des Tötens, sondern die des Überlebens. Man achte nur darauf, wie es einem mongolischen Nomaden gelingt, in der offenen Steppe eine Zigarette anzuzünden. Gegen den Wind, der alles – und insbesondere die Bäume, die dieser Bauer Tag für Tag aufs Neue setzt – gnadenlos zerstört, entflammt er ein Streichholz und beschirmt das Feuer in seiner hohlen Hand. Kein einziges Mal missglückt ihm dieses Kunststück.

Ein vergewaltigter Stoff
Über Jennifer Lopez, an deren Seite Antonio Banderas nun schon den zweiten Film auf diesem Festival präsentieren durfte, wollen wir nun lieber kaum noch reden. «Bordertown» ist ein durch und durch mäßiger Streifen, der sich einem aktuellen Thema mit den Mitteln des Hollywood-Mainstreams nähert.

Dass auf der mexikanischen Seite der Grenze zu den USA massenweise junge Frauen verschleppt und vergewaltigt wurden, ist eine schreckliche Tatsache. Beinahe ebenso grauenhaft ist aber anzusehen, wie diese Stoff durch einen dermaßen absehbaren 08/15-Plot vergewaltigt wird: «investigative amerikanische Journalistin trifft in Mexiko eine verblichene Liebe wieder, auch er investigativer Journalist; die beiden entsorgen ihre Beziehungsleiche und lösen nebenbei die Probleme der Welt» – vergessen wir das.