Nachtrag vom Typen mit dem komischen Gesicht
Ich bin es noch mal zu vorgerückter Stunde, denn ich habe gerade etwas sehr Schönes gesehen. Ein Schauspieler und Regisseur, Steve Buscemi - bekannt aus «Reservoir Dogs» und «Fargo» - hat dem Kino eine Liebeserklärung gemacht. Und nicht nur dem Kino, sondern auch den Journalisten. Naja, denen zumindest eine halbe.
Pierre ist hässlich, hat eben das aus «Fargo» bekannte «funny face», Katya ist strahlend schön. Pierre ist unzufrieden mit seinem Job, Katya liegt die Welt zu Füßen, jedenfalls an der glitzernden Oberfläche. Also ist das einzige, was Pierre ihr entgegen zu setzen hat, sein Stolz und seine Intelligenz.
Und während Katya das wilde Starlet gibt, blickt Pierre auf sie herab und macht sich über sie lustig. Das verletzt sie, doch weckt es auch ihre Neugier. Kurzum, nach einem kleinen Unfall landen beide in Katyas Loft und es beginnt ein Kammerspiel erster Güte, in dem die Seelen mal mal mehr mal weniger strippen, in dem der eine den anderen k.o. schlägt, weil er sich selbst und also auch die Spiegelung nicht erträgt.
Und weil Miller nicht nur ein Starlet ist, sondern auch eine gute Schauspielerin, hat «Interview», der im Panorama läuft, das Zeug zum Publikumsliebling. Er ist schräg, er ist bunt, er ist tief. Katya ist das hübsche Gör, das meint, sich alles erlauben zu können, also Grenzen austestet. Und Pierre fühlt sich sicher, weil er glaubt, das Gör von Anfang an durchschaut zu haben. Doch dann werden die Bühnenplanken locker und die Grenzen schwammig. «I don't fuck celebreties.» «And I dont fuck nobodys.» Mehr verrate ich nicht.
Glücklicherweise war Buscemi selbst da, und auch wenn er erst heute morgen angekommen ist und den ganzen Tag getrunken hat, wie er sagt, wird klar, dass er nicht nur ein sympathischer, lustiger Mensch ist, sondern dass er sehr ernst nimmt, was er tut, ohne sich dabei zu ernst zu nehmen.
«Dich konnte er gar nicht leiden, sagt der holländische Drehbuchautor zum Kollegen und alle lachen. Weil Buscemi Buscemi ist, hat er van Goghs Crew gebeten, bei seinem Film mit zu machen. Und plötzlich fällt mir ein Zitat des großen Siegfried Kracauer ein, der einst gesagt hat, das vor allem der Film dazu geeignet sei, physische Realität wieder herzustellen. Und genau das ist gerade mit van Gogh passiert. Auch wenn Kracauer es ein bisschen anders meinte. Was will man mehr. Gute Nacht und bis morgen.

