netzeitung.deNachtrag vom Typen mit dem komischen Gesicht

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Sienna Miller (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sienna Miller
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

«Interview» heißt der Film, den Steve Buscemi auf der Berlinale vorgestellt hat. Damit hat er seinem Publikum wunderbares Kino geschenkt - und am Dienstagabend auch noch ein kleines Wunder.

Von Sophie Albers

Ich bin es noch mal zu vorgerückter Stunde, denn ich habe gerade etwas sehr Schönes gesehen. Ein Schauspieler und Regisseur, Steve Buscemi - bekannt aus «Reservoir Dogs» und «Fargo» - hat dem Kino eine Liebeserklärung gemacht. Und nicht nur dem Kino, sondern auch den Journalisten. Naja, denen zumindest eine halbe.

Das Werk heißt «Interview», und wenn Sie können, schauen Sie sich diesen Film an, der es hoffentlich in die Kinos schafft. Er erzählt die Geschichte von Pierre und Katya. Pierre ist ein arroganter, doch auch hilfloser Politikjournalist, der sich erniedrigt fühlt, weil er einen TV- und B-Movie-Star interviewen soll: Katya.

Pierre ist hässlich, hat eben das aus «Fargo» bekannte «funny face», Katya ist strahlend schön. Pierre ist unzufrieden mit seinem Job, Katya liegt die Welt zu Füßen, jedenfalls an der glitzernden Oberfläche. Also ist das einzige, was Pierre ihr entgegen zu setzen hat, sein Stolz und seine Intelligenz.

Und während Katya das wilde Starlet gibt, blickt Pierre auf sie herab und macht sich über sie lustig. Das verletzt sie, doch weckt es auch ihre Neugier. Kurzum, nach einem kleinen Unfall landen beide in Katyas Loft und es beginnt ein Kammerspiel erster Güte, in dem die Seelen mal mal mehr mal weniger strippen, in dem der eine den anderen k.o. schlägt, weil er sich selbst und also auch die Spiegelung nicht erträgt.

Schräg, bunt, tief
Das klingt vielleicht anstrengend, ist es aber ganz und gar nicht, denn Pierre wird wie gesagt von dem wunderbaren Buscemi gespielt und Katya von der auch im wahren Leben Klatschpresse-geprüften Sienna Miller. Sie erinnern sich, die Ex von Jude Law...

Und weil Miller nicht nur ein Starlet ist, sondern auch eine gute Schauspielerin, hat «Interview», der im Panorama läuft, das Zeug zum Publikumsliebling. Er ist schräg, er ist bunt, er ist tief. Katya ist das hübsche Gör, das meint, sich alles erlauben zu können, also Grenzen austestet. Und Pierre fühlt sich sicher, weil er glaubt, das Gör von Anfang an durchschaut zu haben. Doch dann werden die Bühnenplanken locker und die Grenzen schwammig. «I don't fuck celebreties.» «And I don’t fuck nobodys.» Mehr verrate ich nicht.

Glücklicherweise war Buscemi selbst da, und auch wenn er erst heute morgen angekommen ist und den ganzen Tag getrunken hat, wie er sagt, wird klar, dass er nicht nur ein sympathischer, lustiger Mensch ist, sondern dass er sehr ernst nimmt, was er tut, ohne sich dabei zu ernst zu nehmen.

Für Theo van Gogh
Zwar wird der Film, wenn er es vor großes Publikum schafft, als der von Buscemi erinnert werden, doch war er die Idee eines anderen. Und zwar von Theo van Gogh. Genau, das ist dieser holländische Filmemacher, der im 2. November 2004 in Amsterdam von einem Islamisten ermordet worden ist. Der ins kollektive Bildgedächtnis eingegangen ist als ein Mann, aus dessen dickem Bauch ein Messer ragt.

Ein hoch politischer, anarchischer und lebenslustiger Künstler, der fürs Theater genauso gearbeitet hat wie fürs Fernsehen und für Zeitungen. Elf Filmschaffende stehen nun auf der Bühne und reden von Theo van Gogh, dem Regisseur und Journalisten, der sich für «Geschichten von Männern und Frauen» interessierte. Ein «prächtiger, komplizierter Kerl, auf den eine Menge Leute sauer waren».

«Dich konnte er gar nicht leiden“, sagt der holländische Drehbuchautor zum Kollegen und alle lachen. Weil Buscemi Buscemi ist, hat er van Goghs Crew gebeten, bei seinem Film mit zu machen. Und plötzlich fällt mir ein Zitat des großen Siegfried Kracauer ein, der einst gesagt hat, das vor allem der Film dazu geeignet sei, physische Realität wieder herzustellen. Und genau das ist gerade mit van Gogh passiert. Auch wenn Kracauer es ein bisschen anders meinte. Was will man mehr. Gute Nacht und bis morgen.