netzeitung.deBitte nie wieder eine Fassbinder-Gala

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Rainer Werner Fassbinder (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rainer Werner Fassbinder
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Weltkriegsfilme machen schön schaudern. Wenn aber Fassbinders «Berlin Alexanderplatz» nur Nostalgie produziert, wird es Zeit für die heiße Schlacht am kalten Buffet.

Von Ronald Düker

«Zauberberg», kommentiert der Kollege auf dem Nebensitz trocken, als während des Vorspanns das kollektive Geröchel im Parkett anhebt. Ein letztes Abhusten vor dem beinahe dreistündigen Film von Robert de Niro, die berüchtigte Berlinalegrippe streckt schon am zweiten Tag ihre eisige Klaue aus.

Bakterien verbinden, Verwunderung auch, doch falls sich die Zuschauer später im Film vereint die Augen gerieben haben sollten, war das naturgemäß nicht zu hören. Höchst erstaunlich nämlich, wie nahe da de Niros «The Good Shepherd» an Soderberghs Vortagsfilm «The Good German» herankam, und zwar nicht nur durch den ähnlich klingenden Titel

Wettbewerb der WW2-Filme
Hier wie dort waren das zerbombte Berlin (einmal in Farbe, einmal in Schwarz-Weiß) zu sehen, geheimdienstliche Verwicklungen über Sektorengrenzen hinweg und eine Jagd auf deutsche Kriegsingenieure. Als künftige Erzfeinde sollten sie schon bald den Kalten Krieg befeuern. Und dann schließt auch noch Stefan Ruzowitzkys Film «Die Fälscher» an ein Thema an, das im «Good German» eine Rolle spielte: industrialisierte Falschgeldproduktion, einmal im KZ-Sachsenhausen, einmal im amerikanischen und sowjetischen Sektor.

Heute läuft dann Clint Eastwoods «Letters from Iwo Jima» im Wettbewerb, der zwar von der amerikanisch-japanischen Front erzählt, aber damit auch schon wieder vom Zweiten Weltkrieg – als sei der nicht nur für die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Gravitationszentrum gewesen, sondern auch für die Programmierung des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs.

Tränen treiben
Die Internationalen Filmfestspiele Berlin präsentieren sich bislang geschichtslastig, als gäbe es kaum mehr Geschichten aus der Gegenwart zu erzählen. So oft sie dabei das Präteritum dem Präsenz vorziehen, verweigern sie die Frage ans Futur der Filmemacherei. Zwar darf man Robert de Niro recht herzlich zu einem kommerziell anschlussfähigen und zugleich überaus souveränen und stilsicheren Film gratulieren – wo aber ist das Neue, was davon hätte nicht Martin Scorsese schon vor fünf, zehn oder fünfzehn Jahren abliefern können? Und hat nicht Michael Cimino den desillusionierten aber epischen Großfilms mit «Heaven's Gate» schon vor einem guten Vierteljahrhundert zu Ende gebracht?

Wenn nun im Berlinale-Palast zu immer neuen Gängen durch so oder so ausgeleuchtete, kolorierte und unkolorierte Kulissen geblasen wird, liegt der Verdacht nahe, dass hier weniger historisches Erkenntnisinteresse drängt, als vielmehr ein gegenwartsvergessener Bedarf an Gemütlichkeit, die sich eben besonders da einstellt, wo das Sujet nicht nur schön, sondern schaurig-schön ist.

Tränen treiben: eine menschlich anrührende Geschichte (Liebe) in schlimmstmöglicher Zeit (Holocaust; für Amerikaner wahlweise Pazifikschlacht oder Kubakrise) mit tragisch schicksalhaftem Verlauf (Tod der bereits geschmückten Braut, Verrat, hoffnungslos verspätete Reue).

Extraklasse
Alle genannten Regisseure werden wissen, was sie tun, und können sich gegen ihre Kritiker verteidigen. Rainer Werner Fassbinder kann sich leider nur im Grab umdrehen. Und hatte dazu reichlich Gelegenheit, als nun im Admiralspalast – die geladenen Gäste waren per Einladung zu festlicher Kleidung angehalten worden – die große Berlin-Alexanderplatz-Gala anstand. Es galt, die restaurierte Fassung der vierzehnteiligen TV-Serie von 1980 zu feiern, die von 16mm auf ein, wie es hieß, «trägerloses» Medium gezogen, sprich: digitalisiert, worden war.

Natürlich ist das – wie die Faust aufs Auge – ein Job für Bernd Neumann, dem obersten Kulturbetriebsvorsteher dieses Landes. Sobald er sich vor dem Mikrofon postiert und die Kollegen des deutschen Bundestages sowie die Ehrengäste begrüßt hat, legt er los – feuchtfröhlich, forsch ins Unbestimmte. Fassbinder, so sieht es der Minister, sei einer der «größten Künstler», die «wir» haben, und er schließt damit, viel Vergnügen zu wünschen bei der Vorführung dieser Bavaria-Fernsehproduktion, die er allerdings als «Kinoereignis der Extraklasse» tituliert. Weitere Reden stehen an, moderiert und musikalisch flankiert von Max Raabe und seinem Palastorchester.

Tod durch Prosecco?
Sie spielen Schlager der zwanziger Jahre im musikalischen wie modischen Maßanzug – als melancholische Reminiszenz an ein Berlin, das vor dem Krieg dank jüdischer Kultur noch eine Weltstadt war. Badet aber «Berlin Alexanderplatz» in diesem Licht? Hat Franz Biberkopf den Swing? Und ist Raabe der Deckel auf den Eimer Fassbinder?

Das Gegenteil von all dem ist der Fall: Eine Fassbinder-Gala, das ist ein Widerspruch in sich. Der Mann ist schließlich mit 37 Jahren nicht am Proseccoschwipps verreckt. Und hätte sicher jeden übers Knie gelegt, der ihm mit «Kinoerlebnissen der Extraklasse» gekommen wäre. Die große Hannah Schygulla könnte davon eine Ahnung haben. Sie thront später nahe des Buffets in einem Ikea-Sofa und vertilgt eine rote Grütze nach der anderen. Einfach köstlich, dieses Berlin.