Bitte nie wieder eine Fassbinder-Gala
«Zauberberg», kommentiert der Kollege auf dem Nebensitz trocken, als während des Vorspanns das kollektive Geröchel im Parkett anhebt. Ein letztes Abhusten vor dem beinahe dreistündigen Film von Robert de Niro, die berüchtigte Berlinalegrippe streckt schon am zweiten Tag ihre eisige Klaue aus.
Bakterien verbinden, Verwunderung auch, doch falls sich die Zuschauer später im Film vereint die Augen gerieben haben sollten, war das naturgemäß nicht zu hören. Höchst erstaunlich nämlich, wie nahe da de Niros «The Good Shepherd» an Soderberghs Vortagsfilm «The Good German» herankam, und zwar nicht nur durch den ähnlich klingenden Titel
Heute läuft dann Clint Eastwoods «Letters from Iwo Jima» im Wettbewerb, der zwar von der amerikanisch-japanischen Front erzählt, aber damit auch schon wieder vom Zweiten Weltkrieg als sei der nicht nur für die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ein Gravitationszentrum gewesen, sondern auch für die Programmierung des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs.
Wenn nun im Berlinale-Palast zu immer neuen Gängen durch so oder so ausgeleuchtete, kolorierte und unkolorierte Kulissen geblasen wird, liegt der Verdacht nahe, dass hier weniger historisches Erkenntnisinteresse drängt, als vielmehr ein gegenwartsvergessener Bedarf an Gemütlichkeit, die sich eben besonders da einstellt, wo das Sujet nicht nur schön, sondern schaurig-schön ist.
Tränen treiben: eine menschlich anrührende Geschichte (Liebe) in schlimmstmöglicher Zeit (Holocaust; für Amerikaner wahlweise Pazifikschlacht oder Kubakrise) mit tragisch schicksalhaftem Verlauf (Tod der bereits geschmückten Braut, Verrat, hoffnungslos verspätete Reue).
Natürlich ist das wie die Faust aufs Auge ein Job für Bernd Neumann, dem obersten Kulturbetriebsvorsteher dieses Landes. Sobald er sich vor dem Mikrofon postiert und die Kollegen des deutschen Bundestages sowie die Ehrengäste begrüßt hat, legt er los feuchtfröhlich, forsch ins Unbestimmte. Fassbinder, so sieht es der Minister, sei einer der «größten Künstler», die «wir» haben, und er schließt damit, viel Vergnügen zu wünschen bei der Vorführung dieser Bavaria-Fernsehproduktion, die er allerdings als «Kinoereignis der Extraklasse» tituliert. Weitere Reden stehen an, moderiert und musikalisch flankiert von Max Raabe und seinem Palastorchester.
Das Gegenteil von all dem ist der Fall: Eine Fassbinder-Gala, das ist ein Widerspruch in sich. Der Mann ist schließlich mit 37 Jahren nicht am Proseccoschwipps verreckt. Und hätte sicher jeden übers Knie gelegt, der ihm mit «Kinoerlebnissen der Extraklasse» gekommen wäre. Die große Hannah Schygulla könnte davon eine Ahnung haben. Sie thront später nahe des Buffets in einem Ikea-Sofa und vertilgt eine rote Grütze nach der anderen. Einfach köstlich, dieses Berlin.

