netzeitung.deSchau mir in die Augen, Clooney

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George Clooney ist in Berlin. Szene aus Soderberghs "The Good German" (Foto: Berlinale<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe George Clooney ist in Berlin. Szene aus Soderberghs "The Good German"
Foto: Berlinale
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ist George Clooney nun in Berlin, oder ist er es nicht? Sein neuer Film jedenfalls hätte ein gutes Marketing bitter nötig. Im Unterschied dazu überzeugt ein brasilianischer Wettbewerbsbeitrag.

Von Ronald Düker

Wollen wir die Sache nicht an die große Glocke hängen. Das würde doch nur denen in die Hände spielen, die es mit falschen Ankündigungen auf billige Aha-Effekte abgesehen haben, allen voran Dieter Kosslick, Berlinale-Chef und größter Lügner unter der Sonne. Seit heute morgen weiß ich nämlich sicher: George Clooney ist in der Stadt – wie immer, wenn er einen Film auf der Berlinale hat.

Um halb neun sitzt er mir gegenüber in der U1 Richtung Uhlandstraße, ein wenig verpennt wie ich auch, beiger Trench, kurz gestutzter Vollbart. Er blättert lustlos in einem Celebrity-Magazin, das er sich, um Land und Leute kennen zu lernen, seit vorgestern für nur einen Euro auch auf Deutsch hätte kaufen können. Heißt sein Berlinale-Film nicht auch «The Good German»?

Am Gleisdreieck muss ich raus, und frage mich, warum Clooney sitzen bleibt. Macht nichts. Er ist erst später dran, und heute Mittag, da bin ich mir sicher, werden wir uns wieder sehen. Wenn er und Tobey Maguire im Blitzlichtgewitter der Pressekonferenz Cate Blanchett in die Mitte nehmen. Ich blinzle ihm verschwörerisch zu, aber Clooney macht auf coole Sau und guckt zum Fenster raus. Soll er doch, der alte Wichtigmacher.

In die Ferien?
Erst einmal geht es aber darum, Clooney zu vergessen, denn es steht ein brasilianischer Film auf dem Programm. «Das Jahr als meine Eltern im Urlaub waren» spielt im Jahr 1970 und erzählt eine Geschichte, die der Regisseur Cao Hamburger als kleiner Junge so ähnlich selbst erlebt hat. Während in Mexiko die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet und sich die Brasilianer allmählich bis ins Finale spielen, wütet im Land eine grausame Militärdiktatur.

Und so geraten auch die Eltern des kleinen Jungen, durch dessen Augen der Zuschauer auf die historische Szenerie schaut, unter die Räder. Nur so viel wird klar: Der Vater ist Kommunist und muss plötzlich verschwinden. So wird in aller Eile der VW-Käfer bepackt, um den kleinen Mauro beim Großvater in Sao Paolo unterzubringen, der aber just an diesem Tag an einer Herzattacke stirbt.
Position Torwart
Ein älterer Mann aus der Nachbarschaft nimmt Mauro stattdessen auf. So wie es der Opa war, ist auch er in der jüdischen Gemeinde der Stadt engagiert. Mauro muss sich an die Jiddische Sprache gewöhnen und daran, dass es Fisch zum Frühstück gibt, er verfolgt die Fußballspiele und lernt die allmählich die Kinder des Viertels kennen. Am Ende hat er seine Position gefunden: Torwart – denn der Torwart, dass hat der Vater Mauro auf den Weg gegeben, ist der einzige, der sich keinen Fehler erlauben darf.

Brasilien wird am Ende Weltmeister, der blaue Käfer aber kommt nicht zurück. Cao Hamburgers Film ist sentimental aber niemals kitschig, konventionell in seinen erzählerischen Mitteln, aber schlüssig und wohl auch so, wie es sich das Jury-Mitglied Mario Adorf von einem Berlinale-Film gewünscht hat: bewegend.

Vom Reißbrett
Am späteren Nachmittag dann: «The Good German», Pressekonferenz, das Promi-Ding des Tages. Auf dem Podium Cate Blanchett und der Regisseur Steven Soderbergh. Nur Clooney – Clooney glänzt durch Abwesenheit. Lässt sich hier einfach nicht blicken. Hat er einen böswilligen Passanten nach dem Weg gefragt und sich dann hoffnungslos verfahren? Streikt die BVG, kein Geld fürs Taxi? Wohl kaum. Mir dämmert, dass Clooney das mit voller Absicht macht. Hat sich beraten lassen in Sachen Guerilla-Marketing und bewirbt seinen Film hintenrum, fernab von Kameras und Interwievern, als Mann in der Masse, geheimnisvollster Flaneur im winterlichen Berlin.

Wenn dem so ist, Gratulation. Denn dieser Film hat wirklich alle Werbung nötig. Wohl nie ist der hochtalentierte Soderbergh so dermaßen unter seinen Möglichkeiten geblieben wie hier. «The Good German» ist ein matter Klon einiger Filme aus den Vierzigern, allen voran «Der dritte Mann» und «Casablanca».

Es ist eine einzige Kulissenschieberei in Schwarz-Weiß mit aktuellen Superstars, die sich vor der Kamera zu bewegen versuchen wie ihre schauspielernde Großvätergeneration. Stephen Soderbergh behauptet, stolz darauf zu sein, dass «The Good German» mehr als alle anderen seiner Filme, genau so geworden sei, wie er es sich zuvor in den Kopf gesetzt habe. Warum aber ist er bloß damit zufrieden, dass der Film so durchweg steril geworden ist, ein reines Produkt vom Reißbrett?

Die Russen kriegen Polen
Wie um den Festivalbesuchern aus aller Welt die traurige Geschichte dieser Stadt vor Augen zu führen, spielt «The Good German» 1945 im völlig zerbombten Berlin. Historisches Bildmaterial als establishing shots am Anfang, die dritte Einstellung zeigt das S-Bahn-Schild des Potsdamer Platzes. Amerikanische Militärs erinnern sich bereits wehmütig an die gerade erst zurückliegende Zeit, als man die Bösen noch daran erkennen konnte, dass sie auf einen schießen. Und befinden sich bereits am Anfang des Kalten Krieges, denn es geht darum, den Russen die militärische und logistische Intelligenz der Nazis zu entreißen, immer nach der Devise nach: Die Russen kriegen Polen, wir kriegen die klügsten Köpfe.

Die Ingenieure der V2, die Planer des KZ Mittelbau-Dora, Mathematiker und Physiker – sie sind die heißeste Kriegsbeute dieser Tage, und sie sollen den Blutzoll der Amerikaner rechtfertigen, und als zukünftige Waffe gegen den gottlosen «Iwan» in Stellung gebracht, werden, der den Amerikanern sowieso viel suspekter ist, als das deutsche Volk, mit dem man seinen Frieden längst gemacht hat.

Die Casablanca-Frage
So weit die Gemengelage, in die George Clooney gerät, als er zurück nach Berlin kommt – er war vor dem Krieg schon einmal hier, als Reporter der AP. Natürlich geht es ihm dabei um eine Frau. Die von Cate Blanchett gespielte Lena Brandt war damals seine rechte Hand und Geliebte, doch stellt sich heraus, dass die Abgründe, die sie hinter makelloser Fassade und ihrem verrauchten Marlene-Dietrich-Englisch verbirgt, noch lange nicht ausgelotet sind.

Am Ende ist es wie in Casablanca: eine Rollbahn, ein Flugzeug im Regen, ein Liebespaar und die große Flatter: fliegt er, fliegt er nicht, ist die Frage – und haben diese beiden Schönen, wenn schließlich alles gesagt ist, noch eine gemeinsame Zukunft vor sich? Irgendwann im Film spricht einer den gewichtigen Satz: «Aus Berlin kommt man niemals raus.» Schönen Dank, Herr Soderbergh – aber das weiß hier und heute jeder Student.

Schließlich habe ich in einem Coffee-Shop einen Steinwurf vom Berlinale-Palast einen freien Tisch gefunden und schon damit begonnen die Erlebnisse dieses verwirrenden Arbeitstages ins Laptop zu tippen. Ich spüre, wie ein Engel durchs Zimmer geht und blicke auf. Mir gegenüber sitzt plötzlich ein gut aussehender Mann im beigen Trench. Er schaut mich freundlich an. «Sorry», frage ich mit brüchiger Stimme, «do we know each other?»