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Berlinale - Perspektive Deutsches Kino: 

Der Trend geht zum Überdruss

16. Feb 2008 15:14, ergänzt 15:15
Szene aus Football under Cover
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Junge deutsche Regisseure zeigen auf der Berlinale, wie Langeweile zu Krawall, Verwechslungen oder Sex führt, nicht aber zu politischen Filmen. Immerhin ein Doku-Thema, so weiß Christian Bartels, geht immer: Fußball.

«Wenn Du einen halbgaren politischen Film machst, kriegst Du immer aufs Maul», hieß es am Donnerstag am Rande der Berlinale. Auf einer Veranstaltung der Deutschen Filmakademie (gerade durch Til Schweigers Austritt im Gespräch) diskutierten Vertreter des «Neuen Deutschen Films» der 70er Jahre mit jungen Filmemachern von heute. Bei «halbgaren Famiiendramen» hingegen hätten junge Regisseuren wenig zu befürchten, argumentierte Jon Handschin.

«Bullen plattmachen»

Handschin ist der junge Produzent des Spielfilms «Berlin – 1. Mai», der die Berlinale-Reihe «Perspektive Deutsches Kino» eröffnet hat. Auf dem Festival, auf dem sich der deutsche Film 2008 in der Breite weniger stark als zuvor präsentierte, bietet diese Sektion «eine Entdeckungsreise durch die deutsche Filmlandschaft», zu neuen inhaltlichen und stilistischen Trends. Der Inhalt von «1. Mai» macht in der Tat Eindruck: Vier Regisseure (Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki und das Team Ludwig & Glaser) inszenieren drei Geschichten, die sich während des rituellen Mai-Krawalls in Kreuzberg kreuzen. Ein kleiner türkischer Junge hat sanfte Augen, aber einen harten Slang am Leib; er will «einen Bullen plattmachen». Ein Polizist aus dem Brandenburger Umland wird mitten aus einer Ehekrise zum Einsatz beordert. Außerdem reisen zwei unbedarfte Jungs aus Westfalen nach Berlin, um Abenteuer zu erleben.

Szenenbild Berlin - 1. Mai
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Was der Film dann Migranten, Spaßjugend und betagte Hippies erleben lässt, bringt in der Tat Trends auf den Punkt: Es ist mit mit guten Schauspielern pfiffig in Szene gesetzt, handelt sich aber um komplex konstruierte Storys, die sich in Zu- und Unfällen erschöpfen. Am Ende treffen sich alle im Krankenhaus. Die Verletzungen, die ihnen zugefügt wurden, entpuppen sich als überwiegend nicht schlimm. Vor lauter Überdramatisierung verpufft der Gestus politischer Bedeutung. Am Ende ist fast gar nichts passiert. Würde so etwas im Hauptabendprogramm im Fernsehen laufen (Arte und HR haben koproduziert), könnte man drüber streiten. Im Kino, wo das Werk im Sommer starten soll, eher nicht.

Degeto wird sich freuen...

Das Rezept, das der Kreuzberg-Film dramatisch verfolgt, variiert Jovan Arsenics «Helden aus der Nachbarschaft» im tragikomischen Genre und im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Was dort die Teenies von außerhalb in die Hauptstadt treibt, ist hier zentrales Motiv: Überdruss. Sechs materiell relativ gesicherte Hauptfiguren leiden darunter, dass ihr Dasein so gar nichts Neues bietet. Die Freundin eines biederen Feuerwehrmanns darunter, dass der Typ so bieder ist, er darunter, dass sie ihn verlässt, der Liebhaber der Freundin hat Probleme mit dem pubertierenden Sohn und seiner Frau. Die (Nina Hoger) arbeitet bei einem Fernsehsender. Leider will Regisseur Arsenic ihre Show als Katalysator für die weitere Entwicklung benutzen und versucht sich so auch noch an einer Mediensatire. Wohin die Entwicklung führt: Alle laufen einander über den Weg und entpuppen sich als noch netter, als es sowieso schon schien. Alles geht gut aus und gut auf - die ARD-Filmfirma Degeto, die die Freitagsfilme der ARD herstellt und der größte Auftraggeber für Regisseure ist, wird diese «Helden aus der Nachbarschaft» lieben.

Immer gut: Jule Böwe

Die Besucherin
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Eleganter nimmt sich Lola Randls Spielfilm «Die Besucherin» des Überdrusses an. Agnes (großartig: Bühnenschauspielerin Sylvana Krappatsch) geht müde ihrem Beruf als Neurowissenschaftlerin nach, ihr Mann führt ebenso müde den Haushalt, ihre Schwester (auch immer gut: Jule Böwe) behauptet auch eher, lustvoll zu leben. Sie jubelt ihrer Schwester den Schlüssel zu einer Wohnung unter, in der Blumen gegossen werden müssen. Diese fremde Wohnung zieht Agnes aus ihrem routinemäßigen Lebenslauf. Sie hält sich immer öfter darin auf und hat Sex mit dem Mann, der eines Tages dort wieder wohnt. Was passieren wird, ob etwas eskaliert oder die Beziehungen der Charaktere sich verändern, bleibt lange offen. Und was sie antreibt, bleibt unerklärt, weil sie mit niemandem darüber reden - realistisch in der arbeitsteiligen Gesellschaft, in der man oft I-Pods auf den Ohren hat. Und im redseligen deutschen Nachwuchsfilm eine Wohltat.

Noch mehr Überdruss thematisiert «Teenage Angst». Der Ludwigsburger Regiestudent Thomas Stuber erzählt in hochauflösenden glasklaren Bildern von Schnöseln in einem Internat, die zu sadistischer Gewalt und masochistischem Aushalten neigen. Für sich allein betrachtet möchtegern-provokant, funktioniert der 60-Minüter zumindest in Kombination mit dem 20-Minüter «Robin» (Regie: Hanno Olderdissen), der in eindringlichen Bildern das Leid eines Unterschicht-Kindes zeigt und so den anderen Pol des virulenten Themas Jugendgewalt auslotet. Auch «Lea» (Regie: Steffi Niederzoll von der stark vertretetenen Kölner Hochschule für Medien) bewahrt das Geheimnis seiner jugendlichen Hauptfigur, die nur tut, was sie will, aber das nicht ausspricht. Dieser Film dauert 45 Minuten. Kurze Filme, über die sich gut diskutieren lässt, zeigen, dass das Auswalzen der Geschichten auf sogenannte «abendfüllende Länge» für den Nachwuchs ein Problem zu sein scheint.

Wahrlich spielerisch

Football under Cover
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Während solche mittellange Filme voraussichtlich nicht in die Slots gegenwärtiger Mediennutzung passen, da weder Kino noch Fernsehen Plätze für sie vorsehen, beweisen die langen Dokumentarfilme der Reihe (die den bereits auf dem Dokumentarfilmfestival Leipzig 2007 gezeigten, hochgelobten «Drifter» erst am Ende zeigt) Gespür für Publikumwirksamkeit. Fußball geht immer. «Football Undercover» von David Assmann und Nayad Ajafi bereichert das Subgenre der Feelgood-Fußballdokumentation, das mit Sönke Wortmanns «Sommermärchen» Publikumserfolge erzielte und mit dem inoffiziellen Nachfolger, «Die besten Frauen der Welt» (über die Frauenfußball-WM 2007), gerade für den Grimme-Preis nominiert ist.

Überdies nutzt «Football Undercover» die interkulturelle Komponente und erzählt, wie die Spielerinnen der Berliner Mannschaft Al-Dersimpor, die in unmittelbarer Nähe des Berlinale-Areals kickt, in Teheran das erste offizielle Freundschaftsspiel mit der iranischen Frauen-Nationalmannschaft bestreiten wollen. Im fernseh-bekannten locker lebensnahen Dokusoap-Stil werden die Hindernisse, angefangen von der Spielkleidung, und ihre Überwindung geschildert. Im wahrsten Wortsinn spielerisch zeigt der Film, was die gestrenge Auslegung des Koran durch die herrschenden Männer im Alltag des Iran bedeutet, und auch, dass diese Auslegungen manchmal erstaunlich wenig ernst genommen werden. In der «Perspektive» war dies der politischste Film.

Richtig auf's Maul...

Zurück zur WM '06 führt «Jesus liebt Dich»: Der ebenfalls von einem Vierergespann (Liliane Frank, Michaela Kirst, Robert Cibis, Matthias Luthardt) inszenierte Film beginnt spannend, wenn er zeigt, wie junge evangelikale Christen locker ein Fußballstadion füllen. Sie sind aus aller Welt im WM-Jahr nach Deutschland gekommen, um zu missionieren (auch wenn ihnen geraten wurde, das nicht so zu nennen, weil Missionieren in Europa negativ konnotiert ist). Der Film macht sich nicht oder nur selten über seine optimistischen Protagonisten lustig. Ob sie von der Begegnung mit der Realität dann ernüchtert wurden, lässt das gemählich und keineswegs zu kurz dahin plätschernde Werk dann leider offen. Am Ende ist nichts passiert.

Jesus liebt Dich
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Am Ende der Diskussion der Filmakademie am Donnerstag gabe sich dann Veteranen des alten «Jungen Deutschen Films» mit langen Redebeiträgen aufs Maul. Sie stritten, ob das Fernsehen einst in den 60er und 70er Jahren ihr Förderer und Freund oder Gegner war. Die Regisseure von heute streiten nicht mit dem oder über das Fernsehen. Sie äußern Freude darüber, mit engagierten Redakteuren über ihre Projekte diskutieren zu können. Das muss gar kein Problem sein. Es führt immerhin dazu, dass in den Nischen der zahlreichen öffentlich-rechtlichen Sender immer wieder im Vergleich zum Fernseh-Mainstream überdurchschnittliche Sendungen laufen. Was die Freude daran betrifft, Kinovorführungen derselben Filme anzusehen, ist die Nähe zum Fernsehen allerdings doch wieder ein Problem.
 
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