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Berlinale 2008 - Panorama: 

«Meinungen sind wie A...löcher»

14. Feb 2008 09:17
Lächelte auch manchmal: Madonna in Berlin
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Stillsitzen, stramm gefragt! Popdiva Madonna stellte ihr Regiedebüt «Filth and Wisdom» selbstbewusst auf der Berlinale vor. Sascha Rettig fragte sich nur, worauf sie so stolz war?

Kündigen sich so Festival-Großeregnisse an? Schon über eine Stunde vor dem Einlass in die Pressekonferenz wird von rechts geschoben, von hinten gedrückt und von der rechten Seite brüllt ein italienischer Journalist in sein Handy. Porca miseria! Hier liegt eher Schweiß statt Aufregung in der Luft.
Für die Journalisten, die sich durchkämpfen konnten, folgt aber dann nach nochmal einer Stunde Wartezeit ihr Auftritt: 17.25 Uhr betritt Madonna im hoch geschlossenen, schwarzen Kleid den Saal und flüstert als erstes ein «Hi» fast schon schüchtern ins Mikro.

Hysterie am Roten Teppich

Bestürmt von den Fans - Madonna am Roten Teppich
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Was die Stones für das offizielle Berlinale-Programm waren, ist die Pop-Style-Diva jetzt eine Woche später für das Panorama. In der Nebenreihe stellte sie gestern Abend ihre erste Regiearbeit «Filth and Wisdom» vor, mit der sie sich jüngst von ihrer Mystik-Sekte Kabbalah, dem zweitem Eheversprechen mit Guy Ritchie und dem Feilen an ihrem im April erscheinenden Album abgelenkt hat – und durch ihre Anwesenheit die Hysterie am Roten Teppich der Festspiele erwartungsgemäß noch einmal in neue Höhen trieb.

Bitte nur eine Frage...

Beim Frage-und-Antwort-Ping-Pong stellte sich allerdings schnell Ernüchterung ein. Zwar zeigte sich Madonna fast ohne Allüren und Zickigkeiten, man durfte sie aber auch nicht überfordern: Möglich war – bei dem vielleicht unerkannten Running Gag – immer nur eine Frage, weil sie sich keine zwei merken konnte. Dabei erfuhr man, dass sie heimlich davon träumt, wie Zigeuner zu leben: so frei, authentisch und unkonventionell. Dass sie Songs von sich und Freunden wie Britney Spears im Film verwendet hat, weil sie dafür nichts bezahlen musste. Und dass sie ihren nächsten Festival-Auftritt wahrscheinlich im Mai in Cannes haben wird, wo sie ihre Dokumentation über Malawi, das Heimatland ihres Adoptivkindes, präsentieren will.

«Wie haben Sie ihre Regiekarriere begonnen? Mit Ratschlägen von erfahrenen Regisseuren oder jungfräulich, also «Like a Virgin?»», wollte darüber hinaus ein weiterer Journalist und Freund subtilen Humors wissen. «Das war jetzt aber nicht sehr clever», befand Madonna und machte danach gleich klar, was sie von den Ratschlägen anderer Filmemacher gehalten hätte: «Meinungen sind wie Arschlöcher.» Kurze Pause. «Das war jetzt mein Witz.»

Vielleicht doch einen kleinen Rat?

Hätte sie aber vielleicht doch den einen oder anderen Rat annhemen sollen? Oder ist Madonna auf der Berlinale tatsächlich mehr als eine Hype-entfachende Glamourinjektion? Hat sie vielleicht wirklich Talent als Regisseurin? Oder kehrt sie ihre bislang glücklose Liaison mit dem Kino auch jetzt nicht ins Gegenteil? Während Madonna seit den 80ern im Musikbusiness Stilikone, Trendsetterin und Königin der permanenten Neuerfindung ist, waren ihre Schauspielereien bislang schließlich meist so mies wie die Filme, in denen sie auftauchte. Seit «Susan… verzweifelt gesucht» (1985) war ihr Weg daher auch gepflastert von Goldenen Himbeeren. Sie trieb peinlicheWachssexspiele mit Willem Dafoe («Body of Evidence»), war trotz Golden Globe in «Evita» eigentlich auch nur schwer zu ertragen und ließ sich von Ehemann Guy Ritchie in «Swept Away» so hässlich inszenieren, dass alles als eine Scheidung eigentlich ein Wunder war.

Spontanauftritt mit Gitarre

Aus der Reihe ihrer gescheiterten Kinogehversuche bricht nun auch ihre Ziemlich-Low-Budget-Tragikomödie «Filth and Wisdom» nicht aus. In den Geschichten, die Madonna in dem Drehbuch in Zusammenarbeit mit Dan Cadan dafür zusammengeschustert hat, geht es um ein paar Londoner, die sich trotz ihrer schwierigen Lage die Träume von einem anderen Leben bewahrt haben: Die Ballerina, die als Stripperin arbeitet. Die Apothekerin, die Ärztin in Afrika sein will. Der blinde Schriftsteller, der ebenso vergeblich auf den großen Erfolg wartet wie der ukrainische Musiker mit boratigem Akzent, der sich von gediegenen Mittelstandsmännern für altmodisch bizarre Popoklatschszenarien bezahlen lässt, die man ähnlich, aber besser schon vor Jahrzehnten in Terry Jones’ „Personal Services“ zu sehen bekam. Verkörpert wird er von Eugene Hütz, der diese ermüdende Indie-Angelegenheit dabei immer wieder mit dem energetischen Zigeuner-Hochdruck-Punk von seiner Band «Gogol Bordello» aufpumpt – und auch auf der Pressekonferenz zum Schluss zur Gitarre griff, um eine Spontan-Einlage zu liefern.

Wo ist der Schmutz?

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Eigentlich war «Filth and Wisdom» als Kurzfilm geplant. Jetzt aber ist daraus ein kurzer Langfilm mit der Substanz eines Kurzfilms geworden: Holprig auf ein wenig glaubwürdiges Glücksfinale hin erzählt, ist der Film voller Klischees und alltagsphilosophischer Banalitäten. Die Darsteller sind durchschnittlich und die Selbstreferenzen eher müde ironisch. Doch, wo ist der zu erwartende Schmutz? Wo die Weisheit? «Eines kann jeweils aus dem anderen hervorgehen und zur Erleuchtung führen», behauptete Madonna in Berlin. Beides vermisst man in «Filth and Wisdom» allerdings schmerzlich. Aber das interessiert offenbar sowieso kaum jemanden, wenn Madonna da ist.
 
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