13. Feb 2008 14:56
Der Grat zwischen Folter und «Standard Operating Procedure», dem erlaubten Standardvorgehen, war im Abu Ghraib-Gefängnis schmal. Zur Darstellung dieses Grauens bedarf es keiner Hilfsmittel, meint
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Ein Mann steht auf einem Hocker. Er ist nackt, nur ein sackähnlicher Umhang wurde ihm übergezogen. In den Händen hält er Elektrodrähte, durch die Stromstöße fließen sollen, wenn er sich bewegt – wird ihm gegenüber zumindest behauptet. Dieser Mann war 2003 einer der Gefangenen im Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak, wo von der US-Armee willkürlich verhaftete Terrorverdächtige inhaftiert wurden. Vor wenigen Jahren tauchten Fotos dieser und zahlreicher weiterer Situationen in den Medien auf und lösten einen riesigen Skandal aus.Nun hat sich Errol Morris, einer der renommiertesten US-Dokumentafilmer und Oscar-Preisträger für «The Fof of War», in seiner Doku «Standard Operating Procedure» eingehend mit den Ereignissen von Abu Ghraib beschäftigt. Dabei schwenkt der Regisseur den Fokus seines Interesses auf das, was außerhalb der Bilder geschah. Was spielte sich genau ab und warum? Einen Off-Kommentar gibt es nicht, vielmehr lässt Morris die Interviews und Fotos für sich sprechen.
Erstaunlicherweise hat er dafür einige der Täter und Täterinnen vor seine Kamera bekommen, die sich bis ins Detail erinnern – darunter auch die Frau, die einen nackten Gefangenen an der Leine hielt und im Nachhinein zu den großen Sündenböcken zählte: Lynndie England. Sie selber sagt in Morris Wettbewerbsbeitrag, dem ersten Dokumentarfilm in der Bärenkonkurrenz überhaupt, diese Verhörmethoden waren schon an der Tagesordnung als sie, damals 20, dorthin kam. Von den Vorgesetzten kam nur die Vorgabe, dass sie fast alles machen könnten, um den Gefangenen Geständnisse zu entlocken. Nach US-Militärrecht ist gegen einige der weich klopfenden Psychopraktiken nichts einzuwenden. Nach der «Standard Operating Procedure», also dem Standardvorgehen, ist es erlaubt, den Schlaf zu entziehen oder Gefangene unter Wasser zu tauchen. Ja, es darf auch ein Mann mit einer Unterhose auf dem Kopf nackt in schmerzhafter Position an ein Bett gekettet werden.
Als Folter und Straftat hingegen gelten die zur Pyramide aufgetürmten, entkleideten Gefangenen wie auch die Situation, als sie zum Masturbieren gezwungen wurden. Einzeltaten von moralisch verkommenen Soldaten, wie das Militär weiß machen wollte, waren das allerdings nicht, soviel wird in Morris' Film deutlich. Der von George W. Bush begonnne «Krieg gegen den Terror» und die Jagd auf Saddam Hussein rechtfertigte offenbar einiges – und auch Taten, die noch schlimmer sind als all das, was Morris hier erneut vor Augen führt.
Über vier Jahre nach den Ereignissen wirkt Lynndie England nicht so, als wäre sie wirklich schockiert und empfindet so gut wie keine Reue. Im Krieg verändert sich alles, heißt es hier, und dass sie einfach nur so dumm gewesen wären, alles mit Fotos zu dokumentieren. Reue zeigt dabei kaum jemand. Vielmehr bleibt es mehr oder weniger beim typischen «Ich habe ja auch nur die Befehle ausgeführt». Dafür musste England schließlich ins Gefängnis – nur ein paar Monate und keine zehn Jahre wie etwa der Gefreite Charles Graner, den die Fotos amüsierten und der als einer der Hauptverantwortlichen ausgemacht wurde.Die Fotos sind nach ihrer weltweiten Veröffentlichung zu ikonisch ins Gedächtnis gebrannten Schnappschüssen der jüngeren, medialen Vergangenheit geworden. Doch traut Morris vielleicht aus dem Grund auch nicht mehr der Wirkung dieser Bilder, die er in «Standard Operating Procedure» wieder und wieder zeigt? Der Regisseur durchbricht die Interviewsequenzen schließlich immer wieder mit nachgestellten und der dramatisierenden Musik von Denny Elfman unterlegten Szenen von Hunden, die furchterregend ihre Zähne fletschen oder von Patronenhülsen, die in Zeitlupe auf den blutigen Gefängnisboden fallen. Die Wahrheit bedarf solcher filmischen Aufpumpungen eigentlich nicht.