Neuer Film von Oscar-Preisträger Errol Morris:
Schlafentzug und Menschenpyramiden
Nun hat sich Errol Morris, einer der renommiertesten US-Dokumentafilmer und Oscar-Preisträger für «The Fof of War», in seiner Doku «Standard Operating Procedure» eingehend mit den Ereignissen von Abu Ghraib beschäftigt. Dabei schwenkt der Regisseur den Fokus seines Interesses auf das, was außerhalb der Bilder geschah. Was spielte sich genau ab und warum? Einen Off-Kommentar gibt es nicht, vielmehr lässt Morris die Interviews und Fotos für sich sprechen.
Von den Vorgesetzten kam nur die Vorgabe, dass sie fast alles machen könnten, um den Gefangenen Geständnisse zu entlocken. Nach US-Militärrecht ist gegen einige der weich klopfenden Psychopraktiken nichts einzuwenden. Nach der «Standard Operating Procedure», also dem Standardvorgehen, ist es erlaubt, den Schlaf zu entziehen oder Gefangene unter Wasser zu tauchen. Ja, es darf auch ein Mann mit einer Unterhose auf dem Kopf nackt in schmerzhafter Position an ein Bett gekettet werden.
Als Folter und Straftat hingegen gelten die zur Pyramide aufgetürmten, entkleideten Gefangenen wie auch die Situation, als sie zum Masturbieren gezwungen wurden. Einzeltaten von moralisch verkommenen Soldaten, wie das Militär weiß machen wollte, waren das allerdings nicht, soviel wird in Morris' Film deutlich. Der von George W. Bush begonnne «Krieg gegen den Terror» und die Jagd auf Saddam Hussein rechtfertigte offenbar einiges und auch Taten, die noch schlimmer sind als all das, was Morris hier erneut vor Augen führt.
Die Fotos sind nach ihrer weltweiten Veröffentlichung zu ikonisch ins Gedächtnis gebrannten Schnappschüssen der jüngeren, medialen Vergangenheit geworden. Doch traut Morris vielleicht aus dem Grund auch nicht mehr der Wirkung dieser Bilder, die er in «Standard Operating Procedure» wieder und wieder zeigt? Der Regisseur durchbricht die Interviewsequenzen schließlich immer wieder mit nachgestellten und der dramatisierenden Musik von Denny Elfman unterlegten Szenen von Hunden, die furchterregend ihre Zähne fletschen oder von Patronenhülsen, die in Zeitlupe auf den blutigen Gefängnisboden fallen. Die Wahrheit bedarf solcher filmischen Aufpumpungen eigentlich nicht.

