Wenn die Toten zum Tanz bitten11. Feb 2008 18:26  |  Yu (Irizuki) lehrt Rudi (Wepper) den Butoh-Tanz | Foto: PR |
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Der Verlust seiner Frau zwingt Rudi sein festgefahrenes Leben aufzugeben. Selten wurde Trauerarbeit schöner fürs Kino umgesetzt als in Doris Dörries Berlinale-Beitrag «Kirschblüten - Hanami», findet Julia Wilczok.
«Erleben sie doch mal ein Abenteuer», schlagen die Ärzte vor, die Trudi (Hannelore Elsner) mit der Krebsdiagnose ihres Mannes Rudi konfrontieren. «Mein Mann hasst Abenteuer», entgegnet Trudi. Von der vernichtenden Diagnose sagt sie Rudi nichts, doch schlägt sie ihm eine Reise vor. Nach Berlin, zu den Kindern. Oder nach Japan, wo der jüngste Sohn Klaus («Shooting Star 2007»: Maximilian Brückner) lebt. Sie träumt von einer Reise zu Japans höchstem Berg, dem Fuji. «Der Fuji ist auch nur ein Berg», sagt Rudi.Denn Rudi (Elmar Wepper) ist ein Mann, der Gewohnheiten liebt. Jeden Tag geht er zur Arbeit, abends kehrt er zurück zu seiner Frau, trinkt ein paar Bier. Schließlich fahren die beiden doch nach Berlin, wo sie feststellen müssen, dass die Kinder sich völlig von ihnen entfremdet haben. Sich weder für sie interessieren, noch ihnen etwas Zeit opfern wollen.
Also geht es weiter an die Ostsee, wo Rudi erstmals ein wenig aus sich herausgeht. Jedenfalls schlägt er aus eigenem Antrieb für den kommenden Tag einen Spaziergang vor. Dazu kommt es jedoch nicht mehr, denn als er morgens erwacht, liegt Trudi leblos neben ihm im Bett. Die lieblosen Kinder leisten dem Vater zwar Beistand, müssen dann aber auch schnell wieder weg. Zu angeblich wichtigen Meetings undsoweiter. Nicht einmal zur Beerdigung der Mutter bemühen sie sich in das bayerische Heimatdörfchen. Einzig Franzi (Nadja Uhl), die Lebenspartnerin seiner Tochter, steht Rudi zur Seite. Sie ist es auch, die ihn ermutigt nach Japan zu fahren. Das Land, in dem nicht nur Sohn Karl lebt, sondern aus dem auch der von Trudi geliebte Butoh-Tanz [Anm. d. Red.: moderner, japanischer Ausdruckstanz] stammt. Eine Vorliebe, die Rudi - wen wunderts - immer peinlich war.
 |  Kennt Rudi die wahre Trudi? | Foto: PR |
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Nach Trudis Tod wird die Stille im Eigenheim bedrückend. Zunächst versucht Rudi weiter seinen Ritualen zu folgen, doch die Trauer nimmt Überhand. Bewegungslos liegt er auf dem Ehebett, den Lieblings-Kimono seiner Frau neben sich ausgebreitet. Er packt also seinen Koffer, prall gefüllt mit Erinnerungsstücken an seine Frau, und reist zum Sohn nach Tokio. In der Metropole angekommen, erlebt er einen ziemlichen Kulturschock. Er kann die Schilder nicht lesen, im Lokal kein Essen bestellen, nicht U-Bahn fahren. Alles ist fremd. Auch Sohn Karl ist keine Hilfe, eines Nachts wirft er dem Vater sogar vor, die Mutter nie wirklich gekannt zu haben. Und Rudi muss erkennen, dass er damit sogar ein bisschen Recht hat.Er beginnt tagsüber unter dem Mantel Trudis Kleidung zu tragen, er möchte ihr das so heiß geliebte Land zeigen, dass sie nicht mehr zu sehen bekam. Er schlendert durch einen Park, in dem die Kirschblüte gerade in voller Pracht steht. Dort trifft er das Mädchen Yu (Aya Irizuki), die mit Hilfe des Butoh-Tanzes den Tod ihrer Mutter verarbeitet. Die beiden treffen sich fortan jeden Tag, werden Freunde und Yu weiht Rudi ein in die Kunst des Tanzes. Dessen Zweck erklärt sie wie folgt: «You can dance with the dead.» Eine Idee, die Rudi sichtlich fasziniert. Gemeinsam macht sich das ungleiche Paar auf zum Fuji. Dort will Rudi den größten Wunsch seiner Frau wahr werden lassen.
In Frauenkleidern durch Tokio Äußerst gefühlvoll und in wunderbar intensiven Bildern erzählt Dörrie, wie Rudi sich von seinem alten, starren Ich befreit. Da verzeiht man der Wahl-Münchenerin auch das zu oft aufgegriffene Klischee vom ständig biertrinkenden Bayer oder von den entfremdeten Kindern, deren übertriebene Herzlosikeit man ihnen nicht abkaufen will. Auch der Cast scheint sehr zufrieden mit dem Projekt. Hannelore Elsner sagt etwa auf der Berlinale-Pressekonferenz, sie habe ihre Rolle wie «ein Geschenk» empfunden. Als Vorbild für die Trudi habe ihre bayerische Großmutter gedient, die sie beim Spiel «fast ein bisschen zum Leben erweckt» habe. Auch Elmar Weppers Leben hat sich durch in «Kirschblüten - Hanami» verändert, schließlich spielt er darin nach Jahrzehnten im Filmgeschäft seine erste Kino-Hauptrolle. Hat es ihm etwas ausgemacht, in Frauenkleidern durch Tokio zu ziehen? «Überhaupt nicht», sagt Wepper, «Die Japaner sind so höflich, die gucken alle weg.»
Die perfekte Metapher für Vergänglichkeit
 |  Rudi (Elmar Wepper) und Trudi (Hannelore Elsner) | Foto: PR |
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Nach «Erleuchtung garantiert» und «Der Fischer und seine Frau» ist «Kirschblüten - Hanami» Doris Dörries dritter Japan-Film. Für den habe sie sich bewusst «die zwei größten Japan-Klischees» vorgeknöpft, so die Regisseurin - den Fuji und die Kirschblüte. Hanami, die Kirschblüte, diente ihr dabei als perfekte Metapher für die Vergänglichkeit. Denn wie unser Leben blüht auch die zarte, rosafarbene Blüte nur kurz in aller Schönheit auf, um dann vom Baum zu fallen und in den ewigen Kreislauf der Natur einzugehen. Dörrie hat den Butoh-Tanz, der aus der japanischen Hippie-Bewegung entstanden ist, übrigens selbst erlernt. Was Butho bedeutet? «Die Toten träumen von uns», und wie um dies zu verdeutlichen, sagt Dörrie: «Die Toten schicken uns kleine Postkarten der Erinnerung.» Ein Gedanke, der gefällt.
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