«Ein großer Teil wird immer fremd bleiben»
Mit der Regisseurin sprach Netzeitungs-Mitarbeiter Patrick Heidmann.
Dörrie: Gerade weil Butoh anfangs fremd wirkt. Der Protagonist Rudi hat es ja nie wirklich gemocht, wenn seine Frau Butoh getanzt hat, weil ihm das zu seltsam und peinlich war. Ich selbst habe bei meinen Reisen nach Japan habe nie Butoh-Tanz gesehen. Aber im deutschen Fernsehen habe ich einen Dokumentarfilm über Kazuo Ohno gesehen, den Begründer von Butoh. Das hat mir so unglaublich gut gefallen, dass ich mich über Butoh in Deutschland informiert habe und so auf Tadashi Endo gestoßen bin, der in Göttingen lebt und unterricht. Bei ihm habe ich angefangen, Kurse zu belegen. Die Toten träumen von uns, hat er gesagt, und das wurde zum Motto des Films.
Netzeitung: War es schwer, Ihre Darsteller dazu zu bekommen, sich damit auseinanderzusetzen?
Dörrie. Das war gar nicht schwer. Elmar Wepper hat ohnehin alles, was in dieser Geschichte von ihm verlangt wurde, mit so viel Grandezza, Mut und Neugier gemacht, dass ich gar nicht überreden musste.
Netzeitung: Wie sind Sie überhaupt auf Wepper als Hauptdarsteller gestoßen? Er gehört ja nicht unbedingt zu den Schauspielern, die man häufig auf der Kinoleinwand sieht.
Dörrie: Er hatte tatsächlich noch nie eine Kino-Hauptrolle gespielt. Aber ich hatte ihn in einer Nebenrolle in «Der Fischer und seine Frau» besetzt und dort bewundert, mit wie viel Offenheit der diese kleine Aufgabe angegangen war. Da habe ich ihn spontan gefragt, ob er sich vorstellen könnte, mit mir irgendwann auf eine Abenteuerreise zu gehen. Ich wusste damals noch gar nichts von «Kirschblüten», aber er hat «ja» gesagt, und so kam es dann später auch.
Dörrie: Das war bestimmt ein Problem für sie, bevor sie zugesagt hat. Man muss man sich als Schauspielerin sehr genau überlegen, ob man so etwas wirklich machen möchte. Aber dann hat sie sich sehr wacker in die Sache hereingestürzt und hat die Klamotten genauso jeden Tag ertragen wie die grauen Haare. Sie hat diese Trudi allerdings auch sehr genau verstanden, weil wir immer wieder sehr viel über ihre eigene Großmutter und die sehr ländliche Umgebung von Burghausen, wo sie aufgewachsen ist, gesprochen haben. Durch die Arbeit hat sie für sich noch einmal ihre Herkunft entdeckt, deswegen war es für sie eine sehr schöne Erfahrung.
Netzeitung: Bot Ihr Drehbuch den Schauspielern viele Möglichkeiten zur Improvisation?
Dörrie: Es war schon alles sehr genau geschrieben, aber trotzdem wir natürlich immer versucht, dem Leben und der Realität auch die Möglichkeit zu geben, wieder Einfluss zu nehmen. Die Geschichte war sehr viel festgezurrter als damals bei «Erleuchtung garantiert», aber trotzdem sind auch Dinge passiert, die nicht im Drehbuch standen. Dass zum Beispiel in Tokio die Jugendlichen mit ihrem Schild «free hug» auftauchen, hat sich spontan ergeben, auch wenn ich natürlich wusste, dass an dieser Brücke immer irgendwelche Leute stehen. Auch das Wetter an der Ostsee, wo plötzlich strahlend die Sonne schien, war so nicht geplant.
Netzeitung: Würden Sie diesen Film als Ihren bisher persönlichsten bezeichnen?
Dörrie: Nein, das kann ich über jeden meiner Filme sagen. Hier war ich während des Drehens einfach in einem großen Glückszustand, weil so viele Dinge zusammengekommen sind, die für mich ideal waren. Das war von den Leuten, mit denen ich gearbeitet habe, bis hin zur Art und Weise der Entstehung etwas sehr besonderes.
Dörrie: Viel, und ich bin darauf auch sehr stolz. Gleichzeitig weiß ich aber natürlich auch, dass man sich immer davor hüten muss, das alles zu ernst zu nehmen. Wenn man zu sehr an so etwas hängt, trifft es einen immer besonders heftig, wenn es mal ausbleibt. Dass ich noch nie mit einem Film auf der Berlinale war, liegt aber vor allem daran, dass ich sie nie so drehen konnte, dass ich rechtzeitig fertig gewesen wäre. Ich habe nämlich immer auf die Sommer- und Osterferien Acht gegeben, damit die frei blieben, um mit meiner Tochter in die Ferien zu fahren. Dass hat sich jetzt, wo sie 18 ist und nicht mehr unbedingt mit ihrer Mutter in den Urlaub fahren will, geändert, und deswegen konnte ich in den Ferien drehen.
Netzeitung: Wie hoch ist Ihr Aufregungslevel vor dieser Weltpremiere in Berlin?
Dörrie: Das wird extrem sein. Ich werde 120 Minuten lang fast an Herzklopfen sterben und mir überlegen, ob das eigentlich so gesund ist. Das Wichtige daran ist mir, dass der Film zum ersten Mal vor Publikum laufen wird, was natürlich immer der Lackmustest ist. Da kann man schon mal vor Aufregung fast ohnmächtig werden, wenn man dabei sitzt.
Netzeitung: Der Film wartet mit vielen sehr poetischen Bildern auf. War das von Anfang an Ihre Absicht?
Dörrie: Meine Idee war es zumindest, ein System zu erfinden, in dem man solche Bilder überhaupt finden kann. In einem normalen Drehablauf muss man sich die Bilder sehr, sehr genau im Vorfeld überlegen. Man kann also der Realität gar nicht erlauben, in den Ablauf Einzug zu halten. Das geht nicht mehr, weil man so viel an Logistik mitschleppt. Möglichst viel Logistik radikal abzuschaffen und damit auch die Freiheit haben, etwas während der Arbeit zu finden, war ein Hauptkriterium bei diesem Projekt.
Netzeitung: War denn erst die Geschichte da oder erst der Wunsch, mit einem so kleinen Apparat im Hintergrund zu arbeiten?
Dörrie: Das war beides. Ich wusste natürlich immer, dass man einen Film mit so vielen Unwägbarkeiten wie der Kirschblüte, dem Fuji und der Ostsee auf konventionelle Art und Weise schon aus Kostengründen gar nicht hätte drehen können. Dazu hatte ich aber die passende Art der Arbeit parat, denn bei «Erleuchtung garantiert» war es damals schon ähnlich. Mittlerweile haben sich allerdings auch die Bedingungen noch einmal so extrem weiterentwickelt, dass man heute sogar in hochauflösender digitaler Technik drehen kann.
Netzeitung: Bedeutet das für Sie denn nun eine komplette Abkehr von der herkömmlichen Art des Filmedrehens?
Netzeitung: Das Japanische ist nun schon seit geraumer Zeit fester Bestandteil Ihrer Arbeit. Ist das für Sie immer noch eine ganz fremde Kultur, die Sie mit Staunen betrachten, oder fühlen Sie sich dort doch schon heimisch?
Dörrie: Ich fühle mich in Japan durchaus heimisch, vor allem in bestimmten Stadtteilen von Tokio. Aber gleichzeitig ist es trotzdem noch sehr exotisch, und jeder, der lange in Japan lebt, bestätigt einem das: je vertrauter das Land einem wird, desto fremder wird es gleichzeitig auch wieder. Da macht man verschiedene Phasen durch, auch wenn man wie ich ungefähr einmal im Jahr dort ist.
Netzeitung: Aber kann man denn die Kultur als Europäer tatsächlich jemals völlig begreifen?
Dörrie: Ich glaube, das geht genauso sehr oder so wenig, wie Asiaten uns Deutsche verstehen werden. Da wird auch immer ein großes Teil unbegreiflich und fremd bleiben. Aber das macht ja auch das Faszinierende aus.

