Ein bisschen Frieden von Neil Young09. Feb 2008 11:13  |  Buhrufe und Jubelstürme: 'Let's impeach the president for lying' | Foto: PR |
|
«Die Zeit, als Musik die Welt verändern konnte, ist vorbei», stellt Neil Young nüchtern fest. Julia Wilczok war dabei, als er seinen politischen Musikfilm «CSNY: Déjà Vu» auf der Berlinale vorgestellt hat.
Zu Recht wird von einer Musik-Berlinale gesprochen. Die Stones waren da, Patti Smith bleibt noch ein paar Tage länger, Madonna hat sich für die kommende Woche angekündigt. Und dann ist da auch noch Neil Young. Nachdem die Stones das Filmfest am Donnerstagabend mit ihrem Konzertfilm «Shine A Light» eröffneten, hatte er am Freitag seinen großen Auftritt.
In der Sektion Berlinale Special läuft sein Musikfilm «CSNY: Déjà Vu», den er unter dem Pseudonym Bernard Shakey drehte. Darin geht es im Groben um die «Freedom of Speech»-Nordamerika-Tour seiner Band Crosby, Stills, Nash & Young (kurz: CSNY) aus dem Jahr 2006. Doch bereits in einer der ersten Einstellungen - die Stars & Stripes und ein Soldatenfriedhof - wird klar, dass hier nicht nur ein paar Konzertmitschnitte alternder «Hippie-Millionäre» gezeigt werden sollen. Seit über vier Jahrzenten schreibt Young inzwischen Songs für den Frieden. Es geht also um Politik.
Früher war es Vietnam, heute wettern Young und Konsorten gegen den Irak-Krieg und die Bush-Regierung. Hippies und Rednecks, Journalisten und Politiker, Junge und Alte, Demokraten und Republikaner geben im Film ihren Senf dazu. Immer wieder werden Kritikerstimmen, positiv wie negativ gefärbte, aus der Lokalpresse eingeblendet. Ein wenig selbstgefällig wirkt Young als er erzählt, dass das positive Feedback der Fans ihn darin bestärke, dass seine Mission von Bedeutung ist. Die verklärte Hippie-Mentalität hat der 62-Jährige längst abgelegt. «Die Zeit, als Musik die Welt verändern konnte, ist vorbei», stellt er nüchtern fest. Die Welt sei heute eben anders als früher. Was denn negativ an Bush sei, wird Young auf einer Berlinale-Pressekonferenz gefragt. Statt einer Antwort erfolgt: «Das würde zu lange dauern.» Seinen Favoriten bei den US-Wahlen wollte er ebenfalls nicht nennen.
«Neil Young can suck my d**k!»
 |  Immer noch voller Elan auf der Bühne: CSNY | Foto: PR |
|
Doch zurück zum Film: «Rüstig» ist ein fieses Wort, denn nur ein Buchstabe unterscheidet es von «rostig». Young ist gut drauf, bedenkt man, wie viele Jahre er im Rock'n'Roll Geschäft zugange ist. Während seine Bandkollegen versuchen, die mächtigen Bäuche mit wallenden Hawaii-Hemden zu kaschieren, bevorzugt Young den bequemen Trekking-Opa-Look: Turnschuhe, Multifunktions-Hose, Tropenhemd, Anglerhut. Als die Rockrentner bei einem Konzert den Song «Let's Impeach The President» anstimmen, spaltet sich das Publikum. Die einen brechen in Jubelstürme aus, die anderen pressen aus hunderten Kehlen ein brummendes «Buuuh» hervor. Erstere verleihen ihrer Begeisterung Ausdruck, indem sie die Faust recken, jede Silbe mitsingen und sich dabei ekstatisch im Takt wiegen, Letztere scheinen vollkommen außer sich vor Empörung. Interessant sind auch die Reaktionen der Konzertbesucher - wir befinden uns übrigens in den tiefsten Südstaaten, mitten im «Bibelgürtel». Sie würde die Musik von CSNY lieben, aber sie sei ihr «zu politisch», sagt eine junge Frau. Ein Mitvierziger, der sich als «konservativer Republikaner» vorstellt, räumt ein, dass er in letzter Zeit erkannt habe, dass unter Bush doch nicht alles richtig laufe. Ein Herr gesetzteren Alters grantelt in seinen weißem Rauschebart: «Neil Young can suck my d**k!»
Young ist mit Herz, Leib und Seele dabei
 |  Karen Merediths Sohn ist im Irak gefallen | Foto: PR |
|
Im Kontrast dazu stehen die emotionalen Gespräche mit Veteranen und Familienangehörigen von gefallenen Soldaten. Da ist etwa eine Mutter, die ihren 26 Jahre alten Sohn im Irak verloren hat. Ein Schicksal, das Hunderte Familien teilen. An seinem Geburtstag lässt sie ein Bündel Luftballons in den Himmel steigen. An die Schnur hat sie Zettel mit kleinen Botschaften geheftet. An sich eine hübsche Idee, doch etwas zu viel Pathos für eine Dokumentation. Die Erzählstruktur gerät zuweilen recht zäh und auch die Grundidee ist nicht neu (siehe Michael Moore). Doch Young ist eben mit Herz, Leib und Seele dabei. «I hate this fucking war», sagt er in einer Szene als Gast einer Talkshow. Die Stimme bricht und es wird klar - seine Mission, gegen das Unrecht dieser Welt mobil zu machen, ist zu seiner Lebensaufgabe geworden. Doch was ist eigentlich mit den anderen Mitgliedern von CSNY? Die scheinen froh zu sein, dass sie noch auf der Bühne stehen, aber auch froh, dass sie nicht immer im Mittelpunkt stehen. Auch sie kämpfen noch für ihre Sache, jedoch deutlich leiser und unaufdringlicher als der Kollege.
|