07.02.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Keith Richards, Martin Scorsese und Mick Jagger
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH
Mit «Shine A Light» eröffnet Martin Scorsese die Berlinale. Mehr als ein Konzertfilm ist ihm nicht gelungen - dabei zeigen die Stones sogar Sinn für Humor, findet Kerstin Rottmann .
Es ist wahrscheinlich einer der schönsten Berufe der Welt: Mick Jagger sein. Wem es noch an einem Beweis für diese These gefehlt hat, der schaue sich demnächst im Kino Martin Scorseses neuen Film «Shine A Light» an. Darin zu sehen ist die wohl vergnüglichste Rentnerband der Welt. Vier zerfurchte alte Herren mit einer Vorliebe für allzu knappe Kleidung, seltsam gemusterte Pullover, «tacky jewels» an Ohr und Hals und auch viel Glitzer am Bühnenkostüm. Soweit das Klischee. Immerhin, zu Beginn seines sogenannten Dokumentarfilms versucht der Altmeister des US-Kinos denn auch einiges, um die Erwartungen der Filmzuschauer zu unterlaufen. Wie in einer glamouröseren Ausgabe der Muppet-Show ist Scorsese da als meckernder, pedantischer wirrter Alter porträtiert, der für seinen geplanten Konzertfilm versucht, die noch immer reichlich renitenten Rentner-Rocker auf seine perfekte Produktions-Linie zu bringen.
Im Gegenzug ist Stones-Frontmann Mick Jagger zu sehen, der in der Businessclass irgendeiner Fluglinie sitzt (im Hintergrund läuft gepflegte Klassik) und die Setlist für das Konzert (in New York, Oktober 2006) zusammenstellt - aus einer Liste mit «sehr bekannten», «bekannten» und «unbekannten» Songs.
Klar, dass die bei einer Band mit Gründungsjahr 1962 ein wenig länger ausfällt. Und so geht es durchaus amüsant und locker weiter. Etwa, wenn Konzert-Präsentator Bill Clinton die vier Superstars des Stadionrocks vor und nach (!) dem Auftritt zu einem ausufernden «Meet and Greet» mit seiner ganzen Verwandtschaft bittet. Nach der Begegnung mit Hillary, Chelsea und Auntie Irgendwas ätzt Keith Richards da nur noch «Ey Mr. Clinton, I'm bushed» Richtung Kameras, was in dem Moment tatsächlich ziemlich komisch ist.
Parrallel dazu verfolgen die Kameras die Konzertvorbereitung, vom Bühnenbild über die Setlist bis hin zur korrekten Platzierung noch des letzten Megascheinwerfers hinweg, während gleichzeitig der Filmemacher immer hibbeliger und nervöser wird. Einwand von der Technik in Richtung Regisseur: «This (die Beleuchtung, d. Red.) is too hot, Mick will burn.» Antwort eines sichtlich konsternierten Martin Scorsese: «Oh yes, yes, right. Ähem no, we can't burn Mick.»
Alles fit im Schritt?Doch spätestens, als die ersten Takte von «Jumping Jack Flash» durch das Beacon Theatre schallen, ist es mit der kritischen Distanz des Filmers und offenbar auch erklärten Stones-Fans Scorsese vorbei. Fortan verliert sich «Shine A Light» in der zugegebenermaßen brillant gefilmten Ästhetik eines ganz normalen Rockkonzerts. Nummer nach Nummer der «sehr bekannten», «bekannten» und «unbekannten» Songs performen die wieder immer virilen Rocker. Hin und wieder unterbricht Scorsese die langen Musikstrecken zwar noch mit durchaus amüsanten Schnipseln aus dem Archiv. Doch mehr als das allgemeine kollektive (journalistische) Staunen à la «Mann, Ihr seid ja schon lange dabei und immer noch so fit im Schritt! Hättet Ihr das selbst gedacht?» hat die weltweite Reporterzunft an den Stones offenbar schon seit den späten Siebzigern nicht mehr interessiert. Antwort darauf gibt es sichtlich gelangweilter Ron Wood: Nein, er denke nicht darüber nach, was er mache - es mache es einfach: «Wir lieben, was wir tun». Das wiederum war eigentlich auch schon vorher klar.
Schade also, dass «Shine A Light» nach dem durchaus viel versprechenden Intro so schnell belanglos wird. Filmisch gesehen bleibt dieser immerhin erste Dokumentarfilm, der am heutigen Donnerstag die Berlinale eröffnen wird, leider weit hinter seinen Möglichkeiten zurück. Dafür kann Festivalchef Dieter Kosslick mit fetter Star-Power auf dem Roten Teppich protzen. Regisseur Martin Scorsese ist in Berlin (und das, wie er in der anschließenden Presskonferenz verriet, erstmals seit 1981 und seinem Film «Raging Bull»), und auch die komplette Band. Mit gemeinsamen 254 Lebensjahren auf den Buckel werden die Rolling Stones sicher auch den Berlinale-Palast rocken. Schließlich sind die Herren ja Profis.