netzeitung.deBerlinale 2006: Von Siegern und Verlierern

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Vorher als Favorit gehandelt, dann unschön abgestürzt: Oskar Roehlers 'Elementarteilchen' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Vorher als Favorit gehandelt, dann unschön abgestürzt: Oskar Roehlers 'Elementarteilchen'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Festival neigt sich dem Ende zu, doch klare Favoriten sind in diesem Jahr Mangelware. Neben den politischen Schwergewichten könnte daher ein Außenseiter das Rennen machen.

Am Samstagabend muss die Wettbewerbsjury ihre Entscheidung getroffen haben und bis dahin dürften die Diskussionen nicht einfach werden. Überhaupt, so sieht es die Mehrheit der professionellen Festival-Besucher, war es alles in allem ein eher durchschnittliche Berlinale-Jahr. Es gibt ihn nicht, in diesem Jahr: den Über-Film, denjenigen, dem Kritiker und Publikum zu Füßen liegen, der gesellschaftliche Relevanz, packende Story, Esprit und gutes Handwerk in sich vereint, den potentieller Klassiker der Zukunft, kurz: den Film, dem jeder sofort den Goldenen Bären verleihen würde.
Gelungene Alterwerke...
Dabei war sogar ein Regisseur im Wettbewerb vertreten, dem genau so etwas schon gelungen ist: Mit «Die zwölf Geschworenen» räumte Sidney Lumet im Jahr 1957 den Goldenen Bären ab – allerdings ist sein Alterswerk «Find me Guilty» nur gut in Szene gesetztes Mainstream-Kino – unterhaltsam anzusehen, aber wohl viel zu leichtgewichtig für eine der Trophäen. Auch Robert Altmans sentimentales «A Prairie Home Companion», ebenfalls das Werk einer über 80-jährigen Regie-Legende, ist für einen privaten Kinobesuch eine uneingeschränkte Empfehlung. Allerdings fehlen auch hier die Ecken und Kanten, an denen sich eine Jury reiben kann. Ob ihr das egal ist, wird sich zeigen.
...und große Enttäuschungen
Dagegen entpuppte sich der Film, der von der Papierform her der große Abräumer hätte sein können, als eine der größten Enttäuschungen des Festivals: «Elementarteilchen» hat Stars und eine provokante und gesellschaftskritische Vorlage – und entpuppte sich als tumbe Sex-und-Tod-Nummernrevue, die unverhohlen auf ein großes Publikum schielt, sich dabei aber an fast allem vergeht, was den Roman von Michel Houellebecq ausmachte.

Allerdings fanden auch die «Elementarteilchen» ihre Fürsprecher unter den Kritikern – ähnlich kontrovers, wenn auch mit positiverem Grundtenor liefen die Diskussionen über Matthias Glasners Vergewaltiger-Film «Der freie Wille» (mit dem Jürgen Vogel zu einem der Favoriten auf einen Darsteller-Preis avancierte), sowie über Valeska Grisebachs mit Laien gedrehten Brandenburg-Film «Sehnsucht». Für einen sehenswerten Schlusspunkt sorgte Hans-Christian Schmid mit seinem Seelendrama «Requiem». Der Exorzismus-Film bestach mit seiner Nüchternheit und einer brillanten Performance von Leinwanddebütantin Sandra Hüller.
Viele politische Stoffe
Auch sonst fehlte es dem Festival durchaus nicht an gesellschaftlich relevantem Material: «Syriana», der George Clooney eine Oscar-Nominierung einbrachte, thematisiert (außerhalb des Wettbewerbs) wirtschaftlichen Einfluss auf die Politik, ebenso wie Claude Chabrols «Geheime Staatsaffären», Michael Winterbottoms «Road to Guantanamo» thematisiert die Haftbedingungen im Lager, «Grbavica» die Nachwirkungen der Balkan-Kriege, die iranische Produktion «Zemestan» das schwere Los persischer Arbeiter.

Es würde einen nicht sehr wundern, wenn sich die Jury bei ihrer Wahl aus diesem Fundus bedienen würde. Oder wird sie einen der schön bis ganz nett anzusehenden «kleinen» Filme wählen, die wohl nicht zufällig oft auch aus «kleineren» Film-Ländern stammen? Der fernöstliche Film Noir «Invisible Waves» gehört dazu, die iranische Fußball-Komödie «Offside», der ebenfalls heitere Vater-Tochter-Film «Isabella» oder der bleiern-langsame argentinische «El Custodio», der das monotone Leben eines Leibwächters in ästhetische Bilder packt. Aber auch wenn man das Favoriten-Fehlen schade finden kann, für eins zumindest ist es gut: Für Spannung vor der Jury-Entscheidung.


Für das Web ediert von Kai Kolwitz