17.02.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Sandra Hüller als Michaela in 'Requiem'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Hans-Christian Schmids «Requiem» sorgte für ein eindrucksvolles Finale des Berlinale-Wettbewerbs. Das Drama einer jungen Frau, die nach einer Teufelsaustreibung stirbt, besticht durch Nüchternheit. Thema: "Requiem" Hans-Christian Schmid im Interview: «Dämonen gibt es nicht»
Die neue Freiheit lässt sich schlecht an: Gleich zu ihrem ersten Seminar kommt die junge Studentin Michaela (Sandra Hüller) zu spät. Wie sie da so steht, ohnehin peinlich berührt, wird sie auch noch vom Dozenten in ein Lehr-Gespräch verwickelt. Wie sehe sie denn die Rolle von Vorbildern in der Pädagogik? Und, genauer gefragt: «Woran glauben Sie denn?» «An Gott», sagt die 21-Jährige einfach - und sorgt damit für einen großen Lacherfolg im überfüllten Hörsaal.
Nein, Religiösität und der Glaube an Gott sind in Deutschland nichts, womit man sich Freunde macht - weder heute, noch Anfang der 70er Jahre, der Zeit, in der Hans-Christian Schmids Film «Requiem» spielt. Umso riskanter erschien das Unterfangen des jungen Regisseurs («Lichter», «23»), der in seinem Film von einer Teufelsaustreibung mit tödlichen Ausgang berichtet. Doch «Requiem» ist kein Film über den Exorzismus, und mit Hollywoods «Exorzismus der Emily Rose» hat das Werk des 41-Jährigen schon rein gar nichts zu tun.
Bescheidene TräumeZu danken ist dies neben dem hervorragenden Drehbuch (Bernd Lange) vor allem der überragenden Hauptdarstellerin Sandra Hüller. Sie spielt die junge Frau, deren bescheidener Lebenstraum - raus aus der häuslichen Enge, ein Studium, vielleicht einmal Lehrerin sein - sich zunächst zu erfüllen scheint, mit einer verhuschten Intensität, die den Zuschauer fast körperlich anrührt. Ihre Michaela, ein behütetes Kind aus einfachen, ländlichen Verhältnissen ist kein Mensch, der auffällt.
Strebsam und sensibelWie sie als Mächen vom Lande in der Universitätsstadt Tübingen durch die düsteren Flure huscht, mit dicker Strickjacke, viel zu hohen und gleichwohl klobigen Schuhen, strähnigem Haar und leicht unreiner Haut, ist die 21-Jährige gleichwohl von Beginn an eine sensible, zerbrechliche Außenseiterin - allerdings eine mit einem Geheimnis.
Denn Michaela leidet an Epilepsie, und das mit einer zunehmend schlechten Prognose. Doch die junge Frau verteidigt still und zäh ihre mühsam erkämpfte Selbständigkeit und zunächst lässt sich auch alles gut an: Da ist ihre Freundin Hannah (Anna Blomeier), die sich erst zögerlich, dann aber mit großer Warmherzigkeit dem Mauerblümchen aus ihrem schwäbischen Heimatdorf annimmt. Und da ist Stefan (Nicholas Reinke), ein Kommilitone, mit dem sich eine zarte Liebesgeschichte entwickelt.
Viele Wege, keine Lösung«Versprich mir, dass Du immer auf mich aufpasst», sagt sie einmal zu ihm, und das tut Stefan auch. Doch die Anfälle verschlimmern sich, zur Epilepsie kommt eine unbehandelte Psychose dazu. Michaela hört Stimmen, sieht Gesichter, und kann, für sie eine der schlimmsten Erfahrungen, nicht mehr beten, gar den Rosenkranz nicht mehr berühren.
Sie sucht Hilfe, bei den überforderten Eltern (Burghart Klaußner und Imogen Kogge), bei den Ärzten und bei den Geistlichen. «Ein Scheiß» sei das, schimpft der Pfarrer Landauer (Walter Schmidinger) ihrer Heimatgemeinde über Michaelas These vom Teufel, und auch der junge Priester Borchert (Jens Harzer) wirkt zunächst mäßigend auf die zunehmend panische junge Frau ein, deren großes Idol längst eine Märtyerin, die heilige Katharina ist.
Keine Dämonen, nirgendsErst nach mehr als zwei Dritteln des Films hören wir Michaela zum ersten Mal schreien, wird die folgsame Tochter, die liebevolle Schwester, die sorgsame Freundin endlich laut und beschimpft die strenge Mutter. Doch es ist der Anfang vom Ende, die Psychose bricht aus, der Wahn und der Wille gehen eine unheilige Allianz ein. Die Schuldfrage, sie stellt sich nicht, und das ist die eigentliche Leistung von Hans-Christians Schmids Interpretation der hinreichend bekannten Geschichte der Anneliese Michel, die sich 1976 einem Exorzismus unterzog.
So viele Wege, soviele wohlmeinende, sie liebende Menschen - doch am Ende ist Michaela trotzdem tot. Gestorben an Erschöpfung und Auszehrung nach mehrere Teufelsaustreibungen, die auf Wunsch der hilflosen Familie und der verzweifelten Frau vorgenommen wurden. Er habe zeigen wollen, wie «Menschen, die lieben, doch nicht helfen können», sagte Regisseur Schmid auf der Pressekonferenz.
Dies sei kein Film über Religion, und schon gar nicht über Dämonen (Schmid: «Die gibt es nicht») sondern viel eher über eine nicht geglückte Ablösung von Mutter und Tochter, führt er weiter aus und fügt noch einen Satz hinzu, der im Saal für eine gewisse Unruhe sorgt: Der Glaube «gibt ihr und der Familie eben Sinn».
Anrührender Blick auf die 70erGenau das ist letztlich die große Leistung von Schmids Film: Er geht wertfrei an das Thema heran, und nimmt die Menschen, so wie sie sind. Niemals wird das kleinbürgerliche, enge, und, ja, tief-katholische Millieu der Michaela Hüller vorgeführt, wird die Spießigkeit der Verhältnisse zum Sündenbock gemacht. Auch der Blick auf die Siebziger, den der Regisseur fern des so angesagten Retrolooks kreiert, ist eine kleine Sensation.
Es ist ein stilles Setting, in erdfarbenen, blassen Tönen, eine Welt, in der grauer Wandputz und Selbstgestricktes dominieren, und die Kinder zu Weihnachten Blockflöten bekommen und sich sogar darüber freuen. Die revolutionäre Aufbruchszeit der 70er, sie erreicht Michaela nur musikalisch, mit den Songs von Amoon Düül und Deep Purple, zu denen sie erst verhalten, dann besorgniserregend ekstatisch tanzt, und mit ihrer eigenen kleinen Revolution: einem Paar selbstgekaufter hoher Stiefel und einem Minirock. Beide wirft die Mutter in den Müll - und damit wohl auch gleich Michaelas ganzes Leben.