16.02.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Vom He-Man zum Moppelchen: Vin Diesel ist Jackie DiNorscio
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
49 Jahre nach «Die zwölf Geschworenen» bringt Sidney Lumet wieder einen Gerichts-Film zur Berlinale und gibt Vin Diesel die Hauptrolle. «Find me Guilty» ist Popcorn-Kino - aber sehr gut gemachtes.
Von Kai KolwitzDer Regisseur wunderte sich: «Er ist nicht das, was ich einen Festival-Film nennen würde», so Sidney Lumet zu der Tatsache, dass sein neues Werk «Find me Guilty» einen Platz im Berlinale-Wettbewerb gefunden hat.
Der 81-Jährige ist das, was man zu Recht eine lebende Legende nennen darf: Vor sage und schreibe 49 Jahren gewann er für «Die zwölf Geschworenen» bereits einen Goldenen Bären in Berlin, im Lauf seiner langen Karriere sind ihm in so ziemlich jeder filmischen Epoche Meilensteine gelungen neben den «Geschworenen» vor allem «Hundstage», der, mit Al Pacino und John Cazale in den Hauptrollen, einer der ganz großen Filme des «New American Cinema» der Siebziger ist.
Und nun, ein Jahr vor dem doppelten Gold-Jubiläum, wieder ein Besuch in Berlin. «Find me Guilty», Lumets neuer Film, ist, wie schon die «Geschworenen», ein Gerichts-Drama. Darin setzt er sich mit dem größten Mafia-Prozess der amerikanischen Geschichte auseinander: 20 Angeklagte im gleichen Gerichtssaal, 21 Monate Dauer, mehr als 600 Verhandlungstage.
Basierend auf den originalen Gerichtsprotokollen stellen Lumet und Drehbuchautor T.J. Mancini den Angeklagten Giacomo «Jackie» DiNorscio ins Zentrum. Der hat als einziger in dem Prozess kaum noch etwas zu gewinnen oder zu verlieren. Wegen eines Kokaindeals muss er so oder so noch mehr als 20 Jahre im Gefängnis absitzen.
Ausgegrenzte Action-StarsDie Staatsanwaltschaft bietet ihm daher einen Deal an: Strafmilderung, wenn er gegen seine Freunde aus dem Luccese-Clan aussagt. Doch das geht gegen Jackies Ehre: Er schlägt das Angebot in den Wind und weil sein Anwalt ihm schon seine letzte Strafe eingebrockt hat, beschließt er kurzerhand, seine Verteidigung in dem Mammut-Prozess selbst zu übernehmen.
Die Wahl des Hauptdarstellers dürfte die größte Überraschung an «Find me Guilty» sein: Action-Star Vin Diesel spielt den Jackie Norscio, eine Wahl, die Lumet auf der Pressekonferenz mit Vehemenz verteidigte: «Es ist seltsam, wie alle Action-Stars ausgegrenzt werden genau so wie zu schöne Schauspielerinnen: Immer heißt es nur: 'Sie können nicht spielen.' Und das, obwohl es einen Sean Connery gibt, einen Clint Eastwood, Humphrey Bogart, James Cagney alles Leute, die als Action-Helden angefangen haben.»
Der fünffache DieselAufmerksam auf Diesel ist Lumet nach eigenen Worten durch einen Kurzfilm über die Arbeitssuche eines Schauspielers geworden, bei dem Diesel das Buch schrieb, Regie führte und die fünf Rollen alle selbst übernahm eine Art Demoband des damals noch völlig unbekannten Schauspielers.
«Ich musste sehr viel Eiscreme essen, um mein Gewicht zu steigern», skizziert dagegen Diesel sein größtes Problem im Zusammenhang mit der Rolle. Und in der Tat: In dem Lumet-Film ist der Waschbrettbauch Geschichte, außerdem verbrachte der Hauptdarsteller jeden Tag zwei Stunden in der Maske, bis aus dem durchtrainierten Diesel der eher moppelige, plattfüßig watschelnde Jackie wurde.
Trotzdem: So wandlungsfähig wie Robert De Niro wird Diesel wohl nicht mehr werden. Aber die Rolle des Mafiosi passt zu ihm: Aufbrausend, immer etwas begriffsstutzig wirkend, aber trotzdem gar nicht so unschlau, bringt Jackie mit seiner Selbst-Verteidigung ordentlich Unruhe in den Gerichtssaal. Er beleidigt, hält Moralpredigten, erzählt dreckige Witze: «Denken Sie daran: Ich bin kein Gangster, ich bin ein Gagster», erklärt er sich den Geschworenen.
Jackie ist nicht los zu werdenStaatsanwaltschaft und die Anwälte der anderen Angeklagten betrachten seine Auftritte mit Sorge: Jackie spielt nicht nach den Regeln des Systems, niemand weiß, wie die Geschworenen reagieren werden zumal Jackie mit seinen Zoten einige von denen durchaus zu erheitern weiß. Seinen Prozess abtrennen können sie aber auch nicht mehr: Das würde dem Verlierer einen leichten Weg in die nächste Instanz eröffnen und nichts wollen beide Seiten weniger als noch einmal hunderte von Verhandlungstagen. Also müssen sie durch und sehen, wie die Sache am Ende ausgeht.
Mit «Die 12 Geschworenen» hat «Find me Guilty» außer dem Genre allerdings wenig zu tun: War der alte Film eine beeindruckende Charakterstudie aus dem Beratungszimmer, so ist «Find me Guilty» einfach gut gemachtes Popcorn-Kino: Der Film hält die Spannung, Jackie hat wirklich viele gute Pointen, man sieht dem Typen einfach gern bei seinem David-gegen-Goliath-Kampf zu.
Mafiosi dürfen nicht die Guten seinDazu kommt, dass Lumet sein Handwerk nach all den Jahren natürlich aus dem Eff-Eff beherrscht: «Find me Guilty» ist extrem gut fotografiert und holt seine Dynamik zu großen Teilen aus dem Schnitt: Totale, Großaufnahme, Detail, wieder Großaufnahme Inszenierung aus dem Lehrbuch ist es, was Lumet in diesem Film demonstriert.
Leider sind die Charaktere dafür eher stereotyp: Der ehrenhafte Mafiosi Jackie, der ehrgeizige Staatsanwalt, der Richter, der im Lauf des Prozesses langsam seine Sympathie für den Quertreiber entdeckt, Jackies Tochter und Vater, die im Lauf des Verfahrens ihre rührseligen Auftritte bekommen. Viel stammt hier aus dem Hollywood-Baukasten typisch Mainstream ist auch, dass die Mafiosi natürlich nicht einfach die Guten sein dürfen, auch wenn sie noch so knuffig rüberkommen. Als moralische Gewissen kommen daher Jackies Exfrau und der Staatsanwalt zum Einsatz, die die Mafia-Familie ordentlich ins bürgerliche Weltbild einsortieren eine Art in den Film integriertes: «Kinder, macht das nicht zuhause nach.»
Das kann einen je nach Sehgewohnheiten ein wenig nerven, ändert aber nichts daran, dass «Find me Guilty» ein zwar konventioneller, aber ausgesprochen unterhaltsamer Film ist ein bisschen eine Art XXL-Version einer «Sopranos»-Folge. «Das liegt alles an Vin», verteilte Lumet Komplimente: «Weil er so gut war, musste ich überhaupt nicht tricksen.»
Und ach ja: Das Zitat vom Anfang dieses Textes geht noch weiter: «Es ist überhaupt kein Festival-Film», so der Regisseur, «weil er nämlich nicht langweilig ist.»