netzeitung.deReise ins Grauen: «Road To Guantanamo»

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'Road To Guantanamo' (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Road To Guantanamo'
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wie drei britische Teenager ins berüchtigste Lager der Welt kamen: Michael Winterbottoms «The Road To Guantanamo» erzählt eine unglaubliche Geschichte, die tatsächlich passiert ist.

Von Kerstin Rottmann

Er ist schon Stammgast auf der Berlinale, und seit Montagabend auch stolzer Besitzer eines Ehrenpreises von «Cinema for Peace»: der britische Regisseur Michael Winterbottom. Am Dienstag hat er seinen neuen Film «The Road to Guantanamo» vorgestellt - und scheint damit wieder einmal den Ton getroffen zu haben. Besonders «politisch» sei die Berlinale schließlich in diesem Jahr, mutmaßten die Kommentatoren spätestens seit George Clooneys «Syriana», den dieser - außerhalb des Wettbewerbs - am Freitag zeigte.

Mit «The Road To Guantanamo» knüpft Winterbottom, dessen weitgespanntes Werk Sciene-Fiction-Filme, Historiendramen und neuerdings auch Erotika («9 Songs») umfasst - im übrigen da an, wo er mit seinem im Jahr 2003 Bären-gekrönten Roadmovie «In This World» schon aufgehört hatte: Er erzählt die Geschichte von vier Freunden, die sich auf eine Reise machen, die eine schier unglaubliche Wendung nimmt.

Kunstgriff wenig erfolgreich
Ruhel, Asif, Shafiq und Monir leben in der Nähe von Birmingham und haben in ihrem noch jungen Leben (der jüngste, Ruhel, ist im Herbst 2001, zu Beginn der Erzählung, erst 19 Jahre alt) bisher wenig Spektakuläres erlebt. Als einer von ihnen, der ebenfalls erst 19-Jährige Asif in Pakistan heiraten soll, folgen ihm seine Freunde. Vor den Festlichkeiten reisen die jungen Männer noch herum, erst in Pakistan, dann in Afghanistan.

Ob nun jugendlicher Leichtsinn oder religiöse Motive: Warum die vier trotz drohender Kriegsgefahr in eine solche Krisenregion reisen, wird leider nicht deutlich. Das von Winterbottom konstruierte Szenengeflecht - mal sprechen die Betroffenen, mal wird die Geschichte mit Schauspielern nachgestellt - kann dies auch nicht erklären, im Gegenteil: Die einzelnen Charaktere und ihre Hintergründe sind schwer auseinander zu halten.

Alltag in Camp X-Ray
Fest steht aber, dass nun ein Odyssee beginnt, die von Karachi nach Kandahar, Kabul und Kunduz beginnt, wo sie von der Nordallianz festgenommen werden. Mittlerweile sind die jungen Männer vom Krieg und den Bombardierungen schwer angeschlagen - so verliert sich die Spur von einem von ihnen, Monir, in diesen Tagen für immer. Die verbliebenen drei werden im Dezember 2001 von den US-Streitkräften, die das Gefängnis leiten, zunächst nach Kandahar ausgeflogen, Wochen später dann ins Gefangenenlager Guantanamo Bay in Kuba.
Ganz nah an Osama bin Laden
Für alle drei - von den britischen Medien werden sie, frei nach ihrem Heimatdorf, die «Tipton Three» genannt - beginnt der wohl bizarrste Teil ihrer Gefangenennahme. In den berüchtigten Camps Delta und Camp X-Ray werden die in Käfigen lebenden, kahlgeschorenen Häftlinge in ihren berühmt-berüchtigten orange-farbenen Anzügen immer wieder von US-Soldaten und dem britischen Geheimdienst verhört, gefoltert und erniedrigt. Wie wenig die Behörden gegen die allenfalls durch Kleinkriminalität in ihrer Heimat aufgefallenen Briten in der Hand haben, zeigt sich im Mai 2003: Da wird den staunenden Jungs ein unscharfes Video von einer Kundgebung in Pakistan gezeigt, an der Osama bin Laden und der spätere 9/11-Attentäter Mohammed Atta teilgenommen haben. Auch sie, so glaubt zumindest der US-Geheimdienst FBI, seien darauf zu sehen.
Keine Sorge: Pathos ist Mangelware
Ausgerechnet diese Aufnahmen erweisen sich später als die Rettung für die Jungs - Shaqif hat, so kann der britische Geheimdienst beweisen, zu besagter Zeit ausnahmsweise mal einen festen Job gehabt, und Asif und Ruhel mussten sich in Tipton regelmäßig bei ihrem Bewährungshelfer vorstellen. Nach über zwei Jahren in Guantanamo werden die Drei am 5. März 2004 nach Großbritannien ausgeflogen. Nun nimmt sich die britische Anti-Terroreinheit ihrer an - und lässt sie sang und klanglos nach nur einer Nacht frei.

So überwältigend klar die wahre Geschichte der «Tipton Three« zu sein scheint, so schnörkellos und beinah beiläufig wird sie von dem Filmemacher erzählt. Winterbottom ist dem Unglaublichen seines Stoffes nicht erlegen, und hält sich und den Zuschauern jeglichen Pathos vom Leib. Und auf plattes Bush-Bashing hat er angenehmerweise ganz verzichtet. Der Mischung aus Dokumentation und Spielfilm - die viel Beifall von den Berlinale-Kritikern bekam - tut das gut. Möglich ist diese Nüchternheit aber auch, weil die drei Betroffenen eine erstaunlich abgeklärte Einstellung zu den Ereignissen haben.

Winterbottoms Fazit
Alle drei - zwei von ihnen tragen nun lange Bärte, und sehen sich mittlerweile sehr religiös - betonen, dass sich ihr Leben fundamental geändert hat, und das sogar «zum Guten». Erstaunlich versöhnlich klingt der Film über drei ehemalige Guantanamo-Insassen - Menschen also, die US-Präsident George W. Bush Zeit ihrer Inhaftierung zu den «gefährlichsten Terroristen» gerechnet haben dürfte - auch aus. Alle drei besuchen noch einmal die Orte, an denen ihr Schicksal eine andere Wendung nahm. Später verliest eine Stimme aus dem Off vier Fakten zum Thema Guantanamo: 758 Häftlinge sind dort inhaftiert gewesen, derzeit sind es etwa 500. Gegen zehn der Männer wurden Prozesse eröffnet. Kein einziger ist bis heute jemals verurteilt worden.