netzeitung.de«Slumming»: Der Böse ist der Deutsche

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Fatale Begegnung: Alex (Michael Ostrowski, l.) und Sebastian (August Diehl, r.) haben ein neues Opfer (Paulus Manker) (Foto: Promo<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Fatale Begegnung: Alex (Michael Ostrowski, l.) und Sebastian (August Diehl, r.) haben ein neues Opfer (Paulus Manker)
Foto: Promo
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Ein Betrunkener wird von Wien nach Tschechien verschleppt: Mit «Slumming» findet sich eine schwarze Komödie in bester österreichischer Tradition im Berlinale-Wettbewerb.

Sebastian (August Diehl) ist Mitte zwanzig und der Prototyp eines Kotzbrockens: Als Sohn eines reichen Vaters muss er nicht arbeiten. Ziele im Leben hat er genau so wenig wie Werte oder Moral – also verbringt er seine Tage damit, in seinem BMW durch die Gegend zu fahren, andere Menschen zu schikanieren und zu manipulieren.

«Slumming», einer der österreichischen Beiträge im Berlinale-Wettbewerb, ist Sebastians Geschichte. «Slumming» kommt dabei von «Slum» und ist ein Sport, den der reiche Schnösel zusammen mit Adlatus Alex (Michael Ostrowski) betreibt: Gemeinsam besuchen die beiden die miesesten Wiener Säufer-Kaschemmen, auf der Suche nach fremden Eindrücken und natürlich auch nach Gelegenheiten, andere Menschen zu Opfern ihrer Ideen zu machen.

Nebenbei hat Sebastian noch ein anderes Hobby: Per Internet bandelt er mit Frauen an, von denen er pro Tag gleich mehrere trifft – vor allem deshalb, um per Handy unter ihre Röcke zu fotografieren und die Bilder großmütig an seinen Kumpel Alex weiterzuleiten.

Fiesling à la Pop-Literatur
Jüngste Eroberung ist die Grundschullehrerin Pia (Pia Hierzegger). Die hat den Trick mit dem Handy zwar durchschaut, irgendetwas findet sie aber trotzdem an Sebastian. Nach der ersten gemeinsamen Nacht bekommt sie jedoch Wind von der letzten Gemeinheit, die sich ihr Liebhaber und sein Freund haben einfallen lassen: Den besinnungslos betrunkenen Säufer und Gossenpoeten Kallmann (Paulus Manker) haben sie im Kofferraum in die tschechische Einöde geschafft und dort wieder abgeladen. Für Pia ist das zu viel: Sie macht sich selbst auf die Suche nach Kallmann.

Ein amüsanter Film ist «Slumming» geworden. August Diehl spielt großartig einen Fiesling, der irgendwo zwischen einer Light-Version von «American Psycho» und den Helden diverser Pop-Romane à la Kracht und Stuckrad-Barre steht (weiß übrigens irgendjemand, warum Bösewichter in österreichischen Filmen bemerkenswert oft Deutsche sind?). «Kallmann» Paulus Manker flucht, jammert, grantelt und pöbelt derweil als Gegenpart mit Macht und Esprit vor sich hin.

Fremde ist fast überall
Vom Stil her steht er damit in der langen Tradition schwarzhumoriger österreichischer Komödien von «Kottan ermittelt» bis «Komm, süßer Tod». Allerdings haben sich die Macher nicht recht entscheiden können: So verschenken sie diverse Gelegenheiten, den Film noch witziger, absurder und makaberer werden zu lassen und verheddern sich stattdessen in den verschiedenen Aspekten des Fremdseins: Kallmann in Tschechien, Sebastian in der Unterschicht, ein Deutscher im Ausland – irgendwann muss dann sogar ein Reh mitten durch Wien laufen, um das Thema auf die Spitze zu treiben.

Vielleicht kommt das daher, dass Regisseur Michael Glawogger eigentlich Dokumentar-Spezialist ist. «Megacities», sein Film über das Überleben in den Beton-Molochen à la Bombay oder New York, lief etwa als erster österreichischer Film beim Sundance Festival.

Gartenzwerge aus dem Eis
An komischen Einfällen mangelt es aber trotz der Gedankenspiele nicht: Wenn neben Kallmann, der gerade in der winterlichen Steppe ins Eis eingebrochen ist, auf einmal drei Gartenzwerge aus dem Wasser tauchen, dann sieht das einfach nur großartig behämmert aus. Und wenn Sebastian weit weit weg von zuhause auf zwei Indonesier trifft, die mit ihm exakt das gleiche Spiel spielen, das er in Wien spielt, dann hat auch das eine Menge Witziges.

So ist «Slumming» ein Film, der definitiv für einen unterhaltsamen Abend taugt – auch wenn es für den Goldenen Bären wohl nicht reichen wird. Und: Ja, irgendwie kommt Kallmann auch wieder nach Hause.