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Berlinale: Gespenster
und ein abgesagter Streik

15. Feb 2005 22:54
Julia Hummer in 'Gespenster'
Am sechsten Berlinale-Tag kam es fast zum Streik der Filmvorführer, sah Julia Hummer Gespenster und zeigte Lajos Koltai seinen Versuch, Imre Kertész' Erinnerungen ans KZ zu verfilmen.

Thema: Berlinale 2005
Neben den Stars, Regisseuren und Journalisten, den Organisatoren und dem über allem wachenden Dieter Kosslick gibt es auf der Berlinale zahlreiche helfende Hände, die das Festival, so wie es ist, überhaupt erst möglich machen: Seien es die jungen Frauen und Männer im roten Outfit, die dafür sorgen, dass vor den Pressevorführungen nicht das Chaos ausbricht, weil zu viele Menschen auf einmal in den Saal wollen; die Frauen, die sich jeden Morgen um die frischen Blumen am roten Teppich kümmern; oder eben die Menschen, die am Herzen eines jeden Filmfestes sitzen: die Filmvorführer.

Letztere und «andere Kinobeschäftigte» wollten am Dienstag eigentlich streiken, um gegen «Armutslöhne» zu protestieren. Doch sei der Warnstreik aus Rücksicht auf die «kulturpolitische Bedeutung» des Festivals in letzter Minute abgesagt worden, zitiert die Nachrichtenagentur AP den Verdi-Mediensekretär Dietrich Peters. Vor allem gegen das Kino CinemaxX richte sich der Zorn der Gewerkschaft, weil dort 2003 die Tarifverträge gekündigt worden waren und neu eingestellte Mitarbeiter nach Verdi-Angaben bis zu 20 Prozent weniger Lohn erhalten. Berlinale-Chef Kosslick hatte den Beschäftigten bereits bei der Eröffnung seine Solidarität ausgesprochen.

So ging das Filmfestival auch am sechsten Tag seinen Gang mit drei Wettbewerbsfilmen sehr unterschiedlicher Art: Einer Samurai-Liebesgeschichte folgte der neue Film von Christian Petzold, dem sich die Verfilmung von Imre Kertész' «Roman eines Schicksallosen» anschloss.

Westliche Kampfkunst und Liebe

Auch wenn «The Hidden Blade» zunächst aussieht wie ein Samurai-Epos, ist er doch eigentlich ein sehr romantischer Liebesfilm. Er spielt Mitte des 19. Jahrhunderts, zu Beginn der Meiji-Reformen in Japan. Zwar beginnt Regisseur Yoji Yamada - der vor zwei Jahren bereits mit «Samurai in der Dämmerung» im Wettbewerb vertreten war - seine Erzählung mit der traditionellen Kampfkunst des Schwertes, doch wird die zunehmend durch westliche Feuerwaffen ersetzt.

Regisseur Yoji Yamada
«The Hidden Blade» erzählt die Geschichte eines Samurai, der sich in eine Frau niederen Standes verliebt, doch sie aufgrund ihrer Herkunft gehen lässt. Allerdings begegnet sie ihm später wieder. Die verhinderte Romanze findet vor dem Hintergrund der Anpassung der japanischen Armee an die westlich-militärische Ordnung statt, die Yamada immer wieder mit großer Komik zeigt. Das befremdlich ritualisierte Abfeuern einer Kanone oder das Marschieren-Lernen gerät dabei zum reinsten Slapstick. «Hidden Blade» ist unterhaltsames, in erdigen «Samuraifilm»-Farben gedrehtes Kino mit einem in seiner Bestimmtheit charmanten Heiratsantrag.

Nina sieht Gespenster

Vor allem von der deutschen Kritik mit Spannung erwartet wurde Christian Petzolds neues Werk «Gespenster». Der Nachfolger von «Wolfsburg» erzählt die schwere Geschichte von Nina und Françoise.

Françoise (Marianne Basler) hat vor 15 Jahren ihr Kind verloren. Das damals dreijährige Mädchen wurde vor einem Berliner Supermarkt entführt und ist seitdem verschwunden. Jedes Jahr fährt die Pariserin nach Berlin, um nach Marie zu suchen.

Christian Petzold, Sabine Timoteo, Julia Hummer
Diesmal begegnet sie Nina (Julia Hummer), einem introvertierten Mädchen, das im Heim lebt. Nina zieht mit Toni (Sabine Timoteo) durch die Stadt, die das genaue Gegenteil von ihr ist. Wie eine «Partisanin» (Petzold) geht Toni durchs Leben und blickt niemals zurück.

Hummers Flunsch

Die Flunsch von Hummer ist bereits aus «Die Innere Sicherheit» bestens bekannt, und auch in «Gespenster» gelingt es der jungen Schauspielerin, dass sich das Publikum in seinem Kinositz bald genauso krümmt wie ihre Nina es unter der Last ihres Lebens tut. Wie durch zähen Schlamm kämpft sich das Mädchen voran. Toni verspricht Leichtigkeit - wenn auch nur flüchtig.

Gespenster seien Gestalten, die nicht einsehen wollen, dass sie tot sind, sagt der Regisseur und erinnert an das Grimmsche Märchen «Das Totenhemdchen», in dem ein verstorbenes Kind seine Mutter bittet, es endlich gehen zu lassen. «Gespenster hoffen, dass die Liebe sie wieder lebendig machen kann. Um solche Gestalten geht es hier», so Petzold, um Françoise und ihren Mann, die in der Vergangenheit leben und Nina und Toni, die ohne Ballast «absolut in der Gegenwart» sind.

«Natürlich ist es schwierig, Leute zu spielen, die ständig auf die Fresse kriegen», sagte Hummer anschließend, die in ihrer Coolness kaum zu ertragen ist, diese jedoch glücklicherweise von Zeit zu Zeit mit einem Lacher durchbricht. Für die Rolle der Nina habe sie sich deshalb gewappnet, und es sei nicht so schlimm gewesen, wie damals nach «Die innere Sicherheit», als sie drei Monate gebraucht habe, um sich von ihrer Rolle zu erholen.

«Gespenster» wiegt schwer, ein «Schlechte-Laune-Film» wie eine Zuschauerin beim Rausgehen meinte, doch ermöglicht Petzolds teilweise schmerzhaft langsame Erzählweise einen sehr genauen Blick auf die durch den Verlust des Kindes zerstörte Mutter und die in ihrer Stärke so hilflosen Mädchen.

Planet Auschwitz

Der Filmwissenschaftler Rembert Hüser hat einmal gesagt, um die intensive Beschäftigung mit Holocaust-Filmen ertragen zu können, müsse man sie betrachten, als käme man von einem anderen Planeten. Dazu liefert die Filmwissenschaft Instrumente. Sieht man sich Lajos Koltais Film «Fateless» nach Imre Kertesz' Vorlage «Roman eines Schicksallosen» unter dieser Vorgabe an, sieht man einen technisch perfekten, kunstvollen Kinofilm über einen jüdischen Jungen aus Budapest, den die Nazis in mehrere Konzentrationslager verschleppen. Die Filmmusik dazu lieferte niemand geringeres als Ennio Morricone.

'Fateless'
Und genau das ist das Problem: «Fateless» ist mitunter so schön fotografiert, dass man vergisst, wo sich der 14-jährige Gyurka eigentlich gerade befindet, dass sein Kinderkörper zermahlen wird in einer perfide erdachten Tötungsmaschinerie. Seinen Höhepunkt findet dieser ästhetisierte Schrecken in dem Bild des ausgemergelten Jungen, der zu einer Art Film-Statue erstarrt und seine Hände betrachtet. Immer wieder gibt es solche Szenen, die wie bewegte Mahnmale aussehen. Besonders heftig ist der Blick auf ein Meer geschwächter Gefangener, die stundenlang stehen müssen und in ihrer Schwäche hin- und herschwingen. Morricones lieblich-imposante Musik tut das ihrige.

Der Regisseur verteidigt seinen Film fast aggressiv. In Ungarn sei «Fateless» positiv aufgenommen worden. Auf die Frage nach der Schönheit antwortet er, dass auch in Auschwitz die Sonne auf- und untergegangen sei, auch wenn es anders ausgesehen habe. Das Schöne sei dort neben dem Schrecklichen passiert.

Auch der Schriftsteller Kertész ist für die Präsentation der Literaturverfilmung zur Berlinale gekommen, und er sagt, dass er einen Film ohne Spektakel gewollt habe. Doch hat Koltai eigentlich genau einen solchen gemacht.


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