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Berlinale: Alltag mit Bombengürtel

14. Feb 2005 21:20
'Paradise Now'
Am fünften Tag der Berlinale hat sich eine palästinensisch- israelische Produktion als Favorit präsentiert: «Paradise Now» berichtet von den letzten 24 Stunden zweier Selbstmordattentäter.

Thema: Berlinale 2005
Das Schockierende an «Paradise Now», der am Montag als zehnter Film im Berlinale-Wettbewerb gezeigt wurde, ist nicht, dass er die Planung zweier Selbstmordattentate zeigt. Es ist vielmehr die Tatsache, dass - wie der Film zeigt - der freiwillige Tod und vielfache Mord ganz normaler Alltag in der palästinensischen Gesellschaft ist.

Die beiden jungen Palästinenser Said und Khaled leben im israelisch besetzten Nablus. Said ist der Hübsche - mit einem Gesicht wie Pierre Cosso - und Khaled der Lustige - er erinnert zuweilen an Roberto Benigni. Gemeinsam arbeiten sie in einer Autowerkstatt, allerdings verliert Khaled den Job bald wegen seiner Ungeschicklichkeit. Just als man meint, die beiden kennen gelernt zu haben, tritt ein gewisser Jamal an Said heran, um ihm zu sagen, dass er dazu auserwählt worden sei, zusammen mit Khaled als Selbstmordattentäter in den Tod zu gehen. Der Zuschauer erfährt, dass die beiden Freunde sich dazu bereits vor längerer Zeit sozusagen «angemeldet» hatten.

Im Folgenden zeigt der palästinensische Regisseur Hany Abu-Assad, wie die Männer vorbereitet werden: wie ihnen die Haare geschnitten und die Körper gewaschen werden, wie die Videobotschaften aufgenommen werden, in denen palästinensische Selbstmordattentäter vor ihrer Tat mit Maschinengewehr und Koran ihre Abschiedsworte sprechen und in der Khaled seiner Mutter noch schnell den Tipp gibt, wo es in Nablus billige Wasserfilter gibt. Der eine geht zum Supermarkt, der andere mit Bombengürtel zum Checkpoint, so die Botschaft.

Auf Khaleds Frage, was kommt, nachdem er an der schwarzen Strippe gezogen hat, antwortet Jamal ganz lapidar: «Dann kommen zwei Engel und holen dich.» «Bist du sicher?» «Ganz sicher.» Damit ist Khaled zufrieden.

Glaube und Moral

Said und Khaled werden über die Grenze nach Israel gebracht, wo sie «möglichst viele israelische Soldaten» mit in den Tod reißen sollen. Doch geht gleich am Anfang etwas schief, und Said läuft mit der scharfen Bombe am Leib durch Nablus auf der Suche nach denen, die sie ihm umgebunden haben.

Kais Nashef (Said), Ali Suliman (Khaled)
Dann ist da noch Suha, die Tochter eines hoch verehrten Hamas-«Märtyrers», die in Said verliebt ist. Sie ist erst kürzlich nach Nablus zurückgekehrt und glaubt nicht, dass das Morden irgendetwas bewirken kann: «Wenn du tötest, bist du genauso wie die Besetzer», sagt sie zu Khaled, der nun nicht mehr lächelt.

Vor «Paradise Now» habe es noch keinen Spielfilm über die Selbstmordattentäter gegeben, sagt Regisseur Abu-Assad. Er habe alles hineingepackt, was innerhalb dieses Konfliktes schon passiert sei. «Das ist alles real.» Als er dann über die künstlerische Seite spricht, wie er Licht eingesetzt hat, was ihn in der Bildsprache inspiriert hat, kommt es fast zu einem kleinen Streit mit dem Darsteller Ashraf Barhoum, der den Hamas-Anführer Abu-Karem gespielt hat. Es gehe hier nicht um Kunst, sondern darum zu zeigen, was in Palästina passiert, sagt er. Abu-Assad greift ein, für ihn sei Kunst schon das Wichtigste. Doch Barhoum bleibt aufgebracht.

Guter Anfang

Gedreht wurde in Tel Aviv und Nablus, berichtet der israelische Produzent Amior Harel. Und dabei sei Nablus der schwierigere Teil gewesen. Er selbst habe gar nicht erst in die Palästinenser-Stadt gedurft, wo die Crew dem wirklichen Leben der Menschen, über die der Film berichtet, sehr nahe gekommen sei.

Ob der Film jemals in Palästina zu sehen sein werde, sei ungewiss, allein schon aus Mangel an Kinos. Ob sich Israelis einen Film über Menschen ansehen möchten, die für den Tod von Freunden und Bekannten verantwortlich sind, ist ebenso fraglich. Andererseits hat der Israelische Filmfond die Berlinale genutzt, um die Vertriebsrechte für «Paradise Now» zu erwerben. Das heiße zwar noch nicht, dass der Film dort auch in die Kinos kommt, so Harel, aber es bezeuge ein Interesse am Schicksal der Palästinenser. Und das wäre ein Anfang, den die Region gut gebrauchen könnte.

Trotz der Komplexität des Themas ist «Paradise Now» kein blutleerer Thesenfilm, sondern erzählt eine spannende, gut gefilmte Geschichte. Das hat ihn für viele Kritiker zum bisherigen Favoriten gemacht.

Alter Mann und junger Mann

«Wir alle wollen Spuren hinterlassen», sagt Robert Guédiguian, der französische Regisseur des zweiten Wettbewerbsbeitrags des fünften Tages. «Le promeneur du Champ de Mars - Der späte Mitterrand» sei zum einen eine Fiktion über den ehemaligen französischen Präsidenten François Mitterrand und zum anderen eine Dokumentation der Kunst des Darstellers Michael Bouquet.

'Le promeneur du Champs de Mars'
Für den Schauspieler, der aus familiären Gründen den Film leider nicht selbst präsentieren konnte, ist diese Produktion sicherlich so etwas wie ein Alterswerk. Bouquets Darstellung des todkranken, vom Verlust seiner Macht bedrohten Mitterrand ist brillant.

Allerdings ist «Le promeneur du Champ de Mars» für nicht-französische Zuschauer wegen der häufigen Anspielungen auf die damalige französische Innenpolitik zuweilen schwer zugänglich.

Dennoch liefert Guédiguians Geschichte eines jungen, ambitionierten Journalisten, der Mitterrand, wenige Wochen bevor dieser aus dem Amt scheidet, für dessen Memoiren interviewen darf, ein fein ziseliertes Porträt des großen Staatsmannes aus der Nachkriegszeit.

Im Zug

Bleibt «Tickets», das Gemeinschaftswerk der Regisseure Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami und Ken Loach, ein Episodenfilm über Menschen in einem Zug nach Rom.

'Tickets'
Ein Geschäftsmann, der eigentlich hatte fliegen wollen, nutzt die Langsamkeit des Alternativ-Transportmittels für Erinnerungsreisen und Tagträumereien. Ein junger Zivildienstleistender wird von einer unglücklich gealterten Witwe traktiert. Und schließlich kümmern sich drei schottische Fußballfans um albanische Flüchtlinge. Allerdings erst nachdem sie ihnen Prügel angedroht haben.

Die 115 Minuten sind lang, die einzelnen Geschichten tun sich schwer miteinander und wirken in manchen Augenblicken fast unmotiviert. Es ist so, als säße man in einem überfüllten IC und lasse den Blick schweifen. Da möchte man nach gewisser Zeit endlich ankommen.

Am Dienstag, zum Bergfest des Filmfestivals, steht der dritte deutsche Beitrag auf dem Programm: Christian Petzolds «Gespenster».


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