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Berlinale: Weinen mit und um Sophie Scholl

13. Feb 2005 22:33
Julia Jentsch als Sophie Scholl
Mit einer heftigen Mischung hat der Berlinale-Wettbewerb am vierten Tag für emotionale Verwirrung gesorgt: Von Carmen über Sophie Scholl bis zu einem breit grinsenden Dennis Quaid.

Thema: Berlinale 2005
«Wie soll man denn bitte Filme wie 'Sophie Scholl' und 'In Good Company' miteinander vergleichen?», machte sich am Sonntag eine indische Journalistin Gedanken über die Arbeit der Berlinale-Jury, die am kommenden Samstag einen der 22 Wettbewerbsfilme mit dem Goldenen Bären auszeichnen wird. Und so dachten wohl viele, denn der vierte Tag des Berliner Filmfestivals war im Wettbewerb der Tag der krassen Gegensätze:

Am Morgen debütierte eine Theatergruppe aus den südafrikanischen Townships in der fulminanten Opernverfilmung «U-Carmen eKhayelitsha» von Mark Dornford-May nach Georges Bizets «Carmen». Die unglückliche Liebesgeschichte wurde in eine Barackensiedlung vor Kapstadt verlegt, und Carmensita ist diesmal keine feurige Spanierin, sondern eine schwergewichtige, männerumgarnende Südafrikanerin in der Post-Apartheid-Ära. Doch wie in Prosper Mérimées Vorlage gibt es auch hier einen unglücklichen Sergeanten, Schmuggler, eine Zigarettenfabrik und Leidenschaft, die ins Unglück führt - denn das berühmte Eifersuchtsdrama sei eine der universellsten Geschichten überhaupt, so Dornford-May.

Keiner der stimmgewaltigen Darsteller habe vor dem Film je vor einer Kamera gestanden, berichtet der Regisseur des zuweilen etwas langatmigen aber beeindruckenden Werkes. Komponist Charles Hazlewood fügt hinzu, dass für diesen Film das erste Mal überhaupt eine Oper in eine schwarz-südafrikanische Sprache übersetzt worden sei. Und Xhosa mit seinen offenen Vokalen und Knacklauten sei ebenso melodisch wie Italienisch.

Der Weg zur Guillotine

Auch der folgende Film beginnt mit Musik - Swing um genau zu sein -, dazu ist Mädchenlachen zu hören. Und auch hier wissen die Zuschauer bereits, wie die Geschichte enden wird, sind die Figuren bekannt: Sophie Scholl, ihr Bruder Hans, Christoph Probst und der Nazi-Richter Roland Freisler.

'Sophie Scholl - Die letzten Tage'
Doch obwohl klar ist, dass die Studenten - die 1943 in München Flugblätter gegen das Nazi-Regime verteilt hatten - am Ende sterben werden und ihre Geschichte schon mehrfach verfilmt worden ist, sorgte «Sophie Scholl - Die letzten Tage» des jungen Regisseurs Marc Rothemund nicht nur für großes Interesse sondern auch für ein aufgewühltes Publikum. Und das liegt vor allem am Spiel von Julia Jentsch. Während die Schauspielerin in «Die fetten Jahre sind vorbei» noch eher hölzern wirkte, zieht ihre Darstellung der Sophie Scholl den Zuschauer vom ersten Augenblick an in die Geschichte hinein und hält ihn fest. So erfährt man vom unglaublichen Mut und der Standhaftigkeit einer 21-jährigen Frau, die einen Gestapo-Mann laut Verhörprotokollen fünf Stunden lang zum Narren hielt und die laut Augenzeugen weder in Freislers Schauprozess noch auf dem Weg zur Hinrichtung ihren Idealismus verlor.

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Sie wisse gar nicht, ob das, was sie mache, wirklich so gut sei, sagt Jentsch, die in der Pressekonferenz sympathisch nervös nach Antworten suchte. Und nein, sie habe sich nicht absichtlich zwei politische Rollen in Folge ausgesucht, das sei Zufall. Sophie Scholl sei für sie keine Heldin, sie habe keine Ikone schaffen wollen. «Es geht um die Geschichte einer Frau, die sehr genau wusste, was sie wollte.»

Nazis mit Mitgefühl

Allerdings verwunderlich ist teilweise die Darstellung der Nazis: Neben den üblichen Klischees, dass beispielsweise alle Gestapo-Beamten Schlapphüte trugen, erweckt der Film den Anschein, dass die Menschen, die direkt mit der Verhaftung, Verurteilung und Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose zu tun gehabt haben, doch eigentlich selbst Zweifel hatten, eigentlich nette Menschen waren, aber nicht anders konnten. Nahezu jeder schickt Sophie Scholl mitfühlende Blicke hinterher.

Sogar der aus den Aufnahmen des Prozesses zum 20. Juli als geifernder Nazi-Populist bekannte Richter Freisler bekommt einen zweifelnden Moment. Aber den gab es in Wirklichkeit eben nicht, wenn war es die Ausnahme, wie Berichte über die Nazi-Bürokratie bis hin zum Eichmann-Prozess belegen. Laut dem Regisseur hatte sogar der letzte Überlebende der Weißen Rose, Franz Müller - der Freisler im Gerichtssaal erlebt hatte - nachdem er den Film gesehen hatte, gefragt, warum man den Richter «so milde» habe davon kommen lassen. Eine Antwort blieb der Regisseur schuldig.

Auch dass der Zuschauer sich am Ende mit Sophie Scholl auf Augenhöhe befindet, wenn sie auf der Guillotine liegt, dient nicht wirklich der Geschichte.

Die wichtigste Frage des Films, die sich jeder Zuschauer stellen solle - darin sind sich Rothemund und der Autor Fred Breinersdorfer einig - sei, wie man sich selbst in solch einer Zwangssituation verhalten hätte. Das Vermächtnis der Weißen Rose müsse am Leben erhalten werden, denn die Deutschen trügen für das, was im Dritten Reich passiert ist, nicht Schuld aber Verantwortung, so der Regisseur. Emotionalität, mit der dieser Film stark arbeitet, sei ein Mittel, um der Jugend von heute zu vermitteln, was Menschenwürde und Gerechtigkeit bedeuten. Oder wie es der Hans-Scholl-Darsteller Fabian Hinrichs so treffend formulierte: Der Mut der Widerständigen sei ein Gegenentwurf zum aktuellen Beliebigkeits-Mist.

Angst um den Job

Sehr abrupt - weil gleich im Anschluss an die Erklärungen zu «Sophie Scholl» - folgte die Hollywood-Komödie «In Good Company - Reine Chefsache» mit Dennis Quaid und Scarlett Johansson. Quaid spielt einen 51-jährigen Sales-Manager, der nach einer Firmenfusion um seinen Job fürchten muss. Sein neuer Boss ist halb so alt wie er und zu Beginn ein eiskalter Karriere-Jäger, der sich dann aber - wie es in solchen Filmen kommen muss - zum Guten wandelt. Und daran sind unter anderem die Verführungskünste von Johansson schuld.

Dennis Quaid
Ob er in Hollywood auch Probleme mit dem Altern habe, wird Quaid gefragt, der für den Film nach Berlin gekommen ist. «Ich denke, Drogen und plastische Chirurgie werden das regeln», antwortet der Schauspieler mit einem breiten Grinsen und fügt dann hinzu, dass es ihm - anders als auf dem normalen Arbeitsmarkt üblich - eigentlich immer besser gehe. Allerdings sei das eine Zeit lang nicht so gewesen.

Damit endete im Wettbewerb ein Tag der emotionalen Achterbahn. Und um auf die Frage der indischen Journalistin zurück zu kommen: Vor Beginn des Filmfests hatte Jury-Chef Roland Emmerich gesagt, ein guter Film müsse relevant sein, egal ob Komödie oder Drama.

 
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