11.02.2005
Herausgeber: netzeitung.de
'Hotel Ruanda', Sophie Okonedo und Don Cheadle
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nach dem enttäuschenden Eröffnungsfilm wartete die Berlinale am zweiten Tag mit politischem Kino, Keanu Reeves und besserem Wetter auf.
Die 55. Internationalen Filmfestspiele Berlin seien ein «hartes politisches Filmfestival», hatte Berlinale-Leiter Dieter Kosslick im Vorfeld betont. Das müsse man aber eben, «wie Heinrich Heine sagt, freundlich rüberbringen».
Das hat das Festival am zweiten Tag deutlich unter Beweis gestellt: Als zweiter von drei Wettbewerbsfilmen lief Terry Georges «Hotel Ruanda». Die kanadisch-britisch- italienisch-südafrikanische Produktion erzählt die wahre Geschichte des ruandischen Hotelmanagers Paul Rusesabagina, dessen Mut und Einsatz 1994 mehr als 1000 Tutsi-Flüchtlinge vor den Macheten der Hutus rettete. Der Völkermord, der von der Völkergemeinschaft schlicht ignoriert wurde, zählte am Ende fast eine Million Tote.
George erzählt die Geschichte Rusesabaginas ohne filmische Trickserei, geradeheraus und ohne dabei pathetisch zu werden. Bevor das Massaker beginnt, will der erfolgreiche Manager - der selbst Hutu, aber mit einer Tutsi verheiratet ist - den Drohungen nicht glauben. Als das Schlachten beginnt und die Uno nicht interveniert, weil noch verhandelt wird, ob man denn nun von einem Völkermord sprechen könne oder nicht, handelt er.
Der Film wühlt auf und ist gleichzeitig so fesselnd, dass man den Drehbuchautoren für jedes noch so kleine Lachen der Charaktere dankt - sonst wäre das, was man da sieht, nicht zu ertragen.
Globale SchandeDen wohl imposantesten Auftritt - und das kann man trotz des gerade mal ersten Tages sagen - gab Paul Rusesabagina, der mit der Filmcrew gekommen war, um «Hotel Ruanda» vorzustellen. Ein würdevoller älterer Mann saß da zwischen Produzenten, Schauspielern und Regisseuren, die sich zuletzt mit «Ocean's Twelve» oder US-Polizeiserien beschäftigt haben, und diskutierte einen Film über sein Leben. Der sei zu 90 Prozent wahr, so Rusesabagina. Und er hoffe, er werde helfen, dass in Dafur oder im Kongo nicht das Gleiche noch mal passiert.
«18 US- und zehn belgische Soldaten [die in Ruanda ums Leben gekommen sind, Red.] sind der westlichen Welt mehr wert als 800.000 Ruander», fasst Regisseur George zusammen. Es sei eine globale Schande, dass damals nichts unternommen wurde. Und schließlich wirft er die berechtigte Frage auf, warum nahezu die gesamte Welt nach der Flutkatastrophe in Südasien sofort in Hilfsbereitschaft ausgebrochen ist, aber sich nicht um Ruanda gekümmert hat.
Leichtere KostAuch wenn es sicher nicht einfach war, ergab sich das Berlinale-Volk kurz darauf dem immer wieder eingeforderten Starrummel. Keanu Reeves war gekommen, um seinen neuen Film, die kleinere Produktion «Thumbsucker» zu präsentieren. Obwohl er nur eine Nebenrolle, einen Kieferorthopäden, spielt, sollte die Pressekonferenz nicht ohne ihn stattfinden und wurde von morgens auf abends verlegt. Und tatsächlich: Reeves-Fans bevölkerten die vorderen Stuhlreihen und stritten mit den Fotografen, die traditionell die erste Reihe belegen. Am Hotelausgang musste sogar die Polizei dafür sorgen, dass der «Matrix»-Star die drei Schritte zum Auto unbehelligt blieb.
Trotzdem des Aufruhrs machte Reeves einen sehr entspannten Eindruck: Seine wild abstehenden Haare erinnerten fast an »Bill&Ted«-Zeiten. Mit müdem Blick beantwortete er mehrere «Können Sie etwas auf Deutsch sagen»- oder «Haben Sie Angst vor dem Zahnarzt»-Fragen. Selbst seine Kollegen - darunter Tilda Swinton - schienen fasziniert von diesem alles überlagernden Star-Rummel.
Schlecht für «Thumbsucker», der wirklich ein guter Film ist: Er erzählt die Geschichte des 17-jährigen Justin und seiner Familie. Kind und Eltern müssen mit dem Erwachsenwerden zurecht kommen, und beide Seiten haben damit große Schwierigkeiten. Das erinnert ein bisschen an «American Beauty», aber auch ein wenig an «Donnie Darko». Und es sei eben keine der US-Tradition entsprechende coming-of-age-Geschichte, die nur aus der Sicht des Kindes erzählt werde, sagt Swinton, die im Film die Mutter spielt. Hier werde die ganze Familie gezeigt. Und eben auch die Tatsache, dass man selbst als ein Teil von ihr einsam sein könne.
Allein mit der LeidenschaftDer dritte Film des ersten Tages schließlich war «Asylum» vom schottischen Regisseur David Mackenzie: In den fünfziger Jahren nimmt ein Psychologe eine neue Stelle in einer geschlossenen Anstalt an. Dazu zieht er mit seiner Frau und seinem Sohn auf das Gelände. Bald darauf fängt die in einer unglücklichen Ehe gefangene, gelangweilte Ehefrau eine Affäre mit einem Insassen an. Hals über Kopf verliebt sie sich in den Mann, der behandelt wird, weil er seine Frau in einem Eifersuchtsanfall getötet hat.
«Asylum» erzählt von den verschiedenen Arten der Liebe: der Liebe als Krankheit und als Leidenschaft, der Liebe der Mutter zu ihrem Kind, des Arztes zu seinem Patienten, des Künstlers zu seinem Werk. «Wir alle haben so einen Augenblick in unserem Leben, in dem wir am Abgrund stehen und es uns dann anders überlegen. Hier gehen einige eben weiter», sagt Regisseur Mackenzie, der jüngst mit «Young Adam» wegen heftiger Sex-Szenen für Diskussionen gesorgt hatte.
Am Samstag gibt es den ersten deutschen Wettbewerbsbeitrag zu sehen: «One Day in Europe» von Hannes Stöhr.