11.02.2004
Herausgeber: netzeitung.de
'Was nützt die Liebe in Gedanken'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Am fünften Festival-Tag hat die Berlinale einen kleinen, internationalen Exkurs über das Wesen der Liebe geboten. Am sympathischsten gaben sich dabei die Amerikaner.
Franzosen sind wild und konfus. Amerikaner mögen es schnell, aber gründlich. Und Deutsche, ja Deutsche gehen für die Liebe in den Tod. Jedenfalls in Achim von Borries' Film «Was nützt die Liebe in Gedanken», der Dienstagabend im Panorama der Berlinale Premiere feierte.
Zwei Schüler lieben unglücklich. Deshalb gründen sie den «Selbstmord-Club», in dessen Statut sie aufgenommen haben, dass sie «mit einem Lächeln» aus dem Leben scheiden werden, wenn sie keine Liebe mehr in sich spüren. Und diejenigen, die ihnen die Liebe geraubt haben, würden sie mitnehmen. Der Film ist nach einer wahren Geschichte aus dem Berlin der 20er Jahre entstanden. In den Hauptrollen sind Daniel Brühl und August Diehl zu sehen, die bereits vor der Premiere als neues Dreamteam des deutschen Films gepriesen wurden.
Doch fragt sich der Zuschauer bei all den schönen Bildern von der Sommerfrische am Stadtrand Berlins und den hübschen jungen Menschen, die dort das Wochenende verbringen, ob die Liebe nicht schon längst verschwunden ist. Der Blicke auf das sepiafarbene Landhaus, in verwunschene Wälder, auf das weite Wasser eines Sees und warmgelbe Kornfelder ist ein suchender. Nur manchmal, wenn es Diehl schier das Herz zerreißt, weil seine Liebe eine andere liebt, ahnt man, dass sie irgendwann einmal da gewesen sein muss. Aber das ist ein bisschen wenig, wenn sie doch der einzige Grund sein soll, für den es sich lohnt zu töten und zu sterben.
Verlorene LiebeDa herrscht bei den Franzosen, zumindest am Anfang von Cédric Kahns «Feux Rouges» (Schlusslichter) mit Carole Bouquet, Klarheit. Die Liebe ist fort. Die Frau braucht den Mann nicht mehr und ist genervt, wenn er die Liebe trotzdem einfordert. Sie schreien sich an, gefangen in einem im Stau stehenden Auto, er trinkt, sie schmollt, sie geht. Dann folgt eine wirre Geschichte um einen entflohenen Häftling, dem beide getrennt voneinander begegnen, schließlich basiert der Film auf einem Buch von Georges Simenon. Am vermeintlichen Happy End des Films, wenn die Frau ihre Liebe wiedergefunden haben soll, scheint dem Regisseur jedoch die Logik dann vollends verloren gegangen zu sein.
Denn alle Lust will EwigkeitBleiben schließlich die Amerikaner. Und die, vertreten durch den Independent-Regisseur Richard Linklater, haben der Berlinale ein Kleinod beschert, das eigentlich niemand erwartet hat, weil es sich bei «Before Sunset» um die Fortsetzung von «Before Sunrise» handelt. Der erfolgreiche Liebesfilm mit Ethan Hawke und July Delpy, über einen jungen Amerikaner, Jesse, der im Zug nach Wien eine junge Französin, Céline, trifft und mit ihr einen Tag verbringt, hatte 1995 auf der Berlinale den Silbernen Bären gewonnen. Und er hat zig junge Amerikaner dazu gebracht, in einen Zug nach Wien auf junge Französinnen zu warten.
Am Ende von «Before Sunrise» trennen sich die beiden Anfang 20-Jährigen mit dem Versprechen, sich in einem halben Jahr in Wien wiederzusehen. Sie tauschen keine Nummern, keine Nachnamen, es geht nur um das Erleben der großen Liebe, die manchmal vielleicht nur unter solchem Druck möglich scheint.
«Before Sunset» spielt neun Jahre später in Paris. Wie der Zuschauer erfahren muss, haben sich die beiden nicht in Wien wiedergetroffen. Jesse ist ein erfolgreicher Buchautor auf Lesereise und trifft Céline im Buchladen. Diesmal haben sie nur noch eine Dreiviertelstunde, und der Film besteht eigentlich nur aus Dialog im Gehen. Jesse gibt den coolen, verheirateten Mann und betont ein paar Mal zu häufig, dass er gerne mit Céline schlafen würde. Und Céline gibt die toughe Umweltaktivistin, welterfahren, fast abgeklärt. Die Niedlichkeit von «Before Sunrise» ist jedenfalls verschwunden.
Nach und nach stürzen die Mauern, die beide vorgeben, neun Jahre lang um sich herum errichtet zu haben, jedoch teilweise ein, und Jesse und Céline kehren zurück zu den zwei Liebenden, die sie waren - oder zu dem, was davon übrig ist. Doch macht Linklater es dem Publikum alles andere als einfach. Denn nur weil ein Wille da ist, gibt es noch lange kein gemeinsames Leben. Bestes Bild für das Drama dieser Geschichte ist, wenn das Paar die Treppe zu Célines Wohnung hochsteigt. Fast unerträglich geht es immer höher, Schulter an Schulter, mit schwerer gehendem Atem, der Haustür entgegen.
Etwas hat gefehltDen zweiten Film zu drehen, sei eine Notwendigkeit gewesen, sagte Delpy am Dienstag in Berlin. «Es hat etwas gefehlt.» «Before Sunset» habe eine neue Ebene der Liebe erkundet, da man mit 30 Jahren anders über sie denke als mit 20. Weniger schön, weniger rein.
Hawke sagt über den Film, dass sei so, als wären die Bande wieder zusammen gekommen. Und weil es jedem schon einmal passiert sei, unverhofft eine alte Liebe zu treffen, sei der Film so spannend.
«Before Sunset» enthält auch das Schlusswort für den Berlinale-Tag der Liebe: Am Anfang des Films sagt Jesse über sein Buch, es sei dazu gut, um festzustellen, ob man ein Romantiker oder ein Zyniker in der Liebe ist.