12.02.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Sono Sions 'Love Exposure'
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die japanischen Filme im Forum bieten die ganze Bandbreite des Kinos. Dabei kreisen sie um religiösen Wahn, mentale Grenzbereiche, unkontrollierbare Gefühle und den Verlust der Mitte.
Ein Grenzen sprengendes Melodram, eine teilnehmend beobachtende Dokumentation, ein schweigsames Alltagsdrama und das dokumentarfiktive Porträt eines Tokioter Stadtviertels die vier Filme, die im diesjährigen Forum das unabhängige Kino Japans vertreten, beweisen die unerschöpflichen Ausdrucksmöglichkeiten der Kunstform Film. In ihnen paaren sich formaler Erfindungsreichtum und gedanklicher Tiefgang, sie verweigern einfache Antworten auf komplizierte Fragen und verstehen das Kino als Mittel gesellschaftlicher Reflexion.
Zum Beispiel Sono Sions Mega-Melodram «Love Exposure», das das Chaos als Form höherer Ordnung feiert und in dem der 17-jährige Yu in einen Konflikt aus religiösem Wahn und amouröser Besessenheit stürzt. Sono Sion (2006 mit «Strange Circus» im Forum) erzählt in diesem wilden, schrillen Meisterwerk dessen vier Stunden auch dank des inspirierten Takahiro Nishijima in der Hauptrolle wie im Flug vergehen von der Geschlechterspannung, von Machtmissbrauch und Missverständnissen, die sich eigentlich einander zugeneigten Menschen in den Weg stellen und zu Wahrnehmungsverschiebungen mit gefährlichen Folgen führen können.
Gefühle sind kompliziert und widersprüchlichUm Wahrnehmungsverschiebungen, die eigenen wie die der anderen, kreist auch die Dokumentation «Mental», in der Kazuhiro Soda (2007 mit «Campaign» im Forum) den Alltag in der Selbsthilfeeinrichtung Chorale in Okayama beobachtet. Die Männer und Frauen, die dort aus- und eingehen, gelten als psychisch krank. Doch in der Interaktion zwischen Chorale-Gründer Dr. Masatomo Yamamoto und seinen Klienten drückt sich eine Haltung aus, die die Symptome seelischen Leidens als komplexe Äußerungen zu begreifen versucht. Diese ins alltägliche Leben miteinzubeziehen anstatt sie aus ihm auszugrenzen, ist eine schwierige Arbeit, die zugleich die Konventionen von Krankheit und Normalität infrage stellt.
Denn Gefühle sind kompliziert und widersprüchlich und können unkontrollierbar und überwältigend werden. So wie die Gefühle, die die Hauptfigur in Masahide Ichiis Drama «Naked of Defenses» fast in Stücke reißen. Ritsuko hat eine Fehlgeburt erlitten und nun das Interesse ihres Mannes verloren. Chinatsu, ihre neue Arbeitskollegin in der Plastikfabrik, aber ist hochschwanger. Zwischen flammendem Neid und freundschaftlicher Zuneigung, Vorfreude und Vernichtungswillen schwanken bald schon Ritsukos Empfindungen. Mit großer Ruhe und formaler Klarheit setzt Masahide Ichii ihre Erschütterung in Szene, meidet jeglichen Anflug von Sentimentalität und schafft ein Spannungsfeld, das er bis zum Ende nicht auflöst. Im wirklichen Leben können Trauer und Glück zusammenfallen. In «Naked of Defenses» ist genau das zu sehen.
Halb dokumentarisch, halb fiktivEtwas, das nicht mehr zu sehen ist, steht im Zentrum von Atsushi Funahashis halb dokumentarischem, halb fiktivem Stadtporträt «Deep in the Valley». Darin geht es um die Suche nach einem verschollenen Film. Auf ihm ist der verheerende Brand festgehalten, dem 1957 die Pagode im Tokioter Stadtviertel Yanaka zum Opfer fiel. Unterwegs jedoch im Zuge von vielen Interviews wird die verschwundene Pagode zum Anknüpfungspunkt für Überlegungen, die weiter reichen und das Verhältnis der Generationen, die Veränderung der Sitten und Gebräuche, den Verlust der spirituellen Mitte betreffen.
Wie nebenbei findet Atsushi Funahashi noch die Zeit, sowohl eine traurig-zarte Liebesgeschichte zu erzählen als auch das gegenwärtige Bild des Viertels in dem japanischen Romanklassiker «Five-Story Pagoda» von 1892 zu spiegeln. Mit seinen vielen Ebenen, die sich alle sinnhaft aufeinander beziehen, gleicht «Deep in the Valley» der so schmerzlich vermissten Pagode, deren ganze Schönheit sich erst dem nach oben, ins kunstvolle Zimmermannswerk gerichteten Blick erschloss.
Text: Alexandra Seitz, übernommen mit freundlicher Genehmigung des «tip».