10.02.2009
Herausgeber: netzeitung.de
John Hurt in 'An Englishman In New York'
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Quentin Crisp ist der große exzentrische Vorkämpfer der Schwulenbewegung. Dafür feiert ihn das Panorama. Andere Queer-Filme erinnern an mutige Aids-Aktivisten, legendäre Freiheitskämpfer und geschäftstüchtige Pioniere.
Spannung liegt in der Luft, als Quentin Crisp vor zwei amerikanischen Einreisebeamten sitzt und das Duo den Briten zweifelnd mustert. Der Mann ist weit in den Sechzigern, das Make-up erinnert an die Grande Dame eines Pariser Salons; weder Familie noch Job erwarten den Einreisewilligen aus London. Doch Crisp kriegt die Beamten vor den Toren New Yorks herum. Es ist nicht das erste Mal im Leben des legendären Stand-up-Philosophen, dass er Menschen von seinen besonderen Qualitäten überzeugen kann. «For unique qualities»: So lautet schließlich der amtliche Grund für den Aufenthalt der britischen Schwulen-Ikone in den USA.
In der Tat war der vor zehn Jahren gestorbene Quentin Crisp einmalig, wie Richard Laxtons überaus sehenswerter Spielfilm «An Englishman in New York» veranschaulicht. Crisp gilt als erster Engländer, der sich offen zu seiner schwulen Lebensweise bekannte. Bereits in den Dreißigern zeigte er sich mit Dandy-Robe und Wangenrouge. Dafür steckte er in Londons Straßen Fausthiebe ein, doch er wurde nie müde, seine Ansichten in geistreichen Bonmots kundzutun. Erst ein Film sollte ihn schlagartig berühmt machen: «The Naked Civil Servant» von 1975. Durch den Kultfilm mit John Hurt, den das Panorama ebenfalls zeigt, schaffte es Crisp später in den Mainstream Sting setzte ihm mit seinem Hit «An Englishman In New York» auch ein musikalisches Denkmal.
Laxtons Hommage spielt in eben jenen späten Jahren in der Wahlheimat New York, wo Crisp durch einen gesalzenen Ausspruch zum Thema Aids die Gay Community gegen sich aufbringen sollte. Wieder schlüpft John Hurt in die Rolle des gealterten Gentleman und zeichnet ihn, bei aller Lust am Provokanten, doch vor allem als sanftmütigen Nonkonformisten. Schließlich gibt es sogar einen dritten Film im Panorama über den britischen Exzentriker: Jonathan Nossiters Dokumentation «Resident Alien» von 1990.
Aids-Aktivisten zu modernen Heiligen erhöhtQuentin Crisp ist eine der schwulen Leit- und Aktivistenfiguren, die im diesjährigen Panorama-Programm gewürdigt werden, ebenso wie der legendäre Politiker Harvey Milk. Ein weiteres Bio-Pic folgt dem Reality-TV-Selbstdarsteller Pedro Zamora. «Pedro» erzählt vom kurzen Leben des US-Kubaners, der als Teenager mit HIV infiziert wurde und als Aktivist und Aufklärer vor allem in den USA Furore machte. Seine adrette und gewinnende Erscheinung machte ihn zum Fernseh-Darling bei MTV. In «Pedro» spielt Alex Loynaz den jungen Mann, der offen über seine Infektion sprach und das mediale Tabuthema auf den Radar der jungen Generation brachte.
In essayistischer Form hingegen nähert sich der Filmkünstler John Greyson den Geschichten zweier Aids-Aktivisten, die ihr Leben dem politischen Kampf um umfassende medizinische Versorgung widmen: dem Kanadier Tim McCaskell und Zackie Achmat aus Südafrika. In «Fig Trees» erhöht Greyson die beiden Männer zu modernen Heiligen, setzt beider Engagement gegen passive Politik oder sabotierende Leugner des Virus in einen musikalischen Rahmen. Als Grundlage dient ihm Gertrude Steins Oper «Four Saints in Three Acts»: Greyson verzahnt dabei das sprachspielerische Textwerk mit Interviewsequenzen, Archivmaterial von Protestaktionen und schrillen eingeschobenen Pop-Videoclips zum bildgewaltigen Filmessay.
Beklommen stimmendens SzeneporträtEin anderer Pionier, wenn auch nur unter Eingeweihten, ist der Berliner Tom Weise, den Berlinale-Stammgast Jochen Hick in «The Good American» porträtiert. Frustriert und HIV-infiziert brach Weise in den frühen Neunzigern von Deutschland aus nach New York auf, um dort sein Glück zu finden. Im Big Apple gründete der illegal Eingereiste die erfolgreiche Internet-Seite Rentboy, ein Portal für schwulen Escort-Dienst gekoppelt mit einer populären Partyreihe.
Hick folgt dem wortgewandten Selfmademann durch die Szene schwuler Liebesdienste, deren Protagonisten auf schnellen Reichtum hoffen. Hick ist in seinem teils beklommen stimmenden Szeneporträt so dicht an seinem Sujet wie zuvor in der Doku «Cycles of Porn/Sex/Life in L.A.».
Einen eigenen Film könnte etwa Mike Jones aus «The Good American» füllen, der in die Kamera erzählt, dass er seit einer Weile Morddrohungen erhalte. Schuld daran ist ein Buch, das der bullige Mann aus Denver geschrieben hat, in dem er einen Kunden outet: einen ranghohen Kirchen-Oberen der evangelikalen New Life Church. Statt klassischer Escort-Begleitung hat sich Jones nun auf Massagen bei Partys verlegt und auf Lesereisen.
Homosexuelle Liebe fernab der GroßstadtSelten wird im Kino von gegenwärtiger homosexueller Liebe erzählt, wenn sie sich fernab der Stadt zuträgt. Jungregisseur Jan Krüger erzählt eine solche Liebesgeschichte in «Rückenwind», in dem sich zwei schwule Jungs auf einen märchenhaften Roadtrip in die Natur um Berlin aufmachen.
Auf dem Land ist auch Roberto Castóns Spielfilmdebüt «Ander» angesiedelt. Hier geht es um einen lakonischen Mittvierziger in einem baskischen Bergdorf, der sich mit seinem Dasein zwischen dem Küchentisch der strengen alten Mutter und der harten Arbeit auf dem Familienhof längst abgefunden hat. Als er plötzlich Gefühle für einen Neuling im Dorf entwickelt, gerät seine Alltagsroutine ins Wanken. Von fern erinnert Castóns eindringliche, angenehm natürlich erzählte Männerromanze an «Brokeback Mountain». Doch seit den Fünfzigern hat sich viel getan. Wer sich offen zu seinen Vorlieben bekennt, so die optimistische Aussage von «Ander», den belohnt das Leben. Damit es so sein kann, haben Vorkämpfer wie Quentin Crisp 60 Jahre zuvor Schläge kassiert.
Text: Ulrike Rechel, übernommen mit freundlicher Genehmigung des «tip».