26.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
«Ich muss was rauslassen» - so eröffnete Moderatorin Barbara Schöneberger den Deutschen Filmpreis. Spannender waren die Tränen eines Brüderpaares, zwei «Muschis» aus Kreuzberg und die Schweiger-Show, findet Kerstin Rottmann .
Er kam, sah und siegte leider überhaupt nicht so lässt sich das Dilemma des Til Schweiger bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises am Freitagabend auf den Punkt bringen. Dabei war es ja schon eine kleine Sensation, dass der «Keinohrhasen»-Produzent überhaupt zu der Gala am Funkturm erschienen war. Immer wieder richteten sich die Kameras auf Schweiger, der mit schmalem scharzen Schlips und mit beinah ebenso schmalen Mund wie der personifizierte Vorwurf auf seinem Platz saß. Seit Wochen macht Schweiger Nichtberücksichtigung angeblich wegen eines formalen Fehlers bei den diesjährigen Nominierungen der Filmakademie Schlagzeilen. Der Schauspieler selbst plant längst einen eigenen, publikumsnahen Filmpreis für das kommende Jahr, und ließ am Freitag seine nicht berücksichtigten «Keinohrhasen» auch noch demonstrativ davonhoppeln: Ausgerechnet am Abend des Filmpreises feierte Schweiger in Berlin-Mitte auf einer großen Party den Rekord von sechs Millionen Besuchern. Umso größer war offenbar die Erleichterung der Veranstalter, den abtrünnigen Publikumsliebling vorher doch noch begrüßen zu können.
Keine Garantie auf PreiseGleich zu Beginn seiner Laudatio fand Staatsminister Bernd Naumann warme Worte für Schweiger: «Es ist eine Leistung, sechs Millionen Besucher ins Kino zu holen», eine Leistung, für die er Schweiger «von Herzen danke». Der so Gelobte nickte gnädig und kräuselte nichtdestotrotz ein wenig eingeschnappt den Mund. Zumal er gleich danach schon wieder hören musste: «Zuschauerzahlen sind keine Garantie, Filmpreis zu bekommen. Wenige Zuschauer sind aber auch kein Qualitätsmerkmal», so Neumanns Fazit. Kunst gegen Kommerz also der alte Dissens der deutschen Filmkunst, der sich wie ein roter Faden durch den Abend ziehen sollte. Abgang Neumann, Auftritt Barbara Schöneberger, die die Moderation von Michael «Bully» Herbig übernommen hat.
Von Produzent und Künstlerischem Leiter Nico Hofmann im Presseheft zuvor noch vollmundig als «Reinkarnation von Harald Juhnke und Frank Sinatra» gelobt, setzte die Schöneberger allerdings von Beginn an auf herbe Berliner Schnauze. «Ey, ich hab soviel Druck wegen Bully», scherzte sie in ihrem Warm-Up zum konsternierten Publikum, nachdem sie erst ihr Kleid eine kühne Kombination aus Maxi, Mini, Glitzerfummel und Kettenhemd so entschuldigt hatte: Sie arbeite ja bekanntlich bei der seriösen «NDR Talkshow», da müsse sie nun optisch echt «was rauslassen».
Ist der Mann Gott?Das tat sie denn auch, und sang und tanzte mit glitzernden Showgirls zum Auftakt der Gala, dass der gute alte Berlin Friedrichstadtpalast grüßen ließ. «Muss die Schöneberger nun auch beim Filmpreis rumhampeln?», war eine ihrer typisch rhetorisch-ironischen Fragen an sich selbst, ehe sie endlich zum Pflichtprogramm überging und auch noch einmal Til Schweiger («Manche glauben, der Mann ist Gott. Die anderen sind sich da nicht so sicher») gesondert begrüßte. Der hatte sich mittlerweile für die Verweigerungshaltung mit verschränkten Armen vor der Brust entschieden, genoss den wiederholten Kotau aber sichtlich. Wer lässt sich nicht denn nicht gerne feiern? So auch die deutsche Filmbranche. Immer wieder freute man sich beim Branchentreff über die wieder wachsenden Einnahmen an den Kinokassen (über 30 Prozent Plus, meine Damen und Herren!), und die steigende Bedeutung des deutschen Films auch im Ausland: Auslands-Oscar (eigentlich nach Österreich, nun ja) und natürlich immer wieder die SECHS Millionen «Keinohrhasen»-Zuschauer (ähem, war da was?).
Brüderpaar im GlückRasch waren die ersten Filmpreise für die besten Nebendarsteller (Christine Schorn »Frei nach Plan« und Frederick Lau »Die Welle«) vergeben, ebenso effizient räumte auch die ewige Gewinnerin Nina Hoss ihren Preis für die beste Hauptrolle in «Yella» ab, als es ausgerechnet in der Kategorie «Bester Dokumentarfilm» noch einmal spannend wurde.
Zwei Filme waren nominiert, Sieger wurde der auch im Publikum überaus beliebte Streifen «Prinzessinnenbad» über das Alltagsleben dreier junger Kreuzbergerinnen, die sich zwischen Machos, den anderen «Muschis» im Kiez und den eigenen Mamas ihren Weg ins Leben suchen. Tanutscha und Klara stöckelten denn auch höchstpersönlich in Jeans-Röhre und mit High Heels auf die Bühne, um mit Regisseurin Bettina Blümner den Preis abzuholen ein Hauch «Germany's Next Topmodel» wehte da durch die Hallen am Funkturm. Wahrer König der Herzen aber wurde an diesem Abend ein anderer: Elmar Wepper, für seine Darstellung des kauzigen Witwers Rudi in Doris Dörries «Kirschblüten». Er bekam seine «Lola» unter trosendem Beifall überreicht. Wepper, dessen späte Wandelung zum Charakterdarsteller (Wepper: «So eine Rolle gibt es nur einmal im Leben») der kühnen Wahl der Regisseurin zu verdanken ist, war sichtlich ergriffen über seinen Preis und musste mit den Tränen kämpfen. Ein anderer verlor den Kampf: Bruder Fritz, dem im Saal die Tränen nur so über's Gesicht liefen.
Enttäuschung für Dörrie«Publikumsliebling der Herzen» sollte denn auch der Titel für Doris Dörries melancholisches Drama bleiben. Urspünglich mit sechs Nominierungen als klarer Favorit gestartet, blieb es für «Kirschblüten Hanami» nur beim Filmband in Silber und zwei weiteren Preisen (neben dem Darsteller wurde noch das Kostümbild prämiert). Statt Dörrie, die gelassen blieb, und ihre Silberne Lola schon ohne Schuhe in Empfang nahm, war ein Mann der Star des Abends: Fatih Akins deutsch-türkisches Beziehungsdrama «Auf der anderen Seite» räumte in den Königskategorien Drehbuch, Regie und Bester Film ab. Akin, mit Sonnenbrille im Haar und Kaugummi im Mund, hatte mit soviel Lob offenbar auch nicht gerechnet. «Monique, ich hab' dich lieb. Ich hab' Euch alle lieb», war seine Reaktion auf der Bühne, ehe auch er sich beim heimlichen Star des Abends bedankte: «Dank auch an Til Schweiger! Du bist mein Idol», schoss er Richtung Ränge ab, um dann kichernd hinzuzufügen, «kein Witz».
Da musste auch der «Keinohrhasen»-Star endlich lachen, und warf eine Kusshand Richtung Bühne. «There's no business like showbusiness» war da der passende Abschluss-Kommentar, den die Moderatorin nach quietschigem Grün nun endlich in einem augenschonenenden schwarzen Abendkleid angekommmen ihren Gästen mit auf den Weg zur After-Show-Party gab. Und Schweiger? Der blieb bis 24 Uhr, trommelte dann seine Freunde zusammen, und düste nach Mitte, um dort, diesmal im legeren T-Shirt, die Goldene Leinwand (mit Stern!) für seine «Keinohrhasen» zu bekommen. Ende gut, alles gut.