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Krieg dem System, demnächst in deiner Glotze

25. Nov 2007 09:36
Rainer (Moritz Bleibtreu), Phillip (Milan Peschel) und Pegah (Elsa Sophie Gambard)
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Der neue Film von Hans Weingartner heißt «Free Rainer» und zeigt, was passiert, wenn die Kapitalismuskritik zu kuschelig wird. Eine Kritik von Kerstin Rottmann.

Zunächst waren es nur ein paar Aufkleber, die in Großstädten wie Berlin auf rostigen VW-Bullis prangten. «Die fetten Jahre sind vorbei», stand da zu lesen, und nur, wer den gleichnamigen Film von Hans Weingartner gesehen hatte, verstand den Witz.

Denn mit genauso einem Auto waren auch die jungen Systemkritiker unterwegs, um ihre überfallartigen Umräum-Aktionen in den Villen der Berliner Besserverdienenden zu starten. Umgeräumte Möbel, bizarre neue Arrangements und dazu die handgeschriebene Botschaft «Sie haben zuviel Geld. Gezeichnet Die Erziehungsberechtigten» – fertig war der originelle Protest gegen die ungleiche Verteilung von Vermögenswerten. Weingartners zweiter Langfilm mit Daniel Brühl und Julia Jentsch war ein Überraschungserfolg, ebenso begeistert gefeiert wie frenetisch verdammt («nervig, langatmig, blauäugig»). Danach war es lange ruhig um den gebürtigen Österreicher. Drei Jahre sind vergangen, und nun präsentiert er mit «Free Rainer» den Nachfolger.

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Die bessere Welt...

Seit über einer Woche ist er in den Kinos, und schon wieder lassen sich auf Berlins Straßen die scheinbar wild kopierten und im Selbstvertrieb hergestellten Aufkleber finden. Schade nur, dass nicht nur die dort aufgedruckte Botschaft «Dein Fernseher lügt» belanglos geraten ist. Der Film ist es leider auch. Die meisten Kritiken waren eher verhalten - und das zu Recht: Zu stereotyp ist die Geschichte des zynischen TV-Machers Rainer (Moritz Bleibtreu) geraten, der nach einem schweren Verkehrsunfall zum Kampf gegen das Dumm- und Dumpfgucken antritt. Seine These nach der Selbstläuterung im Krankenbett: Es ist die Quotendiktatur, die das Fernsehen blöd und die Menschen zu willfährigen Monstern macht. Abschaffen kann er das System nicht, aber er wird es umdrehen.

Durch eine technische Manipulation an den Quotenboxen, mit denen in ausgewählten Haushalten die Sehgewohnheiten erfasst werden, erfahren plötzlich anspruchsvolle Programme (scheinbar) eine spektakuläre Resonanz. Die TV-Bosse müssen reagieren. Fassbinder-Themenabende statt Sperma-Shows, Debatten über Bücher statt Talkshow-Geschreie über Seitensprünge sind die neue Erfolgsformel. Und, oh Wunder, bald zieht auch das Volk mit.

Hartz-IV-Truppe zum Liebhaben

In Weingartners Vision einer besseren Welt lesen die Menschen lieber Bücher oder schauen gar nicht mehr fern. Das gebiert ein paar hübsche Momente anarchischer Lust und Liebe. Doch die sind teuer erkauft – bis es soweit ist, dürfen sich die anderen Protagonisten wie in einem stereotypen Nummerntheater an ihren Rollen abarbeiten.

Neben dem – Achtung, Moritz Bleibtreu ausnahmsweise mal fies und aggressiv! – sehenswerten TV-Produzenten auf Testosteron tritt ein klischeehaft gezeichnetes Schattenkabinett an Hartz-IV-Empfänger auf, dass die bösen Quoten-Boxen Schritt für Schritt in die guten Boxen umtauschen darf. Dann ist da noch das neue Objekt der Begierde des gewandelten Paulus – die junge, geheimnisvolle Pegah (Debütantin Elsa Schulz Gambard), die unseren Helden erst umbringen und dann nur umkrempeln will.

Immerhin gibt es auch diesmal tolle Schauspieler zu entdecken, so etwa Gregor Bloéb als schmieriger TV-Boss Maiwald oder Milan Peschel (Computernerd und Chef-Verschwörungstheoretiker Philipp). Doch das so entworfene Tableau ist letztlich so einfach gestrickt, dass es den Zuschauer fast schon wütend zurücklässt.

Wenn das der aktuelle Zustand von Kapitalismus- und Medienkritik ist, dann wird es wohl nichts mehr mit der Erziehung der Massen zur Mündigkeit und zum selbst Denken. Hauptsache, dass Guerilla-Marketing stimmt, mag man sich da zynisch nach einem Besuch im Kino enttäuscht denken. Übrigens: Demnächst ist «Free Rainer – Dein Fernseher lügt» auch exklusiv bei Vox zu sehen.

 
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