Wir sind Hollywood
30. Okt 2007 09:13
 |  Invasion in Hollywood | Foto: PR |
|
Von Kidman bis Zellweger. Hollywood hat deutschen Regisseuren Tür, Tor und A-Liste geöffnet. Ganz so, als sollten sie neuen Schwung in die amerikanische Kreativstarre bringen, sagt
Sascha Rettig.
Fast könnte man den Titel von Oliver Hirschbiegels Hollywoodeinstand «Invasion» wörtlich nehmen. Doch die vielen deutschen Regisseure, die sich in der amerikanischen Traumfabrik derzeit regelrecht gegenseitig auf die Füße treten, sind nicht über das Filmmekka hergefallen. Sie sind gefragt wie lange nicht mehr, ja werden sogar aus Deutschland abgeworben. Frisches Blut für das zunehmend in Kreativstarre verfallene US-Kommerzkino. Gerade erst sind mit Hirschbiegels Thriller und Marco Kreuzpaintners «Trade» hierzulande zwei US-Debüts von Regieexilanten in einer Woche gestartet.
Zuletzt dürften dort in den dreißiger und vierziger Jahren so viele deutsche Filmemacher gearbeitet haben, die damals allerdings von den Nazis ins Exil getrieben worden waren. Die überwiegend jungen Nachwuchstalente heutzutage sind freiwillig dort, Auftragsarbeiter mit zwar nicht unbegrenzten, aber wohl größeren Möglichkeiten, als sie sie in Deutschland je hätten: Die Budgets sind oft so hoch, dass man in Deutschland zehn oder mehr Filme davon drehen könnte, und die Namen, die plötzlich auf den Besetzungslisten auftauchen, gehören den größten Stars, die Hollywood überhaupt zu bieten hat. Hirschbiegel arbeitete beispielsweise an seiner 60 Millionen Dollar teuren Version des Körperfresser-Klassikers mit Nicole Kidman und Daniel Craig, während Kreuzpaintner Kevin Kline auf die Jagd nach Menschenhändlern schickte. Der deutsch-türkische Münchner Mennan Yapo hingegen drehte mit Sandra Bullock seinen 20-Millionen-Dollar-Übersinnlichkeitsthriller «Die Vorahnung». Demnächst wird der «Antikörper»-Regisseur Christian Alvart mit dem Horrorfilm «Case 39» mit Renée Zellweger in der Hauptrolle den Teutonentrend ebenso fortsetzen wie Sandra Nettelbeck («Bella Martha»), die gerade in den Vorbereitungen für das Drama «Helen» mit Ashley Judd steckt.
Der «Lola rennt»-Effekt
Noch vor zehn Jahren, als Deutschland für US-Pproduzenten wohl so etwas wie den Status eines Kinoentwicklungslands gehabt haben muss, war solch ein Trend nicht abzusehen. Damals beschränkte sich die Germanenpräsenz in Hollywood auf zwei Namen: Roland Emmerich («Godzilla») und Wolfgang Petersen («Der Sturm»). Doch während die beiden Regisseure in Hollywood erfolgreich an ihrer Big-Budget-Blockbuster-Karriere bastelten, nahm das deutsche Kino wieder Fahrt auf. Nach dem Auftakt mit der knallrothaarigen Franka Potente in Tom Tykwers «Lola rennt» ließen sich deutsche Filme wie «Good-Bye Lenin» nicht nur mit großem Erfolg international exportieren. Sie waren plötzlich wieder preisverdächtig und staubten zwei Oscars innerhalb von vier Jahren ab. 2003 gewann Caroline Links «Nirgendwo in Afrika», in diesem Jahr das Stasi-Drama «Das Leben der Anderen» von Florian Henckel von Donnersmarck.
Kommerzieller Erfolg mit früheren Projekten oder große Erfahrungen in Form einer langer Filmographie scheinen keinesfalls die Voraussetzung zu sein, um Angebote aus den USA zu bekommen. Yapo, der bereits mit seinem Kurzfilm «Framed» das Interesse amerikanischer Agenten weckte, inszenierte lediglich den Auftragskillerfilm «Lautlos», bevor es ihn in die USA verschlug. Und Robert Schwentke drehte 2002 den Serienkillerfilm «Tattoo», bevor er drei Jahre später Jodie Foster in «Flightplan» Regieanweisungen geben durfte. Die Filme kann man an der Kinokasse eher als Flops verbuchen, jedoch haben sich beide Jungregisseure mit Thrillern ausprobiert, also mit Genrefilmen, die Hollywood ohnehin näher stehen als dem deutschen Kino und so vor allem amerikanische Talentscouts neugierig machen.
Deutsche Sparsamkeit und Effizienz
Nur Kreuzpaintner fällt dabei etwas aus dem Rahmen: Er kann weder eine marktwertsteigernde Oscar-Nominierung vorweisen wie Hirschbiegel für «Der Untergang», noch zeigte er in seinen bisherigen Filmen eine besondere Genreaffinität. Doch die Wege nach Hollywood sind vielfältig – und führten bei ihm über Roland Emmerich. Der Produzent von «Trade» wollte unbedingt ein Projekt mit dem jungen Bayern auf die Beine stellen, nachdem er dessen sensible Adoleszenzgeschichte «Sommersturm» gesehen hatte.
 |  Sandra Bullock in 'Die Vorahnung' | Foto: PR |
|
Doch auch Kreuzpaintner profitiert von der Symbiose, bei der die Filmemacher von hohen Budgets und großen Namen profitieren. Auf der anderen Seite haben die Deutschen den Ruf, sparsam zu sein und effizient zu arbeiten, weil ihnen bei ihren Projekten hierzulande deutlich geringere finanzielle Mittel zur Verfügung standen. Darüber hinaus sorgen die Regisseure in ihren Heimatländern mit ihren starbesetzten Projekten für ein verstärktes Medieninteresse. Vor einem Flop schützt das natürlich nicht. Während Yapos «Die Vorahnung» bislang das Vierfache seiner Produktionskosten einspielte, landete Hirschbiegel einen der größten Misserfolge des Jahres: «Invasion» fiel an der Kinokasse und bei der Kritik gnadenlos durch. Da besteht die Gefahr, dass die Hollywoodkarriere plötzlich genauso schnell wieder vorbei ist, wie sie begonnen hat.