02.08.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Robert Stadlober und Tom Schilling als kiffende Trainingsjacken-Träger
Foto: PR
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Filmische Liebeserklärungen an die Hauptstadt gibt es viele. «Schwarze Schafe» wagt einen radikal-exzessiven Ausflug auf der Verliererstraße, sagt Katharina Weinrich .
Oliver Rihs nennt Berlin das «Las Vegas der Subkulturen». In die Hauptstadt verschlug es den Regisseur vor sieben Jahren, seitdem sammelt er Geschichten, Gesichter, Gesprächsfetzen.
Seinen Film «Schwarze Schafe» will der gebürtige Schweizer als punkigen Episodenfilm verstanden wissen. Gemein, rotzig, lustig, grotesk und trotzdem eine Liebeserklärung. In fünf Geschichten erleben elf Underdogs eine Absurdität nach der anderen:
Handmodel und Möchtegern-Yuppie Boris Wecker (Marc Hosemann) kommt durch einen fragwürdigen Stunt zum Gratis-Hotelzimmer und Sex mit einer «Vogue»-Redakteurin. Aus Liebe greift er zu einem schmerzhaften Trick, um schnell an viel Geld zu kommen.
Charlotte Heinze (Jule Böwe) schippert auf der Spree Touris durch die Gegend und ist mit einem pegeltrinkenden Künstlerfreund (Milan Peschel) gestraft.
Breslin (Robert Stadlober) und Julian (Tom Schilling) sind zwei linksalternative Losertypen, die sich irgendwo zwischen antikapitalistischem Diskurs und innerstädtischem Hanfanbau verzetteln.
Ali (Eralp Uzun), Birol (Oktay Özdemir) und Halil (Richard Hanschmann) cruisen im geliehenen BMW durch die Stadt und landen auf der Suche nach zufälligem Sex in einer fremden Jugendsubkultur: auf einer Goa-Party.
Die Nachwuchs-Satanisten Fred (Kirk Kirchberger) und Arnold (Daniel Zillmann) holen die komatöse Oma durch ein derbes Ritual wieder ins Diesseits und finden sich mit ihrer Vorliebe für Wellensittiche und Kelly Family-Wendeshirts nur schwer in die böse Rolle ein.
Kotze, Kot, KörperteileWas auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun hat, findet seine Gemeinsamkeiten im Exzess. Oliver Rihs und Produzent Oliver Kolb verzichteten bewusst auf Fördermittel, somit auf mögliche Einmischung und auf einen Teil ihres Privatvermögens, um in schwarz/weißer Low-Budget-Ästhetik buchstäblich auf die Kacke zu hauen.
Allzu offensichtlicher Tabubruch ist natürlich gewollt und lockte durchaus namhafte Schauspieler an, die sich ebenfalls in Kompromisslosigkeit üben wollten. So spielen Robert Stadlober und Tom Schilling die Figuren verpeilter Underdogs authentisch und sich nicht in den Vordergrund. «Die Revolution meditiert nicht», wie Schilling so schön feststellt.
Zwischen Rotz und VerletzlichkeitUnbedingt sehenswert sind Jule Böwe und Milan Peschel, die ein Chaotenpärchen geben. Als Charlotte Heinze trifft Böwe eine Kommilitonin wieder, die in München zum Yuppie-Anhängsel mutiert ist. Zusammen mit ihrem Schnöselfreund zeigt sich die Neu-Bajowarin vom Berliner Elend begeistert und dokumentiert jedes baufällige Haus, jeden Penner fürs heimische Fotoarchiv. Touri-Guide Charlotte gibt sich notgedrungen als tennisspielende Zahnarztfrau und Grunewald-Anwohnerin aus. Als ihr Pleitefreund Peter blitzeblau auftaucht, bröckelt die Fassade aus Perlenkettchen und Hochsteckfrisur nicht nur, sie stürzt ein. Die beiden Frauen besinnen sich auf ihre schnodderigen Wurzeln als Berliner Gören und werfen mit F-Wörtern um sich. Böwe bewegt sich dabei sicher auf dem Drahtseil von Rotz und Verletzlichkeit.
Einen nachhaltigen Eindruck hinterläßt «Schwarze Schafe» bei jedem, der nicht vorzeitig den Kinosaal verlässt. Der Film ist von bemerkenswerter Radikalität, verliert sich jedoch zum Teil im Exzess. Wer die Kotze-Kacke-Körperteile-Komik von Regisseur Rihs übersteht, darf sich über klug eingestreute Melancholie und eine echte Liebesgeschichte freuen. Die Charaktere sind durchweg sympathisch und dürfen sich somit ruhig austoben, man verzeiht ihnen alles.
Dabei ist der Film alles andere als geschmacksneutral. Er ist sogar bitter und faulig, die Glücksmomente sind zum Teil so flüchtig, dass man sie gar nicht oder zu spät wahrnimmt. Das Leben ist kein Baumarkt, wie Ärzte-Frontmann Farin Urlaub sagen würde.