Der Duft von faulem Obst
05.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Diese Begegnung habe ich nie vergessen, und wenn Filme mit Mueller-Stahl zu sehen sind, denke ich daran, dass der Mann nicht nur ein berufener Schauspieler ist, sondern auch noch menschlich in Ordnung zu sein scheint - was unberühmte in Gegenwart berühmter Menschen ja immer irgendwie beruhigt.
Mueller-Stahl bedankte sich artig für die Ehrung seines Lebenswerks, sagte so schöne Sätze wie «Das ganze Leben ist eine Entdeckungsfahrt, man muss immer unterwegs sein», um dann lieber von anderen zu reden, die seinen Lebens- und Karriereweg gekreuzt haben, die mittlerweile nicht mehr da sind. Er erzählt davon, wie er mit einem Lehrer zwei Stunden lang die vier Worte «Komm rein, nimm Platz» geprobt habe, variiert ein bisschen. Und weil er merkt, dass dem Publikum bei so viel Können ganz mulmig wird, erzählt er eine lustige Anekdote, in der das Wort «Arsch» gleich doppelt vorkommt. Doch auch die ist zu gut, als dass er aus dem Rest des Abends nicht meterhoch hinausragen würde, und so kommt er dann bald zum Ende der Dankesrede.
Es ist die Bühne des singenden, Augenbrauen lupfenden Bully Herbig, dessen Witze an diesem Abend so übel sind, dass er selbst darüber lachen muss. Wo am Ende ein Gospelchor unter Silberflitterregen «HalloLola» singt, während der Moderator ruft «Ich träume von blühenden Kinolandschaften». Eine Bühne, die sich offenbar entscheiden musste zwischen Zote und bon mot und die Zote gewählt hatte. Das ist an sich nichts Schlechtes, nur war der große Fehler, der den Abend zum einstürzen brachte, dass die Zoten nicht unter sich blieben. Deren Höhepunkt war übrigens der Auftritt eines überkandidelten Franzosen aus der «Hui Buh»-Verfilmung. Das Publikum schien kurz davor, den Narren mit faulem Obst zu bewerfen - wäre welches zur Hand gewesen.
«Wer früher stirbt, ist länger tot» von Marcus H. Rosenmüller bekam vier Preise, darunter den für die beste Regie und die silberne Lola als zweitbester Film. So unbändig und anarchisch wie der Film über einen kleinen Jungen, der sich das Leben und Sterben erklärt und dabei auch mal kurz zum Frankenstein wird, ist offenbar auch der Regisseur. Jedenfalls war die Bühne kurzzeitig ein eigenes Kraftfeld.
Das war alles nett, schön und auch gut, doch eben bevor Müller-Stahl auf die Bühne kam. So verlief der Rest der Show ein bisschen wie unter Schock. Schock über das, was man vorher einfach hingenommen hatte und hinterher der Schock darüber, dass es einfach so weitergeht.

