netzeitung.deDer Duft von faulem Obst

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Armin Mueller-Stahl beim Filmpreis (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Armin Mueller-Stahl beim Filmpreis
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die 57. Verleihung des Deutschen Filmpreises war ein Abend vor und nach Armin Mueller-Stahl. Daran konnte auch Bully Herbig nichts ändern, sagt Sophie Albers .

Vor ein paar Jahren, an einem frühdunklen Winterabend, ging ich in Hamburg die Poststraße entlang, als mir halb unter Arkaden ein älteres Paar entgegen kam. Vor allem der Mann fiel mir auf, der in einem langen Mantel steckte, um den Hals einen Schal gewickelt und die Hände in den Taschen vergraben hatte. Ich schaute ihm genau ins Gesicht, er schaute zurück, und das war ok. Irgendwoher kannte ich ihn, und während ich das Gesicht betrachtete, überlegte ich. Als wir auf gleicher Höhe waren, fiel es mir ein. Der Mann lächelte mich freundlich und offen an, als ich rot wurde, weil es mir unangenehm war, ihn so angestarrt zu haben: Armin Mueller-Stahl.

Diese Begegnung habe ich nie vergessen, und wenn Filme mit Mueller-Stahl zu sehen sind, denke ich daran, dass der Mann nicht nur ein berufener Schauspieler ist, sondern auch noch menschlich in Ordnung zu sein scheint - was unberühmte in Gegenwart berühmter Menschen ja immer irgendwie beruhigt.

Am Freitagabend war Mueller-Stahl in Berlin, um sich den «Ehrenpreis des Deutschen Filmpreises» abzuholen, der tatsächlich so heißt. Und der Mann mit der langen, eindrucksvollen Schauspielkarriere von «Night on Earth» bis «Die Manns» wirkte auf dieser Bühne plötzlich gar nicht heimisch. Das war ein seltsamer Anblick. Mario Adorf hatte die Laudatio gehalten, leider mehr schlecht als recht, so als könne er den Künstler, der in der ersten Reihe darauf wartete, nach oben gerufen zu werden, selbst nicht fassen. Dabei kennt er ihn schon lange, noch aus Fassbinder-Zeiten.

Mueller-Stahl bedankte sich artig für die Ehrung seines Lebenswerks, sagte so schöne Sätze wie «Das ganze Leben ist eine Entdeckungsfahrt, man muss immer unterwegs sein», um dann lieber von anderen zu reden, die seinen Lebens- und Karriereweg gekreuzt haben, die mittlerweile nicht mehr da sind. Er erzählt davon, wie er mit einem Lehrer zwei Stunden lang die vier Worte «Komm rein, nimm Platz» geprobt habe, variiert ein bisschen. Und weil er merkt, dass dem Publikum bei so viel Können ganz mulmig wird, erzählt er eine lustige Anekdote, in der das Wort «Arsch» gleich doppelt vorkommt. Doch auch die ist zu gut, als dass er aus dem Rest des Abends nicht meterhoch hinausragen würde, und so kommt er dann bald zum Ende der Dankesrede.

Totale Ernüchterung
Virginia Woolf hat einmal das Problem beschrieben, dass «echter Witz, echte Weisheit, echte Tiefgründigkeit» eine Abendgesellschaft in Verzweiflung stürzen, denn die daraus resultierende Ernüchterung führe zur vollständigen Verunsicherung. Und nun stelle man sich noch einmal diese Bühne vor, auf der Mueller-Stahl gerade steht.

Es ist die Bühne des singenden, Augenbrauen lupfenden Bully Herbig, dessen Witze an diesem Abend so übel sind, dass er selbst darüber lachen muss. Wo am Ende ein Gospelchor unter Silberflitterregen «HalloLola» singt, während der Moderator ruft «Ich träume von blühenden Kinolandschaften». Eine Bühne, die sich offenbar entscheiden musste zwischen Zote und bon mot und die Zote gewählt hatte. Das ist an sich nichts Schlechtes, nur war der große Fehler, der den Abend zum einstürzen brachte, dass die Zoten nicht unter sich blieben. Deren Höhepunkt war übrigens der Auftritt eines überkandidelten Franzosen aus der «Hui Buh»-Verfilmung. Das Publikum schien kurz davor, den Narren mit faulem Obst zu bewerfen - wäre welches zur Hand gewesen.

Dank dem Team und Tom
Bei den Preisen bestand der Abend zum großen Teil aus «Dank dem Team und Tom»-Reden, da Tom Tykwers Mammut-Produktion «Das Parfum» gleich sechs Mal ausgezeichnet wurde. Doch viel aufregender war eigentlich der Triumphzug eines ganz anderen Films:

«Wer früher stirbt, ist länger tot» von Marcus H. Rosenmüller bekam vier Preise, darunter den für die beste Regie und die silberne Lola als zweitbester Film. So unbändig und anarchisch wie der Film über einen kleinen Jungen, der sich das Leben und Sterben erklärt und dabei auch mal kurz zum Frankenstein wird, ist offenbar auch der Regisseur. Jedenfalls war die Bühne kurzzeitig ein eigenes Kraftfeld.

Bleibt der Gewinner-Film: «Vier Minuten» von Chris Kraus mit einem schauspielerischen Kräfteduell zwischen Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung. Bleibtreu wurde zudem als beste Hauptdarstellerin geehrt. Und das an ihrem Geburtstag. Wie auch Rosenmüller nahm sie sich die Bühne, lachte vor Freude, zeigte aber auch, dass sie wusste, dass sie den Preis verdient.

Das war alles nett, schön und auch gut, doch eben bevor Müller-Stahl auf die Bühne kam. So verlief der Rest der Show ein bisschen wie unter Schock. Schock über das, was man vorher einfach hingenommen hatte und hinterher der Schock darüber, dass es einfach so weitergeht.