netzeitung.deDie Heldin aus der Versenkung

 Herausgeber: netzeitung.de

Szene aus 'Strajk - Die Heldin von Danzig' (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Szene aus 'Strajk - Die Heldin von Danzig'
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Volker Schlöndorffs neuer Film «Strajk» widmet sich einer fast vergessenen Heldin der polnischen Geschichte. Und gespielt wird sie von Katharina Thalbach.

Es war eine kleine, kämpferische Frau, die Anfang der achtziger Jahre maßgeblich für die Wende in Polen verantwortlich war. Außerhalb Polens ist das allerdings nahezu unbekannt. Volker Schlöndorff erzählt nun in seinem neuen Film «Strajk. Die Heldin von Danzig» davon, wie sie 17.000 Werftarbeiter inklusive Lech Walesa in der Danziger Lenin-Werft animierte, ihre Arbeit niederzulegen. Eine kleine, ebenfalls kämpferische Frau aus Deutschland spielt die Rolle dieser polnischen Nationalheldin: Katharina Thalbach.

Sie habe zunächst gar nicht gewusst, dass es da neben Walesa noch eine Kranführerin namens Anna Walentynowicz gegeben habe, die an den Umwälzungen in Polen beteiligt gewesen sei, sagt die 53-jährige Thalbach, Tochter des Regisseurs Benno Besson. Dass da noch jemand gewesen sei, der maßgeblich an der Gründung der Gewerkschaft «Solidarnosc» beteiligt gewesen sei - der Keimzelle für Polens Wandel von einem kommunistischen in einen demokratischen Staat.

Wie nur habe eine solch großartige Persönlichkeit so in Vergessenheit geraten können, fragt Thalbach, die auch als Bühnenregisseurin Erfolge feiert. «Ein Werftarbeiter, mit dem ich sprach, sagte, dass Anna und nicht Walesa an der Spitze gestanden hätte, wenn sie ein Mann gewesen wäre.» Eine Frau wäre gerade in Polen nie ernst genommen worden. Es sei ihr wichtig gewesen, diese Person, die heute als 78-Jährige in Danzig lebt, ins öffentliche Bewusstsein zu rücken und außerhalb Polens aus der Versenkung zu holen.

Wir hatten Angst
Den Aufstand der Arbeiter in Polen habe sie in der DDR ungläubig vorm Fernseher miterlebt, erzählt Thalbach, die in Ost-Berlin aufwuchs und mit dem 2001 verstorbenen Schriftsteller Thomas Brasch zusammen lebte. «Das war unglaublich, dass in einem sozialistischen Land Arbeiter die Sache in die eigene Hand nahmen», sagt die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Schauspielerin. «Wir hatten auch Angst, dass dadurch ein Krieg ausbrechen könnte. Man wusste nicht, inwieweit solche Sachen eskalieren.»

Wie bereits vor knapp 30 Jahren bei der «Blechtrommel» arbeitete sie wieder mit Schlöndorff zusammen. Und wie damals fanden auch dieses Mal die Dreharbeiten in Danzig statt. Doch die 53-Jährige sieht kaum Parallelen zum damaligen Projekt. Damals sei sie gerade anderthalb Jahre aus der DDR weg gewesen. «Dieser Film ist was Eigenständiges, hat nichts mit der 'Blechtrommel' zu tun». Die «Blechtrommel» sei ein riesiges internationales Unternehmen «mit verdammt viel Geld» und sie sei eine von vielen Schauspielern gewesen. «In diesem neuen Film bin ich Protagonistin.»

Stolz auf die Tochter
Dass ihre mittlerweile 33-jährige Tochter Anna in ihre Fußstapfen tritt, sieht sie skeptisch. «Ich weiß nur zu gut um die Gefahren in diesem Beruf und auch um die unschönen Zustände. Da will ich immer, dass sie etwas macht, was besser und sicherer ist», sagt Thalbach, die selbst seit ihrem fünften Lebensjahr auf der Bühne stand und in den späten sechziger Jahren am Berliner Ensemble und der
Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz erste große Erfolge feierte.

Aber ab einem bestimmten Punkt müsse man die Kinder machen lassen. «Und natürlich bin ich stolz, dass sie ihren Weg geht. Der ist ja noch nicht zu Ende.» (Holger Mehlig( AP)