Silvester allein mit Jack
Nachdem der «mächtigste Mann der Welt» verkündet hatte, dass die Hinrichtung des ehemaligen Diktators Saddam Hussein ein «Meilenstein auf dem Weg zu einem demokratischen Irak» sei, so die Worte von George W. Bush, war es eigentlich nur konsequent, Silvester mit einem Mann zu verbringen, der nicht einmal davor zurückscheut, US-Präsidenten zu foltern.
Der war eigentlich tot. Damit die chinesische Regierung Ruhe gibt - Bauer hatte die Botschaft gestürmt und den Konsul getötet -, hatten Kollegen und Vorgesetzte den Tod des Agenten inszeniert, unter dessen harten Händen selbst der neue James Bond keine zwei Minuten überstehen würde. Die letzten Bilder zeigten ihn mit Ray-Ban-Brille in flirrendes Sonnenlicht schreiten.
Doch noch schneller als in früheren Staffeln kehrt der einsame Cowboy diesmal aus dem Untergrund zurück. Dabei geht es zuerst nur um läppische Giftgasanschläge, mit denen russische Separatisten auf sich aufmerksam machen wollen, später dann jedoch um eine Verschwörung so großen Ausmaßes, dass selbst Bauer mal die Hand zittert.
Lektion eins Aber fangen wir ganz harmlos an: Frauen, die sich Männersprüche anhören müssen, weil sie angeblich zu große Handtaschen mit sich herum schleppen, können von nun an auf den härtesten aller Männer verweisen. In der fünften Staffel trägt Jack nämlich stets eine auffällig große Tasche um die Schulter, die ihn nicht mal zu stören scheint, wenn er mit Waffe im Anschlag durch enge U-Boote rennt. Und aus diesem «Mary Poppins»-Stoffsack zaubert er alles, was ein Superagent braucht, von der Sprengladung bis zum Magnetimpulsumleiter. Noch Fragen?
Unbedingt erwähnt werden muss auch der leider nach «Zimmer mit Aussicht» in die Fantasy-Action-Ecke abgerutschte Julian Sands, der dem Bösewicht Vladimir Bierko eine wunderbar fiese Visage verpasst.
Ja, Jack Bauers Welt ist traurig. In Staffel fünf kommt nämlich noch Lektion drei hinzu: Wenn du die Wahrheit schützen willst, musst du lügen. Mittlerweile fragt man sich, wie die «24»-Macher es verdammt noch mal schaffen, dass man die vermeintliche Struktur, die über dieses paranoide Chaos gestülpt worden ist, einfach schluckt, dass man es begrüßt, dass die Gesetze für Jack so dehnbar sind wie Kaugummi und sich nicht daran stört, dass Handy-Akkus hier ewig halten.
Apropos Mobiltelefone: Handys sind die neuen Identifizierungsmerkmale. Das war auch schon in Martin Scorseses «Departed» zu sehen. «Zeig mir dein Handy, und ich sag dir, wer du bist», gehört in «24» schon zur Entwicklung der Geschichte. Wenn früher die Farbe des Stetsons wichtig war, ist es heute das Handymodell samt Klingelton. Nur soviel: Das Motorola Razr hat die Seiten gewechselt.
Aber glücklicherweise kann sich das Blatt in den letzten zehn Sekunden immer noch komplett wenden. Denn Lektion fünf: Es ist Zufall, ob du gerade auf der richtigen Seite stehst. Und, ach ja, Lektion sechs: Lass niemals jemanden gehen, der sagt «Ich bin gleich wieder da». Aber das wissen wir ja eigentlich schon seit «Scream». Dann sind Jack Bauers 24 Stunden vorbei. Es ist 2007, und Innenminister Schäuble will erneut eine Grundgesetzänderung durchbringen, um den Abschuss eines Passagierflugzeuges zur Terrorabwehr zu ermöglichen. Und das ist ein sehr unangenehmer Déjà-Vu-Moment.
Die fünfte Staffel von «24» läuft derzeit auf RTL2. Wer die Pausen nicht erträgt: Die englische Version liegt bereits komplett auf DVD vor.

