Essen global: «We fuck the World»
28.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Nein, mit dem Genuss haben wir Deutschen es nicht. In keiner westeuropäischen Nation wird so wenig Geld für Nahrungsmittel ausgegeben - etwa ein Zehntel des Monatseinkommens ist es derzeit beim deutschen Durchschnittsbürger, Tendenz fallend. Selbst an höchster Stelle macht die herrschende «Geiz ist geil»-Mentalität offenbar nicht halt. So verkündete unlängst CSU-Politiker Horst Seehofer (derzeit Bundes-Landwirtschaftsminister) bei Sandra Maischberger in der ARD, er gehe alle zwei Wochen für 35 Euro bei Aldi einkaufen, und das reiche ihm.
«Heute kostet Streusplitt mehr als der Weizen, den der Bauer produziert. Und das müssen die Leute wissen. Das müssen die Leute wissen», sagt zu Beginn des Dokumentarfilms denn auch der österreichische Landwirt Hans Schank in die Kamera. Zu sehen ist dabei ein Lastwagen mit Anhänger, der vollgeladen mit Brot durch die nächtliche Stadt fährt. Es ist das Brot vom Vortag, das, so hat Regisseur Erwin Wagenhofer recherchiert, in der Stadt Wien gesammelt und vernichtet wird. Täglich, so sein Ergebnis, wird in Wien genausoviel Brot vernichtet, wie in Graz verbraucht wird. Die Laster, so erfährt der Zuschauer des Films weiter, sie fahren nachts.
Manchmal, so ein Fahrer, blieben ältere Menschen am Straßenrand stehen, wenn sie seine Fuhren sehen. Sie, die einen Weltkrieg und Zeiten der Armut überlebt hätten, könnten nicht fassen, was sie da sehen - dass Berge von frischem Brot einfach weggekarrt und auf den Müll geworfen werden.
In Österreich haben bereits 190.000 Menschen den Film gesehen, er ist damit der bislang erfolgreichste Dokumentarfilm des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg. Dabei ist «We feed the World» keine leichte Kost. Wagenhofer verzichtet auf Polemik, aufpeitschende Musik und wagemutige Guerilla-Einsätze à la Michael Moore. Die waren auch gar nicht nötig. «Es hat uns nicht interessiert, etwas Verbotenes aufzudecken», sagt der Regisseur selbst. «Es ist nichts in diesem Film, was außerhalb des legalen Rahmens ist. Es ist alles gesetzlich gedeckt.»
Und er nennt die Zahlen, die das komplizierte Geflecht aus Agrarsubventionen, Weltbank-Engagement und Industrieinteressen ein bisschen übersichtlicher machen: 500 Firmen erwirtschafteten etwa im Jahr 2004 52 Prozent des weltweiten Bruttosozialproduktes. Auf der Strecke bleiben die kleinen Bauern, etwa in Brasilien, die, so zeigt es der Film, noch nicht einmal sauberes Wasser für ihre Kinder haben. Ebenfalls klare Worte findet einer, der selbst an der Vernichtung der traditionellen Landwirtschaft mitgewirkt hat: der Produktionsleiter des Saatgut-Produzenten Pioneer Rumänien, Karl Otrok. Pioneer ist der weltweit größter Hersteller sogenannte Hybridsamen. Die schaffen makellose Früchte, machen die Bauern aber abhängig, den das Saatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden.
Da steht er nun, inmitten einer lieblichen Landschaft, in der die Menschen noch per Hand ernten, und sagt den Satz, mit dem für den Film geworben wird: «We fucked up the west and now we are coming to Romania, we will fuck all the agriculture here. Aber wie gesagt, ein Konzern ist eben ein Konzern. Ein Konzern hat kein Herz.» Systemkritiker Otrok ist mittlerweile in Pension, Pioneer expandiert weiter.
Erwin Wagenhofers rund 96 Minuten langer Film zeigt auch, dass das ganze globale System der Hochleistungs-Landwirtschaft, der Agrar-Subventionen und der ungleichen Handelsbeziehungen an sich krankt. UN-Botschafter Ziegler selbst hofft auf die Reform innerhalb des Systems, auf die Demokratie und auf mündige Bürger, die die Politiker per Wahlurne zu Korrekturen ermuntern werden. Viel Hoffnung aber macht «We feed the World» hier nicht. Geflügelzüchter Hannes Schulz bringt sein Gefühl so auf den Punkt: «Der Einkäufer und der Konsument haben keine Ahnung mehr, wie was funktioniert und wie was gemacht wird. Weltfremder werden die Leute und brutaler und härter. An sich interessiert den Handel der Preis, der Geschmack ist kein Kriterium.» Auch in Deutschland nicht, siehe oben.

