24.03.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Fette Beute für den Räuber Hotzenplotz (Armin Rohde)
Foto: Constantin Film
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Neuverfilmung des Kinderbuch-Klassikers vom Räuber Hotzenplotz verzaubert durch opulente Ausstattung und zeitlose «Heile Welt»-Romantik. Dabei gerät der Film aber zu lang und wird am Ende zur Klamotte.
Von Julia NiemannWer den «Räuber Hotzenplotz» nicht vom Lesen oder Vorlesen der Otfried Preußlers Buch-Trilogie her kennt, dem sind seine Figuren zumindest aus dem Marionetten- und Kasperletheater bekannt.
Tribut an das klassische Kaperletheater zollen Produzent Ulrich Limmer («Das Sams») und Regisseur und Kameramann Gernot Roll («Nirgendwo in Afrika») bereits im Vorspann ihrer am heutigen Donnerstag anlaufenden Neuverfilmung. Wer da die Kasperl- und Seppel-Marionetten tanzen sieht, fühlt sich sofort an die Augsburger Puppenkiste und deren unsterbliche TV-Version des Räuber Hotzenplotz aus dem Jahre 1967 erinnert.
Das Gefühl der Nostalgie hält an, wenn am Anfang die Großmutter, gespielt durch Christiane Hörbiger, in einer idyllischen Stadt in Bayern zu irgend einer Zeit, nur nicht heute, mit ihrer musikalischen Kaffeemühle Kaffee mahlt. In diese heile Welt bricht der nach eigenen Angaben weltbekannte Räuber Hotzenplotz (Armin Rohde) ein und raubt der Dame ihr Pläsier. Sie erkennt Täter zuerst nicht, denn sie hat ihre Brille nicht auf: «Ich höre besser ohne Brille», sagt die Großmutter und scheint, nachdem ihr klar wird, worauf der Räuber es abgesehen hat, kurz mit dem Gedanken zu spielen, lieber das Leben als die Kaffeemühle mit ihrem schönen Klang hergeben zu wollen. Aber auch dem Räuber geht es um den akustischen Genuss, was ihn einerseits als naiven Aufschneider entlarvt und andererseits nicht wirklich böse erscheinen läßt.
Getummel der CharaktereVon dort nimmt die Geschichte ihren Lauf, das Skript bleibt dabei nahe an der Buchvorlage, allerdings wurden die beiden Bücher «Der Räuber Hotzenplotz» und «Neues vom Räuber Hotzenplotz» zusammengefasst und entsprechend umgearbeitet. So wurden die Figuren des Zauberer Zwackelmann, der Fee Amaryllis und die Hellseherin Frau Schlotterbeck mit ihrem Hund Wasti in eine Geschichte gepackt, was zu einem ziemlichen Getümmel von Charakteren führt.
Dennoch läßt sich der Film in die zwei Kapitel teilen, wobei der erste Teil wunderschön in eine Märchenwelt eintaucht. Erzählt wird die Jagd der beiden Jungen Kasperl (Martin Stührk) und Seppel (Manuel Steitz) nach dem Dieb, der ihre Großmutter bestohlen hat, aber auch vom Zauberer Petrosilius Zwackelmann und der Fee Amaryllis. Das Ganze ist mit opulenter zeitloser Ausstattung, tollen Masken und Kostümen inszeniert. Armin Rohde ist ein glaubwürdiger, einerseits naiver und andererseits professioneller Räuber, Rufus Beck mit blauen Kontaktlinsen ein fürchterlicher und gleichzeitig liebenswert-witziger Zauberer und die beiden Jungen Kasperl und Seppel sind weder zu naseweiß und altklug noch zu trottelig und machen ihre Sache großartig. Die Fee Amaryllis in Gestalt von Barbara Schöneberger scheint sich allerdings über sich selbst zu mokieren und hat ihren Platz vielleicht eher in der neuen Pro-Sieben-Märchen-Reihe neben Karl Dall verdient.
Die klamottigen Elemente nehmen nach der ersten glücklichen Verhaftung des Räubers und dessen erneutem Ausbruchs nach der Überwältigung des zerstreuten Wachtmeisters Dimpfelmoser (Piet Klocke) bei aller Liebe zur Tolpatschigkeit der Figuren in einer Form zu, die auch Kinder nicht lustig finden. Langatmig sind die ewig langen Flirtereien zwischen der Hellseherin Schlotterbeck, in gewohnt aufdringlicher Schrulligkeit dargestellt von Katharina Thalbach, und Dimpfelmoser. Die Schlotterbeck raucht ununterbrochen Zigarre und ihr Krokodilshund Wasti, aufwändig computeranimiert, läuft minutenlang sinnlos herum, um schließlich dem Wachtmeister in der Fallgrube auf den Hut zu pinkeln. Das findet selbst der eingefleischteste fünfjährige Hotzenplotz-Fan nach 90 Minuten nicht witzig.
Weniger ist mehrDas heißt nicht, dass eine naiv angelegte Erzähltradition das junge Publikum in Zeiten von Kika, Computerspielen und neuen «Star Wars»-Filmen nicht mehr fesseln kann. Die Mär von Gut und Böse kann auf viele Arten erzählt werden, und ist hier weniger behäbig als in der Version von 1974 mit Gerd Fröbe. Keine Spur mehr von Improvisationstheaterflair durch tänzerische Gesangseinlagen. Aber hier wäre weniger eben mehr gewesen. Wenn Hotzenplotz wieder bei der Großmutter auftaucht und sich an ihren Würsten zu schaffen macht, möchte man aufstöhnen, weil man ahnt, was einen jetzt noch alles erwartet, obwohl man doch schon soviel hatte.
Auch wenn Kasperl und Seppel am Ende die Helden sein sollen, Seppels Trick mit den Knallpilzen, aus Angst vor deren Wirkung sich der Räuber fesseln läßt, ist für die Zielgruppe einfach zu um- und unverständlich erzählt. Bei aller Treue zur Buchvorlage, eine Entscheidung für eines der Bücher oder Mut zur Kürzung des Inhalts oder zumindest an Klamauk hätten den Familienfilm besser gemacht.