Ein Tabu fällt: 9/11 kommt ins Kino
09.01.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Vier Jahre lang hat sich Hollywood nicht an das Thema Terroranschläge herangewagt, doch jetzt ist der Bann gebrochen: In diesem Jahr werden gleich zwei Filme dazu ins Kino kommen, beide noch vor dem fünften Jahrestag am 11. September.
Oliver Stone (59), der zuletzt mit dem Historienschinken «Alexander» Kritiker und Publikum verschreckte, hat sich als erster des brisanten Stoffs angenommen. Sein Film mit dem Arbeitstitel «World Trade Center» (US-Start 11. August) erzählt die wahre Geschichte zweier Polizisten, die als letzte lebend aus den Trümmern des World Trade Center geborgen wurden.
Der Brite Paul Greengrass (50) verfilmt unterdessen für das Hollywoodstudio Universal das Drama der vierten entführten Maschine, die vermutlich das Weiße Haus oder das Kapitol treffen sollte, aber wegen eines Aufstands der Passagiere vorher in Pennsylvania abstürzte. Nach der Flugnummer heißt der Film «Flight 93» (US-Start 28. April).
Der gebürtige New Yorker Stone sieht das inzwischen ganz anders: «Der 11. September war das wichtigste Ereignis unseres Lebens», sagt der dreifache Oscar-Preisträger. «Er überschattet die Zukunft von uns allen. Für das Kino ist es essenziell, zu ergründen, was das bedeutet.» Ähnlich sieht es Greengrass: Die Passagiere in der vierten Maschine «waren die ersten Menschen, die in der Zeit nach dem 11. September lebten», sagt er. Denn durch Handyanrufe wussten sie bereits, dass zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center gerast waren. «Vierzig ganz normale Leute hatten 30 Minuten, um sich mit der Realität auseinander zu setzen, in der wir jetzt leben, und zu entscheiden, was zu tun war. Ihre Debatte ist unsere Debatte.»
Die beiden Produktionen sind möglicherweise nur der Anfang einer ganzen Welle von «September-Filmen». So hat sich Columbia Pictures bereits die Rechte für den Bestseller «102 Minuten» über die Geschehnisse zwischen dem Einschlag und dem Einsturz der Türme gesichert. Die Pietätsfrist scheint endgültig abgelaufen. (dpa)

