Rührei und eine zitternde Gewinnerin
04.12.2005
Herausgeber: netzeitung.de
«Vergesst die Filmschulen, lernt kochen», sagte Wim Wenders, nachdem er in seinen üblichen zerschlissenen Turnschuhen zum Anzug auf die Bühne der Arena in Berlin geschlurft war. Thema der feierlichen Verleihung des Europäischen Filmpreises 2005 am Samstagabend waren schließlich die Gemeinsamkeiten in der Küche und am Filmset.
Durch den Abend führte Heino Ferch, der für jeden, der die Bühne in dieser sonst eher ungemütlichen Halle betrat, einen Küchenvergleich parat hatte: Wenders sei ein Rührei-Experte, so der Schauspieler, was der Regisseur ihm mit einem «Dont Come Cooking» dankte. Wenders Film «Dont Come Knocking» war drei Mal nominiert.
Auf die Bühne stieg zur Begrüßung der Gäste nach Berlinale-Chef Dieter Kosslick auch der neue Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), dessen «Ich liebe den Film, ich liebe den europäischen Film, und ich liebe den deutschen Film. Das kann man an dieser Stelle ruhig einmal sagen», höflich beklatscht wurde. Der Vorsitzende der Filmawards-Academy Nik Powell fragte sich daraufhin, was die neue Kanzlerin «Angie» Merkel mit dem Satz, der Staat sei der Gärtner, nicht der Zaun, gemeint haben könnte.
Doch schließlich ging es endlich um Filmkunst: Mit «Only Connect» wurde ein Zitat aus EM Forsters Roman «Howards End» bemüht - «damit wir die wahren Gefühle erleben, vom Lachen bis zum Weinen».
Eigentlich hatte Jentsch ausreichend Zeit und Möglichkeiten seit der Berlinale Anfang des Jahres, Dankesreden zu üben. Doch auch an diesem Abend schien sie sympathisch-überfordert. In einem wallenden roten Abendkleid stand sie vor dem Mikrofon und rang mit zitternder Stimme nach Worten: Im vergangenen Jahr habe sie so viel Anerkennung erfahren, es sei die Zeit vieler Geschenke gewesen.
Der männliche Publikumsliebling war Orlando Bloom, dessen Auftritt in Ridley Scotts «Königreich der Himmel» den Zuschauern im Gedächtnis geblieben ist. Doch konnte Bloom den Preis leider nicht selbst abholen, er sei «irgendwo in den Bahamas», so die Entschuldigung.
Der Preis für das Beste Produktionsdesign ging an Aline Bonetto für «Mathilde - Eine große Liebe», was erwähnt werden sollte, da die Designerin das schönste Kleid des Abends trug: Eine schwarz-weiße Op-Art-Kreation mit Volants. Der andere Hingucker war der freie Rücken von Martina Gedeck, die in klassisch-schlichtem Grau erschienen war.
Julia Jentsch musste ein zweites Mal auf die Bühne, um sich die Trophäe für die Beste Schauspielerin abzuholen. Die 27-Jährige setzte sich unter anderem gegen Juliette Binoche und Audrey Tautou durch: «Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich weiß nicht, was das alles soll.»
Wieder an Hanekes «Caché» ging der Preis für den Besten Schauspieler, den Daniel Auteuil gewann. Der französische Mime ließ sich wegen eines ernsthaften familiären Problems entschuldigen.
Eine Videoeinspielung aus Los Angeles gab es anlässlich des Prix Screen International, den Hollywoodstar George Clooney für seinen Film «Good Night, And Good Luck» gewann.
Wenders Altmänner-Drama «Dont Come Knocking» gewann dann noch in der Sparte Beste Kamera und Haneke zu guter Letzt auch noch den Preis für den Besten Film. Da fühlte er sich immerhin wie «Weihnachten». Allerdings musste ihn Ferch daran erinnern, die Statue auch mitzunehmen.
Nach drei Stunden Zeremonie wurde das Buffet eröffnet. Es folgte eine gediegene Stehparty, wo neue Projekte geplant und alte kritisiert wurden und auf der sich sogar die Frau des Ex-Außenministers Joschka Fischer blicken ließ. Im kommenden Jahr soll der Europäische Filmpreis sich dann in Warschau feiern.

