netzeitung.deRührei und eine zitternde Gewinnerin

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Strahlende Gewinnerin: Julia Jentsch (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Strahlende Gewinnerin: Julia Jentsch
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Berlin ist der 18. Europäische Filmpreis verliehen worden. Michael Haneke war genervt, Hanna Schygulla hat gesungen und Julia Jentsch gezittert.

Von Sophie Albers

«Vergesst die Filmschulen, lernt kochen», sagte Wim Wenders, nachdem er in seinen üblichen zerschlissenen Turnschuhen zum Anzug auf die Bühne der Arena in Berlin geschlurft war. Thema der feierlichen Verleihung des Europäischen Filmpreises 2005 am Samstagabend waren schließlich die Gemeinsamkeiten in der Küche und am Filmset.

Deshalb begann der Abend auch mit Bildern von kochenden Regisseuren und bratenden Filmfestivalchefs. Das ging so weit, dass während der späteren Dankesrede von Sir Sean Connery hinter den mit rund 1200 geladenen Gästen besetzten Rängen Bratgeräusche zu hören waren.

Durch den Abend führte Heino Ferch, der für jeden, der die Bühne in dieser sonst eher ungemütlichen Halle betrat, einen Küchenvergleich parat hatte: Wenders sei ein Rührei-Experte, so der Schauspieler, was der Regisseur ihm mit einem «Don’t Come Cooking» dankte. Wenders’ Film «Don’t Come Knocking» war drei Mal nominiert.

Auf die Bühne stieg zur Begrüßung der Gäste nach Berlinale-Chef Dieter Kosslick auch der neue Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), dessen «Ich liebe den Film, ich liebe den europäischen Film, und ich liebe den deutschen Film. Das kann man an dieser Stelle ruhig einmal sagen», höflich beklatscht wurde. Der Vorsitzende der Filmawards-Academy Nik Powell fragte sich daraufhin, was die neue Kanzlerin «Angie» Merkel mit dem Satz, der Staat sei der Gärtner, nicht der Zaun, gemeint haben könnte.

Doch schließlich ging es endlich um Filmkunst: Mit «Only Connect» wurde ein Zitat aus EM Forsters Roman «Howard’s End» bemüht - «damit wir die wahren Gefühle erleben, vom Lachen bis zum Weinen».

17 Mal die Besten
An Abend des Tages, an dem Jean-Luc Godard seinen 75. Geburtstag feierte, suchte das «Konter-Hollywood» nach seinen Besten. In insgesamt 17 Kategorien wurden Filmschaffende geehrt. Dazu gehört der Publikumspreis, der an Julia Jentsch und Regisseur Marc Rothemund für das Drama «Sophie Scholl – Die letzten Tage» ging.

Eigentlich hatte Jentsch ausreichend Zeit und Möglichkeiten seit der Berlinale Anfang des Jahres, Dankesreden zu üben. Doch auch an diesem Abend schien sie sympathisch-überfordert. In einem wallenden roten Abendkleid stand sie vor dem Mikrofon und rang mit zitternder Stimme nach Worten: Im vergangenen Jahr habe sie so viel Anerkennung erfahren, es sei die Zeit vieler Geschenke gewesen.

Der männliche Publikumsliebling war Orlando Bloom, dessen Auftritt in Ridley Scotts «Königreich der Himmel» den Zuschauern im Gedächtnis geblieben ist. Doch konnte Bloom den Preis leider nicht selbst abholen, er sei «irgendwo in den Bahamas», so die Entschuldigung.

«Ja, äh!»
In der Kategorie Bester Regisseur gewann Michael Haneke, der sich mit seinem Film «Caché» (Versteckt) unter anderem gegen Wim Wenders’ «Don’t Come Knocking», Pawel Pawlikowskis «My Summer Of Love» und Susanne Biers «Brothers» durchgesetzt hat. Neben dem Preis holte er sich allerdings wenig Sympathie ab: «Ich habe mir nichts überlegt. Wenn man so oft nominiert ist, da müsste ich mir ja für alles was überlegen», so der Regisseur mit dem schlohweißen Scheitel. Das wurde auch nicht besser, als Haneke auch noch den Kritiker-Preis bekam: «Ja, äh!» Er habe ein déjà vu, das sei wie schon in Cannes.

Der Preis für das Beste Produktionsdesign ging an Aline Bonetto für «Mathilde - Eine große Liebe», was erwähnt werden sollte, da die Designerin das schönste Kleid des Abends trug: Eine schwarz-weiße Op-Art-Kreation mit Volants. Der andere Hingucker war der freie Rücken von Martina Gedeck, die in klassisch-schlichtem Grau erschienen war.

Standing ovations
Erste standing ovations gab es für Maurice Jarre. Der französische Komponist («Lawrence von Arabien», «Doktor Schiwago», «Die Blechtrommel») wurde mit dem Europäischen Filmpreis für seinen Beitrag zum Weltkino geehrt, was Heino Ferch gar zum Poeten werden ließ: «Seine Musik ist mir so vertraut wie das Flüstern von Blättern im Wind».

Julia Jentsch musste ein zweites Mal auf die Bühne, um sich die Trophäe für die Beste Schauspielerin abzuholen. Die 27-Jährige setzte sich unter anderem gegen Juliette Binoche und Audrey Tautou durch: «Ich weiß nicht, was ich sagen soll, ich weiß nicht, was das alles soll.»

Wieder an Hanekes «Caché» ging der Preis für den Besten Schauspieler, den Daniel Auteuil gewann. Der französische Mime ließ sich wegen eines ernsthaften familiären Problems entschuldigen.

«Schreist du vor Lust...»
Es folgte der Auftritt von Hanna Schygulla. Mit einer grauen Haar-Korona schwebte die Fassbinder-Muse auf die Bühne und besang ihren verstorbenen Freund und Mentor mit Zeilen wie «Wenn ich dich quäle/ hast du es gern» und «Schreist du vor Lust/ dann schlaf ich ein». Zu dieser Frau aus einer vergangenen Zeit gesellten sich Bilder von Fassbinder und schließlich der Neuentdeckungs-Preis für «Anklaget» des dänischen Regisseurs Jacob Thuesen.

Eine Videoeinspielung aus Los Angeles gab es anlässlich des Prix Screen International, den Hollywoodstar George Clooney für seinen Film «Good Night, And Good Luck» gewann.

Sir Sean und das Bratenfett
Und dann kam ein anderer Frauenschwarm auf die Bühne: Sir Sean Connery, der nach Berlin gekommen war, um den Preis für sein Lebenswerk abzuholen. Während der Ur-James-Bond neben Berlins Regierendem Bürgermeister seiner Laudatio lauschte, schien er wirklich gerührt. Mit der silbernen Statue in der Hand erzählte er schließlich vom schlechten Kinogeschmack in den USA und der Freiheit Schottlands. Allerdings war das Publikum etwas abgelenkt, denn hinter den aufgebauten Tribünen wurde das Nacht-Buffet vorbereitet, und während Connery sinnierte, zischte munter das Bratfett.

Wenders Altmänner-Drama «Don’t Come Knocking» gewann dann noch in der Sparte Beste Kamera und Haneke zu guter Letzt auch noch den Preis für den Besten Film. Da fühlte er sich immerhin wie «Weihnachten». Allerdings musste ihn Ferch daran erinnern, die Statue auch mitzunehmen.

Nach drei Stunden Zeremonie wurde das Buffet eröffnet. Es folgte eine gediegene Stehparty, wo neue Projekte geplant und alte kritisiert wurden und auf der sich sogar die Frau des Ex-Außenministers Joschka Fischer blicken ließ. Im kommenden Jahr soll der Europäische Filmpreis sich dann in Warschau feiern.