netzeitung.de«Es wird zu fürchterlichen Unfällen kommen»

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Rodney Brooks (Foto: MIT<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Rodney Brooks
Foto: MIT
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Filme wie «I, Robot» prophezeien den Krieg zwischen Menschen und Maschinen. Roboter-Experte Rodney Brooks sprach mit der Netzeitung über Internetverbindungen im Gehirn, «Star Trek» im richtigen Leben und den «Saft».

Rodney Brooks ist der Direktor des Instituts für Künstliche Intelligenz am weltberühmten Massachussetts Institute Of Technology (MIT) in Boston und so etwas wie der Guru der Robotik. Seit 1984 arbeitet er an der Mensch-Maschine.

Er baut Roboter, die menschlich reagieren, Humanoide. Und er entwickelt Haushaltsroboter wie etwa eigenständige Staubsauger mit seiner Firma iRobot. Den gerade in die Kinos gekommenen gleichnamigen Film «I, Robot» hat er zwar nicht gesehen, doch gibt ein Interview zu seinem Buch «Menschmaschinen» Auskunft über den Stand der Dinge in der Beziehung zwischen Menschen und Robotern.

Netzeitung: Filme wie «Terminator», «Matrix» oder auch «I, Robot» prophezeihen den Krieg zwischen Menschen und Robotern. Sie sagen, dazu wird es nie kommen, weil Menschen und Roboter eins werden.

Rodney Brooks: Zum einen: Wir entwickeln die Roboter und werden sie so programmieren, wie wir sie haben möchten. Man stellt doch auch kein wildes Pferd in eine Reitschule für Fünfjährige.

Zum anderen implantieren wir bereits Roboter-Technologie in unsere Körper. Menschen, die nicht mehr hören können, bekommen künstliche Hörschnecken. An der Universität von Utah laufen Versuche, Blinde sehend zu machen mit einer Kamera, die mit dem Gehirn verbunden ist. Dieses Produkt soll in voraussichtlich Ende des Jahrzehnts auf den Markt kommen. Es gibt da diesen Drang, Elektronik mit unserem Hirn zu verbinden. Wer weiß, Ihre Leser werden wahrscheinlich noch zu ihren Lebzeiten Internetverbindungen in ihren Gehirnen haben.

Netzeitung: Aber das Wissen über unser Gehirn ist doch sehr begrenzt.

Brooks: Immerhin gibt es schon die Möglichkeit, mit den Gedanken einen Cursor zu bewegen.

Netzeitung: Aber nur sehr ungenau. Da ist es doch einfacher, die Hand zu nehmen.

Brooks: Und was machen Sie, wenn Sie gerade autofahren?

Netzeitung: Mich auf die Straße konzentrieren...

Brooks: Nagut, wenn Sie gerade im Bett liegen. Man muss vorsichtig sein, Dinge vorauszusagen, aber vor zehn, ach was, vor fünf Jahren, haben meine Eltern noch gesagt, wir brauchen keinen Computer und auch kein Mobiltelefon. Jetzt haben sie beides. So kommunizieren sie mit ihren Enkeln. Wir wollen Neuerungen!

Netzeitung: Sie sagen, mit den Robotern wird es ähnlich sein wie mit der Gen-Technik. Noch hagelt es Kritik, doch es wird sich durchsetzen, weil es den Menschen weiterbringt.

Brooks: Wahrscheinlich wird es irgendwann zu fürchterlichen Unfällen kommen. Aber auf dem Gebiet wird weitergearbeitet. Speziell in Deutschland, wo gentechnisch verändertes Essen ein Politikum ist. Aber diese Technologien sind da. Und deshalb werden sie angewandt.

Netzeitung: Was bedeutet das für die Gesellschaft? Wird es eine Hierarchie der teueren und billigen Implantate geben?

Brooks: Schwer vorhersagbar. Aber erinnern Sie sich an die Mobiltelefone. Anfangs waren die nur was für reiche Geschäftsleute. Dann wurden sie in Dritte-Welt-Ländern plötzlich eine Möglichkeit der Kommunikation für Menschen, die nicht in der Reichweite von Festnetzen lebten. In manchen Dritt-Welt-Ländern haben sich Mobiltelefone anfangs besser verkauft als in Industrie-Staaten. Vielleicht werden einige dieser Technologien wie Gen-Technik in Dritt-Welt-Ländern eher angenommen als in den industrialisierten, weil es dort weniger Vorschriften gibt. Das kann zum Schlechten führen, aber auch zum Guten. Wenn man sich die Geschichte der Welt anguckt, wer gerade das Sagen hat, ist das ein dynamischer Prozess. Und Gen-Technologie ist letztlich preiswert. Ein Gen-Labor kostet um die 100.000 Dollar, eine Computer-Chip-Fabrik kostet Millionen.

Netzeitung: In Japan überlegt man, Roboter in der Altenpflege einzusetzen.

Brooks: Ja, die Japaner sind da schon ziemlich weit.

Netzeitung: Aber wenn Maschinen Menschen pflegen können, müssen Menschen einander nicht mehr pflegen.

Brooks: Über Computer hieß es, dass sie Menschen einsam machen. Doch sie haben zu mehr Kommunikation geführt. Wenn man die Wahl hat zwischen keiner Pflege oder Pflege durch eine Maschine, werden Menschen die Maschine wählen. So denken jedenfalls die Japaner. Die Geburtsrate dort ist sehr niedrig, die Bevölkerung wird immer älter, es gibt fast keine Immigration. Da scheinen Maschinen die einzige Möglichkeit.

Netzeitung: Lassen Sie sich in Ihrer Arbeit von Filmen und Büchern inspirieren?

Brooks: «2001 - Odyssee im Weltraum» war großartig!

Netzeitung: Wären manche Science-Fiction-Autoren gute Wissenschaftler?

Brooks: Einige vielleicht... Manchmal führt es zu technologischen Entwicklungen. Das hier [er lässt sein Mobiltelefon aufschnappen] ist Star Trek! Dass der Stromstecker am Apple-Laptop leuchtet, ist auch Star Trek! Das Leuchten ist eigentlich sinnlos.

Netzeitung: Sie haben mal gesagt, dass ihren Robotern noch der «Saft» fehlt. Meinen Sie damit die Seele?

Brooks: Nein, das Kalkül. Wie in Geometrie und Algebra. Man kann die Bewegung der Planeten beschreiben, aber nicht die Abweichungen. Dazu braucht man Kalkül. Vielleicht ist das aber auch nur eine Midlife-Crisis von mir.

Netzeitung: Ist es nicht so, dass wir die Maschinen programmieren, damit sie so reagieren, wie wir das wollen, also menschlich. Vielleicht ist deren Seele aber ganz anders. Wir wissen ja nicht, wie es sich anfühlt, ein Roboter zu sein.

Brooks: Das ist wahr. Bei Kismet und Cog [Brooks' Vorzeige-Roboter] versuchen wir, das Menschliche nachzuahmen, indem wir die kognitiven und neurowissenschaftlichen Theorien nehmen und dann modellieren. Disneyland modelliert sie an der Oberfläche. Jeder schmutzige Trick ist recht, egal wie es innen funktioniert. Der Zweck heiligt die Mittel. Bei den Robotern in unserem Labor ist der Zweck, zu verstehen, wie Menschen funktionieren. Wir modellieren so gut wir können. Vielleicht liegen wir damit völlig falsch, aber wir versuchen, dass der Roboter Dinge aus den gleichen Gründen tut, wie es beim Menschen der Fall ist.

Netzeitung: Und haben Maschinen nun eine Seele?

Brooks: Ich bin Atheist und halte Seele für eine Zuschreibung, die ich meinem Gegenüber gebe. Ich glaube, wir geben einander Seele. Deshalb sehe ich nicht, warum Maschinen, die wir bauen, die sich so verhalten wie Menschen, nicht auch Seele von uns erhalten.

Netzeitung: Aber Menschen haben auch Seele, wenn sie allein sind...

Brooks: Vielleicht haben Maschinen das auch...

Mit Rodney Brooks sprach Sophie Albers