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«Man füttert die Kinder mit Müll»

15. Jul 2004 07:31
Morgan Spurlock
Mit seinem Film «Super Size Me» hat Morgan Spurlock den Konzernriesen McDonald's in Aufregung versetzt. Mit der Netzeitung sprach der Regisseur über Leberwerte, dünne Mädchen und die Erziehung zur Fettleibigkeit.

Zwei Drittel aller erwachsenen Amerikaner sind übergewichtig. Fettreiche Ernährung ist in den USA nach dem Rauchen die zweithäufigste, vermeidbare Todesursache. Kann man noch deutlicher klar machen, dass Fast Food ungesund ist? Ja, dachte sich Autor und Regisseur Morgan Spurlock, und unterzog sich für seinen Film «Super Size Me» einem Selbstversuch. 30 Tage lang aß er ausschließlich bei McDonald's und dort vor allem die Maxi-Menüs («Super Size»).

Unter ärztlicher Aufsicht offenbarten sich erschreckende Ergebnisse: 25 Pfund mehr Gewicht, unfassbar schlechte Leberwerte, Depressionen und absolut keine Lust mehr auf Sex. Für seinen ebenso drastischen wie amüsanten Dokumentarfilm besuchte Spurlock außerdem High-School-Cafeterias und unterhielt sich mit Ernährungswissenschaftlern und Fast-Food-Junkies.

Netzeitung: Essen Sie noch Fast Food?

Spurlock: Ich esse nie in Fast-Food-Ketten wie McDonald's oder Burger King. Ich liebe wirklich gute Cheeseburger. Und wirklich gute Cheeseburger gibt es in solchen Läden eben nicht. Dazu muss man in die Kneipe um die Ecke gehen, wo noch mit frischem Fleisch gearbeitet und alles selbst hergestellt wird.

Netzeitung: Leiden Sie ein Jahr nach den Dreharbeiten noch an Nachwirkungen Ihrer Radikal-Diät?

Mehr in der Netzeitung:
Morgan Spurlock: Im Gegensatz zur Zeit vor dem Experiment lege ich mittlerweile schnell an Gewicht zu. Wenn ich zuviel esse und nicht besonders trainiere, nehme ich in Sekundenschnelle ein paar Kilo zu. Ich habe mit Ernährungswissenschaftlern darüber gesprochen, und die haben mir geklärt, dass, wenn man zu- und wieder abnimmt, die Fettzellen nicht verschwinden. Sie sind momentan nur wieder kleiner und wollen natürlich tun, was alle Fettzellen tun: Fett speichern. Ich mache mir also viel mehr Gedanken als vorher, was ich esse, und lese auch genauer als früher die Angaben auf den Packungen.

Netzeitung: Es grenzt an Ironie, dass Sie Ihren Film mit Geld finanziert haben, das Sie mit Ihrer MTV-Show «I Bet You Will» verdient haben...

Spurlock: ... und MTV sich dann weigern wollte, die Werbespots für «Super Size Me» zu zeigen. Das war echt der Hammer! Weil der Film Fast Food-Restaurants in ein schlechtes Licht rücken würde. Aber als das dann durch die Presse ging, sagten sie, die Entscheidung sei ein Fehler gewesen und von einem unbedeutenden Angestellten getroffen worden. Also liefen die Spots dann doch.

Netzeitung: Dabei treten bei MTV ständig magersüchtige Mädchen auf...

Spurlock: Ja, es sind die dünnen Menschen, die man auf MTV sieht. Aber wer schaut MTV? Die übergewichtigen Kids zu Hause in Kansas. Da muss man realistisch sein. Zwei von drei Amerikanern sind übergewichtig oder fett. Und es ist nicht so, dass es genau so viele anorexische Kids gibt. Aber natürlich ist das auch ein Problem, und vermutlich ist das Grunddilemma in beiden Fällen das gleiche: Wir haben kein Verhältnis mehr zu unserem Essen. Natürlich hilft es nicht, wenn die Medien uns vermitteln, wir müssten alle aussehen wie Brad Pitt und Elizabeth Hurley. Meine Nichte wurde sogar mal in ein Diät-Sommercamp geschickt. Dabei ist es unverantwortlich, ein 12-Jähriges Kind auf Diät zu setzen! Alle wollen groß, dünn und hübsch sein – und zwar sofort. Aber ohne tatsächlich darüber nachzudenken oder dafür zu arbeiten, sondern bitte schnell mit einer Pille oder einer Operation. Fast-Food-Thinking! Aber nicht jeder kann aussehen wie Gwyneth Paltrow. Und das ist gut so, denn Gwyneth könnte gut ein paar Kilo mehr auf den Rippen vertragen.

Netzeitung: Trotzdem war Ihnen das Thema Übergewicht wichtiger.

Spurlock: Fettsucht ist so aktuell wegen der Geschwindigkeit, mit der sie sich ausbreitet. Die Zahl der zu dicken Menschen hat sich bei uns in den letzten 20 Jahren verdreifacht. Erst langsam fällt den Amerikanern auf, welche Konsequenzen das für ihre Gesundheit hat. Plötzlich haben 12-Jährige einen Diabetes, den man sonst mit 50 oder 60 bekommt. Da muss man sich doch fragen, was hier los ist!

Netzeitung: Ihr Stil ist dem von Michael Moore sehr ähnlich. Ist er ein Vorbild? Ist der subjektive, polemische Regisseur im Mittelpunkt das neue Erfolgsrezept für Dokumentarfilme?

Spurlock: Moore ist ein toller Filmemacher, und wenn mich jemand mit ihm vergleicht, fühle ich mich natürlich stolz und geehrt. Aber mich haben die unterschiedlichsten Regisseure inspiriert. Nicht nur Dokumentarfilmer, auch Leute wie Frank Capra, Elia Kazan oder Stanley Kubrick. Bei «Super Size Me» war es mir sehr wichtig, der Mittelpunkt des Films zu sein, einfach um meinem Anliegen ein Gesicht zu geben. Ich hätte natürlich auch eine trockene Dokumentation über das Problem drehen können, aber dann hätte wohl niemand drüber geredet. Indem ich mich aber für meine Kunst «geopfert» habe, hat der Film eine Persönlichkeit bekommen. Das muss natürlich nicht jeder so machen, aber ich hoffe, dass es in Amerika bald mehr solcher kritischer Filme wie die von Michael Moore gibt. Wir haben viel zu lange darauf verzichtet, die Dinge um uns herum in Frage zu stellen. Damit müssen wir schleunigst anfangen! Mich haben manche Leute gefragt, ob ich mit meinem Film nicht anti-amerikanisch sei. Dabei finde ich, die Autoritäten in den USA zu hinterfragen, ist eine zutiefst pro-amerikanische Einstellung.

Netzeitung: Der Blick in die Highschool-Kantinen war besonders aufschlussreich. Gab es darauf schon Reaktionen?

Spurlock: Das ist erschreckend, nicht wahr? Aber so läuft das. Der Sportunterricht wird gekürzt, Ernährungs- und Gesundheitserziehung gibt es fast gar nicht, und in der Mensa füttert man die Kinder mit Müll. Von klein auf zwingen wir sie geradezu, krank und übergewichtig zu werden. Kein Wunder, dass alle immer dicker werden, wenn man sieht, was sie in der Schule lernen. Es gibt sehr viele Eltern, die den Film gesehen haben, und gleich am nächsten Tag in die Schule gefahren sind, um zu überprüfen, was ihr Kind zu essen bekommt. Viele haben mir erzählt, dass sie sich mit anderen Eltern zusammengetan haben, um an diesen Zuständen etwas zu ändern. Und genau so muss das laufen. Ich habe von Lehrern gehört, die ganze Klassen mit in den Film genommen haben. Großartig! Deswegen werden wir im Herbst mit «Super Size Me» auch auf eine Schul- und College-Tour gehen, um so viele Menschen wie möglich zu erreichen.

Netzeitung: SDer Film konzentriert sich mehr auf McDonald's als auf die Menschen, die dort essen. Trägt die Schnellrestaurant-Kette größere Verantwortung für die Fettleibigkeit als die Menschen selbst?

Hauptmahlzeit
Spurlock: Das eigentliche Beispiel für den Konsumenten bin natürlich ich, aber wir haben zusätzlich viele McDonald's-Gäste interviewt. An denen sieht man im Film ja auch, wie ungebildet die meisten Amerikaner im Bezug auf Ernährung sind. Keiner weiß, was eine Kalorie ist, niemand hat eine Ahnung, wie viel man eigentlich essen sollte. Ein Typ hat erzählt, dass er fünf bis sechs Mal die Woche Fast Food isst, und natürlich ist er fett! McDonald's habe ich schlicht aus dem Grund als Beispiel genommen, weil sie die Größten sind und weltweit ein Vorbild für alle anderen Restaurantketten. Sie hätten den größten Einfluss, wenn sie etwas ändern wollen würden: gesünderes Essen anbieten, mehr Informationen zum Essen bereit stellen, dem Kunden helfen, die klügere Wahl zu treffen. Wenn McDonald's wollte, könnten sie die Situation ändern. Und früher oder später würden andere Ketten nachziehen.

Netzeitung: Wegen Ihnen hat McDonald's die Super-Size-Menüs (die in Deutschland Maxi-Menüs heißen) abgeschafft, nachdem «Super Size Me» beim Sundance Festival so erfolgreich war.

Spurlock: Ja, das ist großartig, oder?! Aber natürlich hat das rein gar nichts mit meinem Film zu tun. Na klar!

Netzeitung: Wie groß war Ihre Sorge, als Ihre Ärzte Ihnen rieten, die McDonald's-Diät aus gesundheitlichen Gründen abzubrechen?

Spurlock: Das war verdammt erschreckend! Wenn drei unterschiedliche Ärzte einem sagen: «Hören Sie auf. Wir haben keine Ahnung, was noch mit ihnen passieren wird» – ist das schon gruselig. Man sieht es im Film nicht, aber ich habe meine Mutter angerufen, meinen Vater, Freunde, andere Ärzte. Und alle haben gesagt, ich solle aufhören. Meinen Standpunkt hatte ich ja schon glaubhaft vertreten und eindeutig klar gemacht, dass Fast Food schädlich ist. Aber mein ältester Bruder gab mir den Ratschlag, der mich weitermachen ließ: «Morgan, es gibt Menschen, die essen diesen Scheiß ihr ganzes Leben lang. Glaubst du wirklich, es kann dich umbringen, wenn du noch neun Tage weitermachst?» Das war das Logischste, was ich bis dahin gehört hatte. Und zum Glück habe ich weitergemacht, denn sonst hätten wir die Entwicklung der letzten Tage nicht mitbekommen: Mein Cholesterinspiegel ging ein bisschen runter, meine Leber stabilisierte sich ein wenig. Mein Körper passte sich also diesem schrecklichen Zustand an. Da fragt man sich doch, wie viele Menschen jeden Tag diese 'Viel Fett-viel Zucker'-Ernährung durchziehen und denken, es gehe ihnen gut. Dabei leben ihre Körper nicht mehr wirklich, sie überleben nur noch.

Mit Morgan Spurlock sprach Patrick Heidmann

 
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