12.06.2004
Herausgeber: netzeitung.de
'Höllentour'
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nie waren einem die Radprofis näher, nie sympathischer, nie hielt man sie für verrückter. Pepe Danquarts Dokumentation «Höllentour» über Männer mit rasierten Beinen.
Männer, die sich die Beine rasieren, sind entweder Transen oder Helden. Rolf Aldag steht irgendwo in Frankreich in einem mittelmäßigen Hotel in der Dusche und schabt sich mit einem Einwegrasierer die Stoppeln von den Beinen. Dort, wo sonst die Rennhose endet, zieht sich ein scharfer Absatz übers Bein. Unten, oberschenkelabwärts alles tief sonnenbraun, darüber ein käsigweißer schmächtiger Leib - bis auf die Arme, wo der gleiche Absatz verläuft. Solche Muster auf der Haut trägt nur eine Sorte Mensch: besonders verrückte Zeitgenossen, die sich freiwillig im Jahr 30.000 Kilometer lang den Hintern wundscheuern, Berge emporächzen, gegen eine verdammte Stoppuhr eine Stunde und länger mit einem Tempo fahren, das ihnen in geschlossenen Ortschaften einen Strafzettel eintrüge, die ihre Körper in langen Jahren zu Präzisionsmaschinen trainiert haben - Helden eben. Und die müssen sich die Beine rasieren, weil sich die Haarwurzeln sonst permanent entzünden würden, bei all dem Geschubber und Gedusche, dem Massieren und Einreiben.
Außerdem sind Haare extrem lästig, wenn «mal Tapete auf dem Asphalt kleben bleibt». So nennen es die Radrennfahrer, wenn sie sich, am besten im Pulk bei Tempo 60, auf die Schnauze legen und wieder ein paar Quadratzentimeter Haut auf der Straße lassen. Ohne Haare bleibt einfach weniger Dreck zurück in der Wunde, was aber auch egal ist, denn die Kruste wird abends im Hotel ohnehin noch mal entfernt. Mit einer Wurzelbürste, unter der Dusche, wie Erik Zabel erzählt. Das brenne zwar elendig, aber so bleibe wenigstens nichts zurück. Die Haut wächst meistens wieder hübsch zu, und obendrein ist es ein Harte-Kerle-Ritual, das den Mann von der Maus unterscheidet.
Der deutsche Regisseur Pepe Danquart - der 1994 für seinen Kurzfilm «Schwarzfahrer» mit einem Oscar ausgezeichnet wurde - hat für den Dokumentarfilm «Höllentour» das Team Telekom im Jahr 2003 auf der Tour de France begleitet. Vom Prolog bis zum Finale auf den Champs Elysées. Davor hat er sich in vielen Jahren ein Vertrauensverhältnis zum Team und seinen Fahrern erarbeitet, wie es nie zuvor ein Journalist geschafft hat. Es war wohl Teil des Deals, das über das Thema Doping nicht gesprochen wird. Das könnte man dem Film als Schwäche auslegen. Andererseits hätten die Sportler darüber eh nichts Aufschlussreiches erzählt. Und wer sich mit dem Thema befasst, ahnt sowieso, dass der Sport so drogenfrei ist wie Zeitungsredaktionen, Parteien, Diskotheken oder Sportvereine.
Freunde, wie man sie nur aus Filmen kenntDer lange Tempomat Aldag und der knuffige Sprinter Zabel, die sich seit elf Jahren zur Tour das Hotelzimmer teilen, die Freunde, wie es sie sonst nur in Filmen gibt, führen durch zwei spannende Stunden, wie es sie noch nie zuvor zu sehen gab. Danquart war überall dabei: bei der Mannschaftsbesprechung, beim Massieren, im Hotelzimmer, unter der Dusche, beim Arzt, beim Zeitfahren im Teamwagen. Er nimmt sich Zeit, die unendliche Leere in einem Gesicht zu zeigen, von jemandem, der gerade ein Zeitfahren hinter sich hat. Der Regisseur schwitzt, stöhnt, schweigt, analysiert, stürzt, triumphiert und verzweifelt mit den Athleten. Und der Trompeter Till Brönner findet für jeden Moment des Films den richtigen Ton.
Nie waren einem die Radprofis näher, nie sympathischer, nie hielt man sie für verrückter, nie lernte man mehr über diese verschwiegene Szene, nie zweifelte man mehr am Schaffen von Watterott, Emig, Angermann und all den anderen gelangweilten alten Männern, die im Fernsehen immer nur von Zahlen erzählen, aber nie von Menschen.
Danquart porträtiert zwei Männer, die besessen sind vom Radfahren und in ihrer Disziplin und Leidensfähigkeit Lichtjahre entfernt von ondulierten Uschis wie Beckham oder Ballack, die zugleich aber unglaublich lustig sind, philosophisch talentiert und unendlich selbstironisch. Eigentlich, sagt Aldag, seien sie ziemlich bescheuert, sich auf 21 Millimeter breiten Reifen mit 90 Sachen die Berge runterzustürzen. Und Zabel fragt: «Warum bin ich eigentlich nicht Surfer geworden?»