netzeitung.deWong präsentiert Favorit mit Verspätung

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Darsteller des Films "2046" in Cannes (v.l.): Carina Lau Ka Ling, Tony Leung Chiu Wai, Zhang Ziyi (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Darsteller des Films "2046" in Cannes (v.l.): Carina Lau Ka Ling, Tony Leung Chiu Wai, Zhang Ziyi
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Fünf Jahre drehte der Hong Konger Filmemacher Wong an seinem neuen Film «2046». Er gilt beim Filmfest in Cannes als einer der großen Favoriten.

Von Sascha Rettig

Cannes hat dieses Jahr nicht nur auf die amerikanische, sondern auch auf asiatische Filme gesetzt. Fast ein Drittel der Wettbewerbsbeiträge kamen aus Ländern wie Korea, Japan oder Thailand, die allerdings einige Male durch langweilige Mittelmäßigkeit enttäuschten. Das japanische Anime «Innocence» etwa, eine Fortsetzung des erfolgreichen «Ghost in the Shell» von 1995, konnte zwar durch seine visuellen Qualitäten beeindrucken, die Cyborg-Geschichte krankte aber an der wenig originellen Geschichte und unaufhörlicher, kryptischer Quasselei. Ganz anders der koreanische «Old Boy»: Die ultra-brutale, aber kraftvoll erzählte, innovative und spannende Rachestory könnte, gerade mit Quentin Tarantino als Jury-Präsidenten, gute Chancen darauf haben, mit einer Palme bedacht zu werden.

Auch ein anderer asiatischer Regisseur hat es besonders spannend gemacht: Wong Kar-wai. Schon seit Beginn des Festivals gab es immer wieder Gerüchte, dass «2046», der neue Film des Hong Konger Autorenfilmers, nach fast fünfjähriger Produktionszeit immer noch nicht fertig und eine Vorführung im Cannes-Wettbewerb alles andere als sicher wäre. Wong säße noch am Schneidetisch oder würde sogar noch Szenen nachdrehen, wie er es 2000 bei seinem großartigen Wettbewerbsbeitrag «In the Mood for Love» auch gemacht hatte.

Und tatsächlich: Einen Tag, bevor die Vorführung von «2046» stattfinden sollte, gab es dann Schwierigkeiten, weil Wong mit der Postproduktion zu spät fertig geworden war. Die erste Pressevorführung musste ausfallen, weil die Kopien in Paris noch untertitelt werden mussten und wurde verschoben auf den Abend in einen wesentlich kleineren Saal – ausgerechnet bei dem mit allergrößter Spannung erwarteten Wettbewerbsbeitrag, den viele Kritiker schon vor seiner Premiere als Favoriten für die Goldene Palme handelten.

Drängeln, Drücken, Schubsen
Dementsprechend war das Drängeln, Drücken und Schubsen beim Einlass zur Vorführung, dementsprechend lang waren die Gesichter zahlreicher Journalisten, die draußen bleiben mussten. Die, die es in den Saal geschafft hatten, sahen einen Film, der um Wongs Lieblingsthemen kreist, um die Liebe, um Abschiedsblicke, um gleichermaßen schöne und traurige Gesichter und um die melancholische Sehnsucht nach dem Vergangenen, die keiner so einfängt wie er. In leicht veränderten Variationen derselben Augenblicke spinnt Wong hier mit demselben Hauptdarsteller die Geschichte des Journalisten aus «In the Mood for Love» weiter. Er verwebt vier Liebesgeschichten zwischen Chow Wo-Man (Tony Leung) und so unsagbar elegant in Szene gesetzten Frauen wie Gong Li und Zhang Ziyi. Der Titel spielt dabei nicht nur auf das Hotelzimmer 2046, das man ebenfalls schon aus «In the Mood for Love» kennt, sondern auch auf den Titel des Romans, den Chow Wo-Man schreibt, den Wong wiederum als futuristischen Film im Film in die Handlung einfließen lässt.

Dabei ist «2046» ein Film, den man aus vielen Gründen als gelungen bezeichnen kann. Vor allem wegen der unsagbar schönen Bilder von Kameramann Christopher Doyle, die mit klassischen Nat-King-Cole-Songs oder Opern ineinander fließen, wegen der Nostalgie in kräftigen Gelb- und Rottönen oder wegen seiner atemberaubenden Eleganz in jeder einzelnen Einstellung. Lieben wie «In the Mood for Love» kann man ihn allerdings nicht. Dazu ist der Herzschlag nicht zu stark, sind die Gefühle nicht lebendig genug. Dennoch könnte Wong für «2046» am heutigen Samstagabend mit einem Preis bedacht werden – und wenn es nur eine Wiedergutmachung dafür ist, dass er einst mit «In the Mood for Love» leer ausgegangen ist.