netzeitung.deCannes: Pleiten, Remakes, subversiver Humor

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Ethan und Joel Coen enttäuschen in Cannes (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Ethan und Joel Coen enttäuschen in Cannes
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Während die Menschen am Strand von Cannes in der Mittelmeersonne lagen, wurde ein paar Meter weiter Weihnachten gefeiert. Natürlich auf der Leinwand, aber dafür herrlich absurd.

Dieter Kosslick muss damals wirklich sauer gewesen sein. So sauer, dass er bei der Bekanntgabe des vergangenen Wettbewerbs öffentlich machte, dass das Cannes-Festival der Berlinale Walter Salles’ Che-Guevara-Roadmovie «Motorcycle Diaries» noch nach Andruck der Programme weggeschnappt hat. Jetzt ist der geklaute Film im Cannes-Wettbewerb aufgetaucht.

In «The Motorcycle Diaries» geht es um eine Reise, die den jungen Ernesto Guevara und seinen Freund Alberto Granado mit wenig Geld von Argentinien aus über den südamerikanischen Kontinent führt. Mit beeindruckend natürlichen Landschaftsaufnahmen und basierend auf den Aufzeichnungen des späteren Revolutionärs Che folgt der brasilianische Regisseur Walter Salles den beiden Freunden auf ihrer 1952 zurückgelegten, mehr als 12.000 Kilometer langen Route.

Der episodische Film ist anfangs noch bestimmt von Motorradpannen, Erfolgen und Pleiten bei Frauen, von Abenteuerlust und Quartier- und Lebensmittelbeschaffung – bis zu der ersten Begegnung mit ausgebeuteten, chilenischen Minenarbeitern.

«Von da an änderte sich die Landschaft oder waren wir es, die sich verändert haben», sagt Ernesto dann aus dem Off. Der Sohn aus bürgerlichem Haus sieht die Armut und die ungerechten Bedingungen, unter denen viele Südamerikaner leben müssen. Salles führt die Begegnungen, die den Anstoß für die Entwicklung zum späteren Revoluzzer geben, in kurzen Snapshots vor.

Das ist alles sehr gradlinig und unprätentiös, doch kurz vor Schluss bedient sich Salles allerdings wieder der pathetischen Symbolik, die man auch aus seinen Filmen wie «Hinter der Sonne» schon kennt: Der asthmakranke Medizinstudent Ernesto schwimmt nachts durch den Fluss, rüber zur Leprainsel. Er setzt ein Zeichen. Er setzt sich ein. Er macht das, was vor ihm noch keiner gemacht hat. Er macht sich für die Ausgestoßenen stark.

Das macht den durchaus sehenswerten Film zwar nicht kaputt, aber auch nicht unbedingt zu dem großen Wurf, den man nach dem Berlinale-Drama vielleicht erwarten konnte.

Lahme «Ladykillers»
Was den Wettbewerbsfilm «Ladykillers» anbelangt, wurden die Erwartungen von Anfang an nicht wirklich hoch gesteckt. Der neue Film der Coen-Brueder war in den USA schon vor dem Cannes-Festival gestartet und hatte alles andere als hymnische Kritiken bekommen. Tatsächlich entpuppte sich das Remake der gleichnamigen schwarzen Komödie von 1955 als eines ihrer schwächeren Werke. Tom Hanks gibt darin den Poe-zitierenden, exzentrischen Honorarprofessor G.H. Dorr, einen Scharlatan mit dem Plan, sich bei der alten Lady Munson (großartig schrullig: Irma P. Hall) einzumieten und ihr Haus als Ausgangspunkt für einen Einbruch zu nehmen. Mit einer als Renaissance-Musiker getarnten Bande aus vier vermeintlichen Spezialisten will er von ihrem Keller aus einen Tunnel zu einem Kasino graben, um dort den Tresorraum ausräumen.

Anders als im Original wurde die Handlung in das Terrain verlegt, das man schon aus anderen Coen-Werken kennt: die amerikanischen Südstaaten. Der Slang ist breit, das Tempo ist gemächlich - und die Bilder sind schön. Doch über zu weite Strecken entwickelt sich, besonders für Coen-Verhältnisse, das Geschehen geradezu enttäuschend harmlos. Man wartet auf den Einbruch des bösen Humors in die sonnendurchflutete, gottgläubige Idylle. Stattdessen bekommt man einen Tom Hanks, der nach mehr als zehn Jahren Komödien-Abstinenz scheinbar nicht mehr weiß wie witzig funktioniert. Zu forciert und zu angestrengt wirkt Dorrs Exzentrik, während man bei seiner Hobbyeinbrecherbande den Eindruck nicht los wird, als hätten sie sich ihre erschreckend einfallslosen Macken ans Revers geheftet. Obwohl es Miss Munson mit ihrer resoluten, misstrauischen Art gibt, vermisst man die typischen, überraschenden Coen-Figuren.

Erst in der letzten Viertelstunde wird das Versäumte aufgeholt, dann wenn sich die Zahl der ungelenken Geldräuber bei dem Versuch, die alte Lady kalt zu machen, nach und nach dezimiert. Dann ist es allerdings schon zu spät, um diese für eine Modernisierung des Stoffes eher antiquiert anmutende des Komödienklassikers noch zu retten.

Die Coens und der schlimme Weihnachtsmann
Die Coens ließen aber nicht nur die «Ladykillers» im Wettbewerb scheitern. Sie waren, wenn auch nur als Produzenten, an Terry Zwigoffs «Bad Santa» beteiligt, der in einer Vorführung außerhalb der Palmenkonkurrenz gezeigt wurde. Befremdlicherweise wurde es, wahrend ein paar Meter weiter die Menschen am Strand in der Mittelmeersonne lagen, auf der Leinwand Weihnachten – in einer im besten Sinne übelriechenden, galligen Feiertagskomödie, die über 90 Minuten erfolgreich immer wieder auf dieselbe Pointe bringt: Einen großartig herunter gekommenen Billy Bob Thornton als gescheiterten, sexistischen, kriminellen Weihnachtsmann mit einem Zwergen-Kollegen in einem spießigen Einkaufszentrum, der Kinder hasst, aber eine besondere Vorliebe für billigen Alkohol, Analverkehr in der Umkleidekabine und wüste Beschimpfungen hat.

Thornton kam für «Bad Santa» eigens nach Cannes und stellte den Film im Kino persönlich vor, der es obskurerweise ins Cannes-Programm geschafft hat, obwohl er in den USA schon vergangene Weihnachten in den Kinos war. Wegen einer viertelstündigen Verspätung zunächst mit Buh-Rufen empfangen, ließ der unverschämt grinsende Ex-Mann von Angelina Jolie Cannes’ künstlerischen Leiter Thierry Fremaux dann frech mit seinen Übersetzungen auflaufen und forderte schließlich dem Film entsprechend das Publikum auf, sich «die Ärsche abzulachen». Nach einer Woche ohne politisch unkorrekten, subversiven Humor kamen die meisten Zuschauer ohne Zögern nach.