Cannes: Pleiten, Remakes, subversiver Humor
20.05.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Der episodische Film ist anfangs noch bestimmt von Motorradpannen, Erfolgen und Pleiten bei Frauen, von Abenteuerlust und Quartier- und Lebensmittelbeschaffung bis zu der ersten Begegnung mit ausgebeuteten, chilenischen Minenarbeitern.
«Von da an änderte sich die Landschaft oder waren wir es, die sich verändert haben», sagt Ernesto dann aus dem Off. Der Sohn aus bürgerlichem Haus sieht die Armut und die ungerechten Bedingungen, unter denen viele Südamerikaner leben müssen. Salles führt die Begegnungen, die den Anstoß für die Entwicklung zum späteren Revoluzzer geben, in kurzen Snapshots vor.
Das ist alles sehr gradlinig und unprätentiös, doch kurz vor Schluss bedient sich Salles allerdings wieder der pathetischen Symbolik, die man auch aus seinen Filmen wie «Hinter der Sonne» schon kennt: Der asthmakranke Medizinstudent Ernesto schwimmt nachts durch den Fluss, rüber zur Leprainsel. Er setzt ein Zeichen. Er setzt sich ein. Er macht das, was vor ihm noch keiner gemacht hat. Er macht sich für die Ausgestoßenen stark.
Das macht den durchaus sehenswerten Film zwar nicht kaputt, aber auch nicht unbedingt zu dem großen Wurf, den man nach dem Berlinale-Drama vielleicht erwarten konnte.
Anders als im Original wurde die Handlung in das Terrain verlegt, das man schon aus anderen Coen-Werken kennt: die amerikanischen Südstaaten. Der Slang ist breit, das Tempo ist gemächlich - und die Bilder sind schön. Doch über zu weite Strecken entwickelt sich, besonders für Coen-Verhältnisse, das Geschehen geradezu enttäuschend harmlos. Man wartet auf den Einbruch des bösen Humors in die sonnendurchflutete, gottgläubige Idylle. Stattdessen bekommt man einen Tom Hanks, der nach mehr als zehn Jahren Komödien-Abstinenz scheinbar nicht mehr weiß wie witzig funktioniert. Zu forciert und zu angestrengt wirkt Dorrs Exzentrik, während man bei seiner Hobbyeinbrecherbande den Eindruck nicht los wird, als hätten sie sich ihre erschreckend einfallslosen Macken ans Revers geheftet. Obwohl es Miss Munson mit ihrer resoluten, misstrauischen Art gibt, vermisst man die typischen, überraschenden Coen-Figuren.
Erst in der letzten Viertelstunde wird das Versäumte aufgeholt, dann wenn sich die Zahl der ungelenken Geldräuber bei dem Versuch, die alte Lady kalt zu machen, nach und nach dezimiert. Dann ist es allerdings schon zu spät, um diese für eine Modernisierung des Stoffes eher antiquiert anmutende des Komödienklassikers noch zu retten.
Thornton kam für «Bad Santa» eigens nach Cannes und stellte den Film im Kino persönlich vor, der es obskurerweise ins Cannes-Programm geschafft hat, obwohl er in den USA schon vergangene Weihnachten in den Kinos war. Wegen einer viertelstündigen Verspätung zunächst mit Buh-Rufen empfangen, ließ der unverschämt grinsende Ex-Mann von Angelina Jolie Cannes künstlerischen Leiter Thierry Fremaux dann frech mit seinen Übersetzungen auflaufen und forderte schließlich dem Film entsprechend das Publikum auf, sich «die Ärsche abzulachen». Nach einer Woche ohne politisch unkorrekten, subversiven Humor kamen die meisten Zuschauer ohne Zögern nach.

