netzeitung.deLiebe und Krieg beim Filmfest in Cannes

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Emir Kusturica (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Emir Kusturica
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wolfgang Petersens «Troja» bescherte nun auch Cannes Hollywood-Glamour. Für starke Emotionen aber sorgte Emir Kusturicas Film «Life Is A Miracle«.

Von Sascha Rettig, Cannes
 
Am Donnerstagabend kam es zum Ausnahmezustand vor dem Festivalpalais in Cannes. Auf dem Platz rund um die roten Stufen war kein Durchkommen mehr und viele der Fans ließen sich angesichts der geballten Hollywood-Männlichkeit vor ihren Augen zu lauten Schreien, orgasmischer Hysterie und hundertfachen «Brad, I love you»-Rufen hinreißen. Brad Pitt war - wahrscheinlich zum Entsetzen vieler weiblicher Fans - in Begleitung seiner Frau Jennifer Aniston gekommen, um neben Newcomer-Charmebolzen Orlando Bloom, Eric Bana und einigen anderen Darstellern Wolfgang Petersens «Troja» zu präsentieren.
Viel Aufmerksamkeit für «Troja»
Auch wenn Petersens altmodischer Sandalenfilm die Kritiker eher enttäuschte, bescherte er mit seinem hohen Staraufkommen schon am zweiten Tag den Glamour, den man im vergangenen Jahr nur sehr sparsam dosiert verabreicht bekam. Zwar feierte «Troja» seine Weltpremiere schon am vergangenen Sonntag in Berlin, für Pitt und Co. verzichtete man Cannes-untypisch allerdings auf Exklusivität und spendierte dem Film mit einer Vorführung außerhalb des Wettbewerbs noch die mediale Aufmerksamkeit der über 4000 akkreditierten Journalisten.

Pitt und Aniston in CannesFoto: AP
Die «Ilias», Homers Epos um die vom Trojaner Paris entführte Helena und den daraus entstandenen Krieg zwischen Griechen und Trojanern, hat Petersen dabei auf einen monumental durchschnittlichen, spröden Schnelldurchlauf reduziert. Ohne Götter, aber mit seltsam blutarmen Liebesgeschichten und sichtbar digitalen Schlachten übertrug sich die große Tragik des Stoffes kaum auf den Zuschauer.
Kusturicas Romeo und Julia auf dem Balkan
Von Krieg und Liebe handelt, wenngleich ganz anders als Petersens «Troja», auch Emir Kusturicas Wettbewerbsbeitrag «Life is a Miracle». Doch wie im Kusturica-Universum zu erwarten, geht es deftiger, einfallsreicher und wesentlich überdrehter zu.

Sein neues Werk hat der serbische Regisseur, der neben den vielen Wettbewerbsneuligen zu den Stammregisseuren in der Palmen-Konkurrenz gehört, zur Zeit des jugoslawischen Bürgerkrieges, 1992, angesiedelt.

'Life is a Miracle'Foto: Promo
Luka, ein serbischer Ingenieur, hat mit seiner Frau, der Opernsängerin Jadranka, und seinem Sohn Milos Belgrad verlassen und hat den Traum ein Dorf im bosnischen Nirgendwo mit Eisenbahnschienen zu verbinden, um die Gegend für den Tourismus zu erschließen. Doch dann beginnt der Bürgerkrieg und auch wenn Luka es noch nicht wahr haben will, krempelt der Krieg sein ganzes Leben um.
Die Welt, ein überschwenglicher Taumel
Ein paar Mal spielt Kusturica hier auf Shakespeare an. «Die ganze Welt ist eine Bühne», wird am Anfang des Films zitiert. Das gilt auch für «Life is a Miracle», denn wie auch in «Schwarze Katze, Weißer Kater» oder der 1996 mit der Goldenen Palme prämierten Kriegsallegorie «Underground» wird das Leben und der Film zum überschwenglichen Taumel.

Nur dieses Mal hat man zumindest in der ersten Stunde des zweieinhalbstündigen Spektakels den Eindruck, als würde Kusturica die aus dem Balkan-Temperament der Figuren herausbrechende exzessive Lebensfreude, das Chaos und die Hysterie zu weit treiben. Als stünde man kurz vor dem Kollaps und als wäre die Welt nur noch ein klamottiges Bauerntheater oder ein bebender Zirkus zu der für Kusturica-Filme unvermeidbaren Unza-Unza-Blasmusik.

Zwei Liebende aus zwei Welten'Life is a miracle'Foto: Promo
Doch «Life is a Miracle» bremst mit den ersten, wesentlich düstereren Kriegsszenen glücklicherweise ab – als Lukas Frau mit einem ungarischen Musiker durchbrennt, sein Sohn in die Armee einberufen wird und der Optimist darauf wartet, dass seine Familie zurückkehrt. Doch stattdessen wird sein Sohn gefangen genommen und Luka bekommt von serbischen Soldaten den Auftrag auf die muslimische Geisel Sabaha aufzupassen. An dieser Stelle setzt der Bezug zu Shakespeare wieder ein: Luka und Sabaha verlieben sich ineinander.

Das bekannte Motiv der Liebenden aus zwei sehr unterschiedlichen Welten wird hier zur Verbindung, durch die Kriegshass und ethnische Beschränkungen überwunden werden, die aber in einer der tragischsten, aber auch schönsten Szenen des Films wieder getrennt wird. Die Geschichte ist nicht neu, sicherlich in einigen Szenen streitbar pro-serbisch und reicht wohl eher nicht, dem Preis-verwöhnten Regisseur eine Goldene Palme zu bescheren. Aufregender als der japanische «Nobody Knows» oder der italienische «Le conseguenze dell’amore», die zwei am ersten Festivaltag gezeigten Filme von Wettbewerbs-Newcomern, ist das aber trotzdem.