«Power Trip» durch georgische Stromkabel
14. Apr 2004 11:26
 | Das Kraftwerk AES-Mtkwari | Foto: georgien-news.de |
|
Eine Dokumentation über die Geschichte der Stromversorgung in Georgien - dröger kann ein Thema kaum klingen. Doch der brilliante Film «Power Trip» ist eine Reise in den real existierenden Wahnsinn.
Von Oliver Heilwagen«Power Trip» ist ein echter Trip – nicht obwohl, sondern gerade weil er ein Dokumentarfilm ist. Er dokumentiert eine Realität, die völlig anders ist als unsere. Dabei liegt der Ort der Handlung kaum drei Flugstunden entfernt auf demselben Kontinent. Die Zeit, in der sie spielt, ist die Gegenwart. Und das Thema wirkt unüberbietbar spröde: Die Geschichte der Stromversorgung im postsowjetischen Georgien.
Doch der Film des US-Regisseurs Paul Devlin ist so spannend wie lehrreich. In nur 80 Minuten erklärt er den culture clash zwischen Erster und Dritter Welt: Warum dort viele Länder in einem Teufelskreis der Unterentwicklung stecken, den auch gut gemeinte und professionelle Hilfe nicht durchbrechen kann.
90 Prozent der Verbraucher zahlen nicht
Die (wahre) Geschichte: 1999 kaufte der amerikanische Energiekonzern Applied Energy Systems (AES) für 35 Millionen Dollar den georgischen Staatsbetrieb Telasi, der die Hauptstadt Tbilissi mit Strom versorgt. Das Unternehmen ist zu diesem Zeitpunkt faktisch pleite, weil 90 Prozent der Privathaushalte und 80 Prozent der kommerziellen Abnehmer ihre Stromrechnungen nicht bezahlen. Zudem zapfen etwa 40 Prozent der Einwohner die Leitungen illegal an – oft mit abenteuerlichen Konstruktionen aus schlecht isolierten Kabeln, die manchen Bastler per Stromschlag ins Jenseits befördern.AES investiert erst einmal 60 Millionen Dollar in die Ausstattung aller Haushalte mit Stromzählern und berechnet dann kostendeckende Preise. Rund 25 Dollar monatlich für Strom auszugeben, ist aber zu viel für Leute, die etwa 20 bis 70 Dollar im Monat verdienen. Die Zahlungsmoral bessert sich nicht, denn den Georgiern erscheinen die Forderungen aberwitzig hoch: In der Sowjetunion gab es den Strom praktisch gratis.
TV-Werbespots gegen illegales Stromanzapfen
In der Folge beginnt AES-Telasi, den Verbrauchern reihenweise den Saft abzudrehen. Ganze Stadtteile von Tbilissi sind nachts stockdunkel. Die Massen demonstrieren, zünden Autoreifen an und bedrohen AES-Mitarbeiter.AES-Telasi-Chef Michael Scholey, ein bedächtig-korrekter Amerikaner, wird zum gefragten Interviewgast der abendlichen Fernsehnachrichten und zum Buhmann der Nation. Mit TV-Werbespots versucht der Investor, seine Kunden davon zu überzeugen, die Finger von den Stromverteilerkästen zu lassen und ihre Rechnungen zu begleichen.
Täglich 120.000 Dollar Verlust
Doch geht die Rechnung nicht auf: Zwar zahlen mehr Konsumenten als vorher, doch kommt das Geld bei AES-Telasi nicht an. Es wird von den Geldeintreibern oder den Beschäftigten der Postbank einfach unterschlagen. Die AES-Buchhaltung ist total überfordert: Protestierende Geprellte verlangen erfolgreich, dass man ihnen wieder Strom liefert. Im Jahr 2001 macht AES-Telasi täglich 120.000 Dollar Verlust.Dazu kommt noch ein weiteres Problem: AES-Telasi produziert zwar mit eigenen Kraftwerken genug Elektrizität, um den Bedarf im Großraum Tbilissi zu decken, hat aber wenig Einfluss auf die Verteilung. Die Angestellten in der Schaltzentrale Satenergo erhalten häufig Anrufe aus den «höheren Etagen der Macht»: Sie sollen sofort ein Villenviertel oder einen säumigen Zahler unter den Großbetrieben an das Stromnetz wieder anschließen und dafür andere Leitungen kappen.
Minister verdient 75 Dollar monatlich
Dienstherr von Satenergo ist das Energieministerium. Ein Interview mit dem Minister, einem mürrisch-mißtrauischen Apparatschik, gehört zu den Höhepunkten des Films. Mit eisiger Miene versichert er, sein Einkommen belaufe sich offiziell auf 75 Dollar im Monat. Wie viel er für seine Gefälligkeitstelefonate erhält, sagt er nicht.Dieses Knäuel aus allgegenwärtiger Korruption, Sabotage, Willkür, Schlendrian und Ohnmacht entwirrt der Film mit leichter Hand, indem er einfach jedem Erzählstrang geduldig nachgeht. Anstatt seine Protagonisten moralisierend zu verzerren – hier die profitgierigen Kapitalisten, dort das ausgebeutete Volk – bleibt er ihnen mit der Handkamera dicht auf den Fersen.
«Denkt an die Zukunft!»
Alle sind guten Willens: Der junge britische AES-Manager Piers Lewis ist eigentlich ein Globetrotter, der gerade die Landessprache lernt und seine Gesprächspartner mit Engelsgeduld zu überzeugen versucht. Die Reporter des privaten TV-Senders Rustaweli-2 suchen heroisch nach den Verantwortlichen für die Misere, auch wenn es das Leben kosten kann. Die ehrlichen kleinen Leute würden durchaus ihren Stromverbrauch bezahlen, wenn sie es nur könnten.Doch sie verstehen einander nicht. In einer Schlüsselszene will Lewis seine Untergebenen mit den Worten motivieren: «Denkt nicht an die Vergangenheit, denkt an die Zukunft! Überlegt, was ihr erreichen wollt!» Die um ihn herum sitzenden Georgier rauchen und nicken bedächtig, als würden sie denken: «Was weiß der Junge schon. Wir haben den Zusammenbruch eines Imperiums und einen Bürgerkrieg überlebt.»
Eigeninitiative versus vertikale Befehlsstränge
Das AES-Firmenmotto «Integrität, Fairness, soziale Verantwortung und Spaß» sagt ihnen herzlich wenig. Lewis bringt es auf den Punkt: «Wir setzen auf Eigeninitiative, aber sie sind an vertikale Befehlsstränge von oben nach unten gewöhnt.» Diesen Widerspruch kann AES auch mit Investitionen von insgesamt 190 Millionen Dollar nicht auflösen.Die Geschichte geht wie zu erwarten böse aus. Im Gefolge des Bankrotts des US-Konkurrenten Enron fallen die AES-Aktien stark im Kurs. Der Konzern muss unrentable Engagements aufgeben. Im August 2003 verkauft er Telasi an Russlands Strommonopolisten UES. Damit kontrolliert Moskau, wie vor 1991, das georgische Stromnetz. Die nationale Eigenständigkeit auf dem Energiesektor ist verloren, russischer Neokolonialismus behält die Oberhand.
Hochspannung ohne Hollywood
Mutatis mutandis gilt dies für viele nominell unabhängige Entwicklungsländer: Sie können sich aus der technischen Abhängigkeit von ihren Hegemonialmächten nicht befreien. Diese so trockene wie triste Materie ist indes selten so anschaulich aufbereitet worden wie in «Power Trip». Leider existiert der Film nur in wenigen Kopien. Sollte er in einem erreichbaren Programmkino Station machen: Unbedingt ansehen! Mehr Hochspannung kann auch Hollywood mit dreistelligen Millionenbudgets nicht erzeugen.