netzeitung.deDie Würde des Klons ist unantastbar

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Franka Potente als Siri in "Blueprint". (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Franka Potente als Siri in "Blueprint".
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In Franka Potentes neuem Film „Blueprint“ spielt die Dülmenerin ihre erste Doppelrolle: Eine berühmte, unheilbar kranke Pianistin - und deren geklonte Tochter.

«Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde» – der biblische Schöpfungsmythos hat es vorgegeben, doch es sollte eine einmalige Angelegenheit bleiben – eine zwischen dem Allmächtigen und den von ihm nach seinem Ebenbild geformten menschlichen Wesen. Auch die griechische Mythologie kennt das narzisstische Motiv, sich einen Menschen als Spiegel des eigenen Selbst zu gestalten: Der Bildhauer Pygmalion entbrennt in Liebe zu einer von ihm gefertigten Frauenstatue aus Elfenbein.

Der Film «Blueprint» von Regisseur Rolf Schübel nimmt sich des Themas in seiner zukünftigen – und fast schon heutigen Version an: Iris Sellin (Franka Potente) ist eine begnadete Pianistin – mit Talent gesegnet, von Ehrgeiz getrieben – und von einer unheilbaren Krankheit bedroht. Sie ist an multipler Sklerose erkrankt, will der Welt aber in ihrer unendlichen Selbstverliebtheit das eigene musikalische Talent hinterlassen. Also überzeugt sie einen Reproduktionsmediziner, sie zu klonen und damit ihre musikalischen Fähigkeiten in einer Dublette noch einmal zu erschaffen.
Klon mit Eigenleben
«Was gedacht ist, muss auch getan werden»- so die nüchtern-pragmatische Denkweise des Wissenschaftlers, der sich ohne ethische Bedenken an das monströse Verdopplungswerk macht. Das Experiment gelingt, und fortan hat Iris in ihrer Tochter Siri die perfekte Entsprechung – sowohl in der Optik als auch im musikalischen Talent. Doch was sich beim Schaf-Klon Dolly noch so einfach gestaltete, erweist sich beim Menschen als problematisch. Denn das Original, das seine eigene Kopie erschaffen hat, rechnet nicht damit, dass diese Anspruch auf ein Eigenleben erhebt.

Das Mädchen Siri geht zunächst noch in grenzenlos bewundernder Verschmelzung in der Mutter auf, nennt diese beim Blick in den Spiegel «Mutter-Zwilling» - Iris erwidert sinnig «Du bist mein Leben». Doch das Anagramm bleibt kein Pseudonym: Als Siri im Pubertätsalter erfährt, dass sie der Klon ihrer Mutter Iris ist, bricht sie aus der symbiotischen Scheinidylle aus. Nach dem ersten gemeinsamen Konzert mit der Mutter steckt sich die Jungpianistin einen Stern mit der Aufschrift «Klon» aufs Kleid. Iris stößt an die Grenzen ihre Allmachtsphantasien und verliert zunehmend die Macht über ihre Tochter, die auf der Suche nach einer eigenen Identität bis nach Vancouver flüchtet. Doch auch ihr Eremiten-Dasein im weiten, wild-romantischen Kanada mit den Wapitis, einer scheuen Hirschart, ändert nichts daran, dass Siri in Gedanken an die übermächtige Mutter gekettet bleibt. Es wird ein schmerzhafter Abnabelungsprozess.

Schleppende Erkenntnisse
Die Filmbewertungsstelle Wiesbaden hat bereits im November das Prädikat «besonders wertvoll» für «Blueprint» vergeben. Die Begründung: Mit einem überzeugenden Drehbuch nähere sich der Film dem Tabuthema «geklonter Mensch». Tatsächlich aber wird im Film – ebenso wie in der Romanvorlage von Charlotte Kerner – das politisch heiße Eisen des Klonens mit der Kneifzeige angepackt und zum Auskühlen erst einmal beiseite gelegt. Um Moral oder Ethik geht es hier allenfalls beiläufig. Im Vordergrund steht der Identitätskonflikt zwischen Mutter und Tochter. Und der quält sich und müht sich ab vom Anfang bis zum Ende. Da wird weder die Flucht bis ans einsame Ende der Welt noch der verzweifelte Versuch der Selbstauslöschung als Befreiungsakt ausgespart.

In ermüdender Wiederholung scheitert Tochter Siri immer und immer wieder an der Vorstellung, nur eine Kopie und damit die willenlose Marionette ihrer Mutter zu sein. Dass sie vielleicht trotz ihres Mangels an eigenen Genen eine eigene Seele hat, muss ihr erst ein kanadischer Waldschrat (gespielt vom isländischen Shooting Star Hilmir Snaer Gudnason) einhämmern, in den sie sich nach anfänglichem erfolglosen Sträuben dann auch prompt verliebt. Ein eigenes Ich ist in «Blueprint» also erst durch die Bestätigung eines Mannes möglich.

Du sollst nicht Gott spielen
Franka Potente spielt sich hartnäckig und verwandlungsfähig durch eine melodramatische Handlung, die auch durch die großartigen Bilder von Vancouver und Vancouver Island nichts von ihrer Angestrengtheit verliert. Potentes Art, die Iris/Siri-Rollen anzulegen («Ich fänd es spannend, wenn die, die das Original ist, eigentlich sehr viel künstlicher ist als die Kopie») ist zwar aufgegangen, jedoch bleibt die Rolle der Mutter dadurch sehr statisch und eindimensional. Die strategische Herausforderung des Doppelspiels hat die Dülmenerin, die für den Film auch Klavierspielen lernte, souverän gemeistert: Im so genannten «Motion Control»-Verfahren musste sie mit einem Anspiel-Double jeweils die gleichen Szenen aus unterschiedlicher Perspektive spielen.

Zu den großen Filmen der «Lola rennt»-Darstellerin wird «Blueprint» nicht gehören – dafür ist der Inhalt zu sentimental und zu nah an der Kitsch-Grenze. Und so hat ihn Franka Potente denn auch folgerichtig (wenn auch aus anderen Gründen) gedanklich schnell ad acta gelegt: «Bei Blueprint ist es so: Zu der Zeit, zu der ich ihn gemacht habe, stand mein Leben gerade so ein bisschen Kopf. Deshalb ist alles, was mit dem Film zusammenhängt, extrem verblasst. Ich kann mich noch gut an andere Sachen erinnern, ich hatte so ein Haus in Münster, als wir gedreht haben, morgens um sechs bin ich immer barfuß auf das nasse Gras gegangen mit einem Kaffee und hab' gedacht: Wie schaff ich diesen Tag nur? Daran kann ich mich besser erinnern als an die Dreharbeiten.»

«Blueprint» – die Geschichte vom Reagenzglas-Produkt, das ungefragt ein Eigenleben entwickelt, aus dem es seinen Schöpfer schließlich ebenso ungefragt hinausschubst. Der Zuschauer lernt – wenn er es nicht ohnehin schon wusste: Finger weg vom Klonopoly. Gott spielen ist eben nicht für den Menschen gedacht - und auch der Klon an sich hat Gefühle.