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Sprechblasen fürs Vaterland

05. Aug 2002 14:21
Der amerikanische Held Captain America, Quelle: Marvel.com
Vieles hat sich nach dem 11. September geändert - auch die Inhalte mancher amerikanischer Comichefte. Propaganda pur heißt derzeit das Motto großer Verlage.

Captain America ist eine der wohl schillerndsten Superhelden-Figuren. Doch nicht nur das: Der Weltenretter im blau-weiß-roten Strampelanzug wurde 1941 vor allen Dingen zu Propagandazwecken erschaffen. Er sollte Stimmung gegen das Naziregime in Deutschland machen.

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Allein der Titellied-Text der Zeichentrickserie spricht Bände. Eine Übersetzung: «Wenn Captain America sein gewaltiges Schild wirft, müssen sich alle ergeben, die sich gegen ihn stellen. Wenn er eine Schlacht führt und ein Duell fällig ist, kommt das Rot und das Weiß und das Blau bei ihm durch - wenn Captain America sein gewaltiges Schild wirft.» Wenn das nicht Patriotismus pur ist!

«Wir müssen Amerika sein»

Im April wurde die Serie rund um den wohl patriotischsten Amerikaner beim Marvel-Verlag neu gestartet. Vier Ausgaben sind bereits erschienen. In dieser Neuauflage wird Captain America nun dafür benutzt, den Patriotismus in Amerika zu fördern.

Anscheinend trägt das Bemühen Früchte: «Großartige Zeichnungen», lobt da das amerikanische Internetmagazin Conacopia, «und die Zeichnungen sind wirklich großartig. Man kann die Schmerzen in Captain Americas Augen sehen. Ihn so in seiner Uniform zu beobachten, hat denselben Effekt auf den gewöhnlichen Menschen. Und auch die Geschichte ist phantastisch, diese Worte können nur von einem Menschen kommen – von Captain America.» Und dann zitiert die Kritik eine Textpassage des Comic-Heftes: «Wir müssen stärker sein als wir je gewesen sind – als ein Volk, als eine Nation. Wir müssen Amerika sein.» Und genau das seien die Amerikaner – so jedenfalls der Autor der Kritik.

Eines der ersten Comics, das sich auf patriotische Art und Weise zum Terroranschlag äußerte, war «Heroes» vom Marvel-Verlag. Das 64-seitige Heft erzählte jedoch keine Geschichte, sondern bot den Zeichnern auf Einzelseiten die Möglichkeit, jeweils ein Szenario zu entwerfen.

Die Süddeutsche Zeitung äußerte sich folgendermaßen zum Machwerk: «Die 'Heroes'-Bilder - von Zeichnern wie Stan Lee, John Romita Sr. und Todd McFarlane - erinnern in ihrem Pathos an sowjetischen Arbeiter- und Bauernkitsch.» Das deutschsprachige Comicmagazin «Edition Panel» fand, dass das Heft «mit Patrioten-Ästhetik und pathostriefenden Worten» enttäuschte. Es dokumentiere dabei «auf eindrucksvolle Weise die ganze Palette der amerikanischen Ikonisierung des Banalen.»

Ruhe nach dem Sturm

Danach folgte bei Marvel eine vierteilige Miniserie namens «A Moment of Silence», in dem unter anderem Comiczeichner Kevin Smith eine Geschichte nach einer angeblich wahren Begebenheit erzählte. Smiths Comic-Charaktere Jay und Silent Bob traten vor kurzem in ihrem ersten, großen Kinofilm auf. Das Vorwort der Reihe schrieb der zu diesem Zeitpunkt noch amtierende Bürgermeister von New York, Rudolph Giuliani.

Kämpft fürs Vaterland: Superman, Quelle: DCComics.com
«A Moment of Silence» erschien im sogenannten «Nuff Said»-Monat von Marvel. Alle Comichefte hatten ohne Worte auszukommen - sozusagen als Ruhe nach dem Sturm gedacht. Etwa eine halbe Millionen Dollar der Einnahmen gingen an den Twin Tower Fund, deren Spendeneinnahmen den Familienangehörigen von Polizei-, Sanitär- und Feuerwehrangestellten zugute kommen, die am 11. September aufgrund des Terroranschlags in New York ihr Leben verloren.

Bier trinken gegen Terror

Bei vielen Lesern kamen diese Stummfilm-ähnlichen Hefte jedoch eher weniger gut an - trotz des kommerziellen Erfolgs. «Es ist genauso schlecht wie ich dachte», schreibt da ein amerikanischer Comicfan in einer Diskussionsgruppe über all die Geschichten aus dem Marvel-Angebot. «Ich hatte die Hefte von Thor, Spider-Girl und den Exiles, und alle waren sie ohne Text. Alle drei Hefte habe ich in ungefähr einer Minute durchgeblättert, und sie waren im Wesentlichen alle blöd.» Und: «Die Zeichnungen waren zwar so gut wie immer, aber die Hefte sind insgesamt einfach nur mangelhaft.»

Der konkurrierende Comic-Verlag DC legte mit der zweiteiligen Reihe «9-11» nach, die ebenfalls diversen Autoren und Zeichnern die Möglichkeit gab, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Und wie verkaufen sich solche Comics in Deutschland? «Es lief vor ein paar Wochen ganz gut», sagt Berd Henning, Mitinhaber des Berliner Comicladens Grober Unfug, «die Hefte haben sich verkauft.»

James Kochalka im Selbstporträt, Quelle: Americanelf.com
James Kochalka, Autor und Zeichner von amerikanischen Independent-Comics, verarbeitete ebenfalls die derzeitige Stimmung in Amerika. Man sieht ihn in einem seiner Comicstrips in den Kühlschrank blicken und einen Freund fragen, ob er sich ein Bier genehmigen sollte. «Warum nicht!», antwortet dieser. Daraufhin Kochalka: «Hast Recht, das ist nach alldem immer noch Amerika.» Sein Kumpel weiter: «Wenn du kein Bier trinken würdest, würde es bedeuten, dass die Terroristen gewonnen hätten.» Kochalka öffnet die Bierflasche und denkt sich mit siegessicherem Blick: «Genau, sie werden niemals gewinnen.»

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